Evidenz und Forschung


Ein Überblick (Stand 2018)

Die Forschung zu Achtsamkeit in Schulen steht noch am Anfang. Prof. em. Katherine Weare gibt einen Überblick über Studien, die kurze Interventionen (im Schnitt zehn Schulungseinheiten) erforscht haben.

Sie nennt die Versuche, Kindern und Jugendlichen Achtsamkeit zu vermitteln „vielversprechend“ und „einen Versuch wert“. Es seien aber mehr und größer angelegte randomisierte kontrollierte Studien notwendig. Weare fordert eine stärkere Trennung zwischen Programmentwicklern und Forschern. Sabine Breit hat die Zusammenfassung der Untersuchung von Weare aus dem Juli 2018 ins Deutsche übersetzt. Hier geht es zur Langfassung (engl.)

Zusammenfassung der Studie “Evidenz zu Achtsamkeitsprogrammen für Kinder und Jugendliche”

Das Thema „Achtsamkeit in der Schule“ gewinnt zunehmend an Popularität. Entsprechende Programme, Interventionen und begleitende Forschung verzeichnen ein exponentielles Wachstum.

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Evidenz zu achtsamkeitsbasierten Interventionen mit Kindern und Jugendlichen in Schulen. Untersucht wurden dabei kurze Interventionen mit durchschnittlich zehn Schulungseinheiten. Diese Einheiten hatten üblicherweise die Länge einer Schulstunde. Außerdem wurde den Kindern und Jugendlichen die eigenständige Praxis zuhause empfohlen.

Die Interventionen basieren in der Regel auf Inhalten von MBSR/MBCT-Kursen (Mindfulness-based Stress Reduction/ Mindfulness-based Cognitive Therapy) für Erwachsene. Sie beinhalