Entwicklung geht über Beziehung


Eine Einführung von Hella Dietz

Nicht nur Babys und Kleinkinder brauchen liebevolle und tragfähige Beziehungen, um sich gut zu entwickeln, gleiches gilt für Schülerinnen.[1] Viele Lehrerinnen sehen Beziehungskompetenz vor allem als Aufgabe der Eltern und tendieren dazu, den Einfluss ihrer eigenen Beziehung zu den Schülern zu unterschätzen.[2]

Beziehungen im Schulalltag weisen jedoch in vielerlei Hinsicht ähnliche Muster auf wie Beziehungen zwischen Kindern und Eltern: Beide sind asymmetrisch. In beiden Fällen spielen Zuneigung, der Wunsch nach Anerkennung und das Bedürfnis, sich sicher und geborgen zu fühlen, eine wichtige Rolle. Und in beiden Fällen tragen letztlich die Erwachsenen die Verantwortung für die Qualität der Beziehung. Zudem zeigen Studien, dass schulischer Lernerfolg größer ist, wenn Lehrer gute, auf Toleranz, Respekt, Interesse und Empathie beruhende Beziehungen zu ihren Schülern aufbauen konnten.[3]

Oft gelingt es Lehrerkräften ja auch einfach so, solche Beziehungen aufzubauen. Im Schulalltag wenn sich Schülerinnen aggressiv oder destruktiv verhalten oder wenn Lehrerinnen mit zu vielen, widerstreitenden Anforderungen konfrontiert sind wird es allerdings oft schwierig. Da zeigt sich, dass wir zwar von klein auf die Fähigkeit haben, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, dass es aber Training und Anleitung braucht, um auch in herausfordernden Situationen noch auf diese Fähigkeit zurückgreifen zu können.

Um das zu lernen, müssen wir uns zunächst selbst besser kennenlernen; denn je besser unser Kontakt zu uns selbst ist, desto tiefer kann unser Verständnis für andere sein. Je besser unser Kontakt zu uns selbst ist, desto leichter können wir auch in schwierigen Situationen jene entwicklungsfördernden Beziehungen zu anderen aufbauen und aufrechterhalten. Deshalb ist Empathie[4] im hier verstandenen Doppelsinne einer Einfühlung in andere wie auch in seine eigenen Gefühle eine wichtige Grundlage für Beziehungskompetenz. Die Lehrerinnenausbildung vermittelt diese Fähigkeiten allerdings bislang kaum. Und auch im Schulalltag fehlen Lehrkräften Anleitung und Zeit für die Bearbeitung und Reflexion schwieriger Situationen.

 

Bildung: Einseitige Gewichtung kognitiver Fähigkeiten

Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass kindliche Entwicklung in der deutschen Bildungspolitik seit dem im Nachhinein von vielen als „heilsam“ betrachteten PISA-Schock zunehmend vermessen und an einem vermeintlich normalen Verlauf ausgerichtet wird.[5]

Die im Zuge dieser Neurichtung angestoßenen Schulreformen haben zwar dazu beigetragen, dass sich Deutschland in den folgenden PISA-Studien deutlich verbessert hat. Die Orientierung an quantifizierenden, international vergleichenden Studien birgt jedoch die Gefahr, gute Ergebnisse in standardisierten Tests mit guter Bildung gleichzusetzen. Außerdem wird die ohnehin schon einseitige Gewichtung von kognitiven Fähigkeiten weiter verschärft.

Um Kinder jedoch auf eine Zukunft in einer sich rasch verändernden Welt vorzubereiten, braucht es mehr als die Vermittlung von gegenwärtig als relevant erachtetem Wissen. Es ist notwendig, Kinder dabei zu unterstützen, dass sie im wahrsten Sinne selbst-sicher in ihrem eigenen Wesenskern ruhen können, um trotz zahlreicher äußerer Anforderungen nicht „außer sichzu geraten. Damit sie lernen, ihre Aufmerksamkeit zu steuern, ihre eigene Urteilskraft zu entwickeln und sich in wandelnden Umwelten zurechtzufinden.

Seit einigen Jahren werden zahlreiche Trainings zu Empathie und Achtsamkeit angeboten. Das Interesse an Empathie und Achtsamkeit selbst ist zwar nicht neu. Sie hat jahrtausendealte Wurzeln in religiösen Meditationspraktiken, galt Aristoteles als wesentlicher Aspekt von Rhetorik und Poetik und der Aufklärung als Grundlage moralischen Denkens.[6]

Der jüngste Trend verdankt sich zu einem großen Teil der neurobiologischen Forschungen im Anschluss an die Entdeckung der Spiegelneuronen: Die italienischen Neurophysiologen Giacomo Rizolatti und Vittorio Gallese hatten in den 1990er Jahren zufällig herausgefunden, dass bei Affen die Hirnregionen, die aktiv werden, wenn sie selbst eine Nuss öffnen, auch dann aktiv werden, wenn sie einem Menschen nur beim Öffnen einer Nuss zusehen. 2010 wurde die Existenz dieser manchmal gar als Dalai-Lama-Neuronenbezeichneten Zellen auch beim Menschen nachgewiesen.

Auch wenn ihnen oft mehr „Fähigkeitenzugeschrieben werden als sich tatsächlich neurobiologisch nachweisen lassen, konnten Studien immerhin zeigen, dass bereits kurze, regelmäßig ausgeführte Achtsamkeitsübungen zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen können.[7] Belegt ist auch, dass sie Stress reduzieren, Ängste und Depressionen lindern. Sie steigern das Wohlbefinden von Lehrkräften.[8] Und sie tragen dazu bei, ein besseres Lernumfeld für Schülerinnen zu schaffen.

 

Trainings: Fokus auf Beziehungskompetenz und Empathie

Wie bei allen Trends ist jedoch Vorsicht geboten. Zum einen, weil die Gefahr besteht, dass manche der oft auf Selbstoptimierung abzielenden Trainings eine Art Achtsamkeit lightvermitteln. Zum anderen aber, weil Achtsamkeitsübungen allein keineswegs ausreichen, um in Schulen ein entwicklungsförderndes Lernumfeld zu schaffen.

Denn natürlich kommen auch Lehrer wie wir alle in ihrer Beziehungskompetenz früher oder später an eigene Grenzen. Dann brauchen sie die Bereitschaft, diese Grenzen kennenzulernen, sich den Seiten der eigenen Persönlichkeit zu stellen, die guten Kontakt ver- oder behindern. Dann brauchen sie Unterstützung, um ihre Verantwortung für die Qualität der Beziehung auf bessere Art wahrnehmen zu können. Und dafür wiederum brauchen auch Erwachsene ein Gegenüber, das sie anleitet und begleitet Beziehungskompetenz und Empathie mit ihnen trainiert.[9] Denn Entwicklung geht auch für Erwachsene letztlich über Beziehung.

Dr. Hella Dietz hat als promovierte Soziologin am Lehrstuhl für Soziologie der Georg-August-Universität Göttingen gearbeitet und danach am Deutsch-Dänischen Institut für Familientherapie und -beratung (DDIF) eine vierjährige Therapieausbildung absolviert. Seit fünf Jahren arbeitet sie als Familien- und Organisationsberaterin. Sie schreibt freiberuflich über soziologische und Beratungsthemen und ist Redakteurin der Zeit-Online Kolumne 10nach8.

 

Quellenhinweise

[1]Die hier vorgestellten Überlegungen zu Beziehungskompetenz und Empathie beruhen wesentlich auf den Büchern der dänischen Psychologin und Familientherapeutin Helle Jensen: „Miteinander. Wie Empathie Kinder stark macht“ (2012) sowie „Hellwach und ganz bei sich. Aufmerksamkeit und Empathie in der Schule“ (2017), beide im Beltz-Verlag erschienen.

[2] Studie des Allensbach-Instituts: Schul- und Bildungspolitik in Deutschland 2011.

[3]Nordenbo, Sven Erik et al. (2010): Input, Process, and Learning in primary and lower secondary schools, in: The Evidence Base. Copenhagen.

[4] Ursprünglich wurde empathy als Übersetzung für das deutsche Einfühlen benutzt (und dann aus dem Englischen als Empathie rückübersetzt). Heute wird unter Empathie meist nicht nur das Einfühlen in die Gefühle anderer, sondern auch für die Fähigkeit, den Blick von äußeren Anforderungen weg nach innen zu richten.

[5] Klieme, Eckhard et al. (Hrsg.) (2010): PISA 2009. Bilanz nach einem Jahrzehnt, Münster u.a.

[6] Grau, Alexander (2008): Empathie – die kurze Geschichte eines großen Gefühls, in: TV Diskurs 12(43): 30-35.

[7] Valk, Sofie L. et al. (2017): Structural plasticity of the social brain: Differential change after socio-affective and cognitive mental training, Science Advances 3 (10):1-11.

[8] Emerson, Lisa-Marie et al. (2017): Teaching Mindfulness to Teachers: a Systematic Review and Narrative Synthesis, in: Mindfulness.

[9] Jensen, Elsebeth et al. (2015): Educating teachers focusing on the development of reflective and relational competences, in: Educational Research for Policy and Practice 14(3).