Effekte von Achtsamkeit im Bildungswesen


Eine Einführung von Karlheinz Valtl

Was ist Achtsamkeit?

 

Achtsamkeit bezeichnet die Fähigkeit von Menschen, ihre Aufmerksamkeit bewusst zu steuern und auf die Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks zu richten, verbunden mit einer achtsamen Haltung, die umschrieben wird mit Begriffen wie Vorurteilslosigkeit, Akzeptanz, Geduld und Mitgefühl. Achtsamkeit verbindet damit sonst eher unabhängig voneinander betrachtete Dimensionen, und zwar mentale Fähigkeiten (hier v.a. Aufmerksamkeitsregulation) und ethisch relevante Haltungen.

Der Begriff Achtsamkeit hat eine lange Tradition und entstammt ursprünglich der buddhistischen Lehre. Achtsamkeit ist ein natürliches Potenzial von Menschen, das allerdings erst durch kontinuierliche Übung voll entfaltet werden kann. Zu diesen Achtsamkeitsübungen zählen verschiedenen Formen von Meditation sowie Übungen zu Körpergewahrsein, sinnlicher Präsenz und bewusster Lebensführung im Alltag.

In den Fokus der Wissenschaft kam Achtsamkeit seit den 1990er Jahren, nachdem festgestellt wurde, dass achtsamkeitsbasierte Trainingsprogramme – wie z. B. das Acht-Wochen-Programm Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) – zu überraschend positiven Effekten selbst bei schwierigen klinischen Zielgruppen führten. Dies führte zu zahlreichen wissenschaftlichen Studien sowie zur Entwicklung vieler darauf aufbauender Trainings- und Therapieprogramme. In der Folge entstanden auch achtsamkeitsbasierte Angebote für Schulen (s. u.).

Parallel zu dieser wissenschaftlichen Entwicklung ist Achtsamkeit auch ein kultureller Trend [1], der als Antwort auf eine Reihe von Herausforderungen der Gegenwart verstanden werden kann. Zu diesen Herausforderungen zählen:

  • der zunehmende Stress und das hohe Tempo des beruflichen und privaten Lebens, verbunden mit der Zunahme psychischer Erkrankungen – Achtsamkeit bietet sich hier als ein wirksames Gegenmittel an
  • das hohe Maß an Ablenkung und der Zwang zu Erreichbarkeit durch digitale Medien – diesem kann durch bewusste, achtsame Mediennutzung entgegengesteuert werden
  • die Suche nach einem Lebensstil der – in Anbetracht der Grenzen des materiellen Wachstums und der Umweltzerstörung – mehr auf nicht-materiellen Ressourcen wie z. B. Achtsamkeit basiert
  • die Frage nach einer zeitgemäßen Ethik, die der Diversität und Globalität des gegenwärtigen Lebens Rechnung trägt und auf einer achtsamen und mitfühlenden moralischen Sensibilität beruht.

 

Achtsamkeit im Bildungswesen

 

Achtsamkeitsbasierte Angebote in Schulen gab es zunächst in den USA (ab 2001) und später auch in Europa (ab 2008) und anderen Ländern. Diese Angebote für Schülerinnen und Schüler beschreiten im Wesentlichen zwei verschiedene Wege: Es gibt einerseits manualisierte Programme, deren Themen und Ablauf weitgehend fix sind – wie z. B. das britische Programm dot b des Mindfulness in Schools Project (MiSP). Und es gibt andererseits Methodensammlungen zur flexiblen situativen Verwendung durch Lehrerinnen und externe Referenten – wie z. B. das Praxisbuch achtsame Schule von Daniel Rechtschaffen (2018).

Das Themenspektrum der schulbasierten Angebote lässt sich beispielhaft anhand des erwähnten Programms dot b für 14- bis 18-Jährige zeigen. Es umfasst neun Schulstunden zu folgenden Themen:

  1. Einführung in Achtsamkeit
  2. Die Aufmerksamkeit spielerisch trainieren
  3. Zur Ruhe kommen: Den Geist zähmen
  4. Umgang mit Sorgen: Erkennen, wie der Geist Gerüchte erzeugt
  5. Präsent sein im Hier und Jetzt – vom Reagieren zum bewussten Handeln
  6. Achtsame Bewegung und körperliche Präsenz
  7. Zurücktreten und den Gedankenstrom beobachten
  8. Stress: Schwierigen Momenten freundlich begegnen
  9. Das Positive wertschätzen und mit dem Herzen präsent sein [2]

 

Das Spektrum der Übungen, durch die diese Fähigkeiten trainiert werden können, wird in der schon erwähnten Methodensammlung Praxisbuch achtsame Schule von Daniel Rechtschaffen (2018) sehr übersichtlich dargestellt. Dort werden die Methoden in Fünf Bereiche der Achtsamkeitskompetenz eingeteilt, und zwar:

  1. Körperkompetenz: Übungen zu Entspannung, Benennen von Empfindungen, bewusster Bewegung u.a.
  2. Geistige Kompetenz: Fokussieren der Aufmerksamkeit, Beobachten von Gedanken, bewusstes Sehen und Hören u.a.
  3. Emotionale Kompetenz: Übungen zur Förderung von Dankbarkeit und Freundlichkeit, zum Umgang mit schwierigen Gefühlen u.a.
  4. Soziale Kompetenz: Übungen zu zwischenmenschlicher Verbundenheit, sozialem Engagement, Vorurteilsabbau u.a.
  5. Globale Kompetenz: Hier geht es z. B. um achtsames Essen, bewussten Umgang mit Ressourcen, Umweltverhalten u.a.

 

Ergänzend und z. T. auch alternativ zu diesen Angeboten für Schüler gibt es Fortbildungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer, durch die diese mit Achtsamkeit vertraut gemacht werden – wie z. B. das aktuelle, für Deutschland richtungsweisende Programm Gesundheit, Integration, Konzentration in Solingen. Fortbildungen dieser Art gelten als wesentliche Voraussetzung für die Verwendung achtsamkeitsbasierter Methoden im Unterricht, und sie beeinflussen, wie erste Studien zeigen [3], beeinflussen sie auch Gesundheit, pädagogische Haltung und professionelles Selbstverständnis der Lehrer positiv (zu weiteren Effekten von Achtsamkeitspraxis siehe das folgende Kapitel).

Auch im Kindergarten gilt Achtsamkeit als ein wesentlicher Beitrag zur Entwicklungsförderung und zur bewussten Gestaltung von pädagogischer Beziehung und Alltagsleben. [4] In ähnlicher Weise wird Achtsamkeit als zentrales Element des gelingenden Miteinanders in der Familie beschrieben, das alle Beteiligten in ihrer Entwicklung fördert und das gegenseitiges Verstehen, authentische Beziehung und realistische Entscheidungen begünstigt. [5]

In Hochschulen gewinnt das Thema an Bedeutung, einerseits als Bestandteil der LehrerInnenbildung[6], andererseits als Angebot zur Förderung von Persönlichkeitsbildung[7], Lernerfolg und psychischer Gesundheit von Studierenden aller Fächer. [8]

 

Die Effekte von Achtsamkeit – Potenziale für Schüler und Lehrer

 

In den letzten beiden Jahrzehnten sind viele Forschungsarbeiten zu Achtsamkeit in Medizin, Psychologie, Neurowissenschaft und Bildungswissenschaft erschienen – derzeit verzeichnen wir dazu pro Jahr rund 1000 Beiträge in wissenschaftlichen Fachjournalen. In deren Fokus steht v.a. die Erforschung der Effekte von Achtsamkeitsübungen.

Die positiven Wirkungen auf Erwachsene sind mittlerweile gut belegt. Achtsamkeitsübungen steigern

  • die Gesundheit und das subjektiv empfundene Wohlbefinden,
  • die geistige Leistungsfähigkeit (durch Förderung von Aufmerksamkeitsregulation und Exekutivfunktion) sowie
  • das sozial-emotionale Wohlbefinden (durch Förderung von emotionaler Selbstregulation, Fürsorge und Beziehungsfähigkeit).

 

Diese Effekte konnten auch beim Einsatz von Achtsamkeitsübungen in der LehrerInnenbildung nachgewiesen werden, und es wurden darüber hinaus auch Verbesserungen im Bereich von Kollegialität, professioneller Identität, pädagogischer Reflexionsfähigkeit und Berufszufriedenheit festgestellt. [9]

Die Effekte von Achtsamkeitsübungen bei Kindern und Jugendlichen wurden noch nicht so intensiv wie bei Erwachsenen erforscht. Erst seit kurzem liegt dazu ein Überblick über die bisherige empirische Forschung vor (Weare 2018), der auf der Basis von 5 Metaanalysen und 3 systematischen Reviews die Ergebnisse von insgesamt 44 Einzelstudien zusammenfasst. [10]

Dieser Überblick ermöglicht erstmals eine wissenschaftlich seriöse und differenzierte Einschätzung der Wirkungen von achtsamkeitsbasierten Übungen und Programmen (im Folgenden zusammenfassend als Achtsamkeitsbasierte Interventionen, kurz ABI bezeichnet) in Schulen und in der außerschulischen Bildung.

Die Ergebnisse sind insgesamt sehr ermutigend:

  • Die Wirkungen von ABI bei Kindern und Jugendlichen sind ausschließlich positiv. Die Effektstärke liegt dabei im schwachen bis mittleren Bereich.
  • ABI haben eine hohe Akzeptanz und sind sowohl bei Lehrern wie bei Schülern sehr beliebt.

