PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Achtsamkeit mit jungen Menschen

Achtsamkeit mit jungen Menschen

Sie haben vielleicht einige Achtsamkeitsübungen ausprobiert, einen Kurs besucht, Bücher über Achtsamkeit und gelesen oder sogar selbst schon eine Übung angeleitet. Wenn man das Wunder der Achtsamkeit für sich entdeckt, kann das Bedürfnis entstehen, das Gelernte auch in den beruflichen Alltag zu bringen. Hier erhalten Sie Anregungen für erste Schritte.

Lehrerin Lisa Viehoff mit Schülerinnen

Lisa Viehoff mit ihren Schüler:innen an ihrem Gymnasium in Berlin. Der Film Teachers For Life stellt ihre Arbeit vor.

Selbst achtsam sein

Wenn Sie begonnen haben, eine eigene Achtsamkeitspraxis aufzubauen, können Ihnen kleine Achtsamkeits- Übungen und -Rituale helfen, achtsam durch den Tag zu gehen. Nehmen Sie sich vor, ein paar alltägliche Handlungen, z.B. in der Schule oder Kita langsamer und mit mehr Präsenz zu tun. Versuchen Sie, weniger in Eile zu geraten und weniger automatisch zu reagieren.

Nehmen Sie sich Anfang nicht zu viele Übungen auf einmal vor. Besser ist es, zwei oder drei auszuwählen und diese eine Woche lang zu praktizieren. Wenn Sie eigene Ideen haben können sie diese jederzeit ausprobieren.

Und bedenken Sie: Immer wenn Sie bemerken, dass Sie beispielsweise in Hetze geraten oder unkonzentriert sind, ist dies bereits ein Zeichen für wachsende Achtsamkeit. Versuchen Sie, in diesen Situationen freundlich und unterstützenden mit sich selbst umzugehen und sich nicht zu verurteilen.

 

Kleine Übungen für den Alltag

01

Wenn ich meine Tasche packe, versuche ich, mit meiner Konzentration ganz dabei zu sein.

02

Wenn ich gehe, nehme ich die Bewegungen meiner Füße wahr.

03

In der Pause trinke ich meinen Kaffee oder Tee bewusst, auch wenn ich wenig Zeit habe.

04

Bevor ich die Tür des Klassenzimmers öffne, nehme ich drei bewusste Atemzüge.

05

Wenn ich meine Hände wasche, nehme ich die Empfindungen in meinen Händen wahr.

06

Auf dem Weg nach Hause nehme ich meine Empfindungen wahr und atme einige Male bewusst aus.

Achtsam unterrichten und interagieren

Achtsamkeit hilft, besser mit sich, den Körper-Empfindungen, Gefühlen und Gedanken im Kontakt zu sein. Je mehr Erfahrungen Sie mit Achtsamkeit  haben, um so früher und bewusster werden Sie Ihre gedanklichen, körperlichen und emotionalen Reaktionen auf Stress im Kollegium oder Konflikte mit jungen Menschen bemerken.

Sie werden auch die Reaktionen von Kindern und Jugendlichen anders einordnen. Je mehr Achtsamkeit und Selbstfürsorge Sie entwickeln, desto besser lernen Sie, auch in schwierigen Situationen bei sich zu bleiben und Gefühle weniger nach außen zu agieren.

Anspannungen, Unsicherheit und Ärger werden durch Achtsamkeit nicht verschwinden. An manchen Tagen sind Kinder unruhig, es gibt anstrengende Stunden. Auch wenn Sie schon viel Übung haben, wird es Abende geben, an denen Sie einfach froh sind, den Tag einigermaßen überstanden zu haben.

Achtsamkeit kann Ihnen im beruflichen Alltag helfen, Ihre Emotionen einerseits nicht zu übergehen und sich andererseits auch nicht von ihnen überwältigen zu lassen. Nach und nach werden Sie lernen, öfter zu beobachten, wie Ihre Gefühle entstehen und wie sie sich ununterbrochen verändern.

Drei Schritte für den Umgang mit Gefühlen

Zuerst kann es hilfreich sein, sich Gefühlen wie Ärger, Wut oder Hilflosigkeit bewusst zuzuwenden, sie zu benennen und innerlich zu sich selbst zu sagen: „Ich bemerke Ärger, wenn der Lärmpegel steigt.“ Oder: „Ach, interessant, in dieser Situation entsteht gerade ein Gefühl von Hilflosigkeit.“

Im zweiten Schritt können Sie sich sagen: „Ich darf so fühlen“. Oder: „Es ist in Ordnung, Hilflosigkeit zu empfinden.“ Bleiben sie dabei freundlich und einfühlsam mit sich selbst.

Im dritten Schritt machen Sie sich bewusst:
„Ich bin nicht der Ärger.“
„Es geht vorbei.“
„Ich warte jetzt, wie es mir in fünf Minuten geht“.

Dieser innere Dialog kann helfen, Gefühle zu benennen und sich weniger von ihnen steuern zu lassen. Sobald Sie innehalten und sich Ihren Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen interessiert zuwenden, entsteht die Möglichkeit, bewusster zu reagieren und Ihre Handlungen und Reaktionsweisen freier zu wählen.

Achtsamkeit an junge Menschen weitergeben

In erster Linie unterrichten Sie Achtsamkeit, indem Sie Vorbild sind: Sie sind selbst achtsam und gehen umsichtig mit sich selbst und ihren Reaktionen um.

Vielleicht haben Sie das Bedürfnis, auch den Kindern und Jugendlichen etwas von dem zu vermitteln, was Sie gelernt haben. Für viele besteht die Hauptschwierigkeit beim Anleiten von Achtsamkeit zunächst  darin, Übungen zu finden, die ihrer individuellen Situation angemessen sind.

Es gibt keine einheitliche Methode, die für alle richtig ist. Hilfreich ist es, einmal aufzuschreiben, was Sie dazu motiviert, Achtsamkeit zu unterrichten. Welche Vision haben Sie für sich selbst und für die Kinder und Jugendlichen?

Ihre Liste darf im Lauf der Zeit wachsen und sich verändern. Halten Sie sie griffbereit und lesen Sie sie mindestens einmal in der Woche. Sie können auch ein kleines Ritual daraus machen.

Wie fange ich an?

In der Gruppe oder der Klasse ist es dann hilfreich, mit dem anzufangen, was Ihnen selbst Freude bereitet und womit Sie sich wohlfühlen. Wenn Sie sich gern körperlich bewegen, können Sie Übungen anleiten, die mit Bewegung zu tun haben.

Mögen Sie es, mit allen Sinnen wach und präsent wahrzunehmen? Dann sprechen Sie mit Ihren ersten Übungen die Sinne an: Achtsames Hören, Tasten, Riechen und Schmecken sind für junge Menschen ein guter Weg in die Achtsamkeit.

Haben Sie gute Erfahrungen mit Atemübungen gemacht? Dann starten Sie mit zwei oder drei Minuten, in denen Sie in Ihrer Klasse oder im Kreis mit Kindern einfach nur den Atem beobachten.

Mit einem Ritual beginnen

Folgen Sie Ihrer Intuition und lösen Sie sich von dem Druck, perfekt sein zu müssen. Ein schönes Ritual kann es sein, zu Beginn jeder Schulstunde, vor Gruppentreffen oder auch bei Zweiergesprächen die Übung „Mir selbst zulächeln“ anzuleiten.

Bitten Sie Kinder und Jugendliche, in eine gute Sitzposition zu kommen. Die Augen dürfen offen sein oder sich schließen.

Ermutigen Sie die Schüler*innen in ihrem Körper anzukommen: den Kontakt der Füße zum Boden zu spüren, den Kontakt der Oberschenkel zum Stuhl und der Hände zu den Oberschenkeln oder dem Tisch.

Führen Sie die Aufmerksamkeit der Kinder dann zum Atem und laden Sie sie ein, die Hände auf den Bauch zu legen und zu spüren, wie sich die Bauchdecke hebt und senkt.

Zum Abschluss der Übung lenken alle die Aufmerksamkeit zum Gesicht und schenken sich selbst ein Lächeln. Beenden Sie die Übung und laden Sie die Kinder ein, auch dem Sitznachbarn oder allen in der Runde ein Lächeln zu schenken.

Experimentieren Sie mit Achtsamkeits-Übungen im Schulalltag. Wenn Sie mehr machen möchten, können Sie eine Weiterbildung für Lehrende besuchen, hier eine Auswahl: 

Wie gehe ich mit Widerstand um?

Wenn Sie selbst Achtsamkeit üben, kennen Sie die Widerstände, die dabei entstehen können. Still zu werden, Körperempfindungen zu bemerken oder über Gefühle zu sprechen ist vielen Kindern und Jugendlichen fremd.

Manche reagieren von Anfang an positiv und sind offen für die Übungen, andere brauchen Zeit. Manche werden sich vielleicht gar nicht damit anfreunden oder lehnen Achtsamkeit ab. Das ist okay, es ist nur ein Angebot und sollte immer freiwillig sein.

Machen Sie sich immer wieder bewusst, dass Sie Kindern nichts beibringen müssen. Als Achtsamkeitslehrerin teilen Sie einfach nur die Erfahrungen, mit Hilfe der Achtsamkeit Schönes zu entdecken, freundlich mit sich umzugehen, Dinge mit anderen Augen zu sehen und mehr über sich und andere zu erfahren.

Geben Sie viel Raum für Freiwilligkeit, erzwingen Sie nichts. Schaffen Sie zugleich die Sicherheit, dass sich bestimmte Übungen regelmäßig wiederholen. Niemand sollte zu Übungen gezwungen werden, aber alle, die möchten, sollten die Möglichkeit haben, an ihnen teilzunehmen.

Authentisch zu sein, eigene Schwierigkeit zuzugeben, einem Kind zu sagen: „Ich weiß, wie es ist, wenn man unruhig wird, wenn einem die Übung langweilig ist, wenn man viele andere Dinge im Kopf hat oder Ärger aufkommt“ ist ein wichtiges Merkmal Ihrer achtsamen Haltung.

Machen Sie sich immer wieder bewusst: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Alle üben gemeinsam. Wenn Sie lernen, mit eigenen inneren Widerständen achtsam umzugehen, wird Ihnen das helfen, mit Widerständen bei Kindern und Jugendlichen umzugehen und herauszufinden, was ihnen Freude macht und hilfreich ist.

Wie binde ich die Kolleg:innen ein?

Um Ihre Schulleitung und Kollegen einzubinden, bieten Sie am besten einen Infoabend an. Ein guter Einstieg ist, grundlegende Erkenntnisse der neurobiologischen Forschung zur Achtsamkeit zu vermitteln. Das Buch von Peter Sedlmeier „Die Kraft der Meditation“ bietet viel Material auf wissenschaftlicher Basis.

Wenn die Offenheit da ist, können Sie auch ein oder zwei kurze Achtsamkeitsübungen anleiten. In der „Schatzkiste Achtsamkeit“ von Nils Altner und in dem Buch „Die achtsame Schule“ von Daniel Rechtschaffen finden Sie viele Anregungen.

Für viele Menschen ist es wichtig zu erfahren, dass es sich hier um eine Übungspraxis handelt, die nicht in Verbindung mit Religion oder Esoterik steht. Sie ist weltanschaulich neutral, und genau so sollte sie im Schulkontext vermittelt werden.

Sprechen Sie mit Kolleginnen und Kollegen über Ihre eigenen Erfahrungen, ohne Achtsamkeit als Allheilmittel anzupreisen. Vielleicht findet sich ja auch ein kleiner Kreis von Lehrkräften, die sich in einer Arbeitsgruppe intensiver mit Achtsamkeit befassen möchten.

Viele Übungsanleitungen sind im Internet frei zugänglich. Sie können sich auch nach und nach zum Beispiel die Video-Vorträge anschauen, die wir auf unserem YouTube-Kanal zur Verfügung stellen.

Wie beziehe ich die Eltern ein?

Es ist gut, von Anfang an die Eltern in Ihr Vorhaben einzubinden, sofern diese Interesse haben. Zumindest ist hilfreich für Ihre Arbeit, wenn Sie Ihnen auf einem Elternabend kurz und sachlich beschreiben können, um was es Ihnen mit der Achtsamkeitspraxis in der Klasse  geht.

Sie können darüber sprechen, dass die Wirkung von Achtsamkeit durch wissenschaftliche Studien belegt ist. Zeigen Sie Eltern eine oder zwei kurze Übungen, die diese Zuhause mit ihren Kindern machen können.

Laden Sie Eltern dazu ein, sich von Kindern Übungen zeigen zu lassen, verteilen Sie Übungen auch schriftlich, damit die Eltern sich sicher fühlen.

Gehen Sie mit Skepsis und Kritk konstruktiv um und unterstreichen Sie, dass das Angebot zur Achtsamkeit freiwillig ist. Es kann Kindern helfen, Stress abzubauen und besser zu lernen. Aber nicht jedes Kind ist bereit dazu, und das wird respektiert.

Text: Julia Grösch

Vimeo

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Vimeo.
Mehr erfahren

Video laden

Bildquellen dieser Seite anzeigen

  • Lena Viehoff mit Schüler:innen: Teachers For Life
  • Lehrerin an der Tafel: Mlenny | iStock
  • Aischu-Körper-Übung: Jörg-Ladwig/ Vera Kaltwasser
  • Frau im Seminar: skynesher/ Gettyimages