 

Über die Erforschung der Effektivität von Achtsamkeit im Bildungswesen hinaus wurde auch gezeigt, dass Achtsamkeit unser Grundverständnis von Bildung um wesentliche, bisher vernachlässigte Bereiche erweitern kann, etwa um ein Verständnis der Rolle des individuellen Bewusstseins im Bildungsprozess (vgl. Ergas 2017, 2019).

 

Mehr zu den Wirkungen in der Langfassung dieses Artikels

 

Schwierigkeiten und Risiken

 

In letzter Zeit werden auch mögliche negative Effekte von Achtsamkeitspraxis diskutiert. [12] Bei Erwachsenen sind seltene Fälle von z. T. schwerwiegenden Nebenwirkungen belegt, allerdings nur bei extremen Meditationspraktiken in Verbindung mit psychischen Vorerkrankungen. Für die auf klare Lernziele ausgerichteten Programme und Übungen, wie sie in Schulen angewendet werden, gibt es in der bisherigen Forschung – so Weare (2018) – keinerlei Hinweise auf negative Effekte.

Dennoch sollten die Risiken von Achtsamkeitspraxis – vergleichbar den Risiken anderer Formen von Training, wie etwa dem Jogging – nicht ganz außer Betracht bleiben. Das Oxford Mindfulness Center hat sich bisher am ausführlichsten damit auseinandergesetzt und kommt zu dem Schluss, dass Achtsamkeitspraxis sicher ist, wenn auf folgende Faktoren geachtet wird:

  • Die Intensität der Praxis: Diese ist bei den gängigen Achtsamkeitsübungen in Schulen so niedrig, dass sie unbedenklich ist.
  • Die Vulnerabilität der Person: Hier können psychische Vorerkrankungen einen Risikofaktor darstellen, doch kann mit guter Instruktion auch in diesen Fällen Achtsamkeit gewinnbringend praktiziert werden.
  • Die Qualität der Instruktion: Diese ist entscheidend für das richtige Erlernen von Achtsamkeitspraktiken und für die Integration der dabei gemachten Erfahrungen. Aus diesem Grund wurden u.a. Richtlinien für die Ausbildung von Achtsamkeitslehrenden aufgestellt, die die Qualität der Instruktion sicherstellen sollen. [13]

 

Neben diesen berechtigten kritischen Überlegungen gibt es auch eine Reihe von kontrafaktischen Mythen über Achtsamkeit, die mittlerweile als empirisch widerlegt gelten können:

  • Achtsamkeitspraxis führt nicht zu Introvertiertheit und sozialem Rückzug, sondern verbessert im Gegenteil Beziehungsfähigkeit, soziale Eingebundenheit und soziales Engagement.
  • Achtsamkeitspraxis untergräbt nicht das Durchhaltevermögen und die Zielstrebigkeit (engl. grit), sondern stärkt diese Kompetenzen.
  • Achtsamkeitspraxis führt nicht zu einem moralischen Relativismus, sondern fördert das moralische Urteilsvermögen und die entsprechende Handlungsbereitschaft.[14]

 

 

Anmerkungen

 

[1] Vgl. Horx 2015.

[2] Referiert nach den unveröffentlichten Materialien des Mindfulness in Schools Project, die Teilnehmer nach Absolvierung einer viertägigen Fortbildung erhalten.

[3] Soloway 2016; Altner/Erlinghagen 2018

[4] Vgl. Altner (Hrsg.) 2012

[5] Vgl. Valentin/Kunze 2015; Kabat-Zinn 2015

[6] Vgl. https://achtsamkeit.univie.ac.at.

[7] Vgl. Dievernich et al. 2019

[8] Vgl. https://www.achtsamehochschulen.de

[9] Vgl. Altner/Erlinghagen 2018, Soloway 2016, Flook et al. 2013

[10] Weare (2018) The evidence for mindfulness in Schools for children and young people. Manuskript, University of Southampton.

[12] Vgl. Van Dam et al. 2018

[13] Vgl. UK Network for Mindfulness-Based Teachers 2015; The Universities of Bangor, Exeter and Oxford 2016.

[14] Vgl. die Übersichtsarbeit von Suttie 2018 (mit weiterführenden Links zu den empirischen Studien).

 

Literaturverzeichnis in der Langfassung dieses Artikels

 

Dr. Karlheinz Valtl ist Bildungswissenschaftler am Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität Wien und leitet dort das Projekt „Achtsamkeit in LehrerInnenbildung und Schule“ (ALBUS). Er ist wissenschaftlicher Leiter des Hochschullehrgangs mit Masterabschluss „Achtsamkeit in Bildung, Beratung und Gesundheitswesen“ an der KPH Wien, den er zusammen mit Kollegen entwickelt hat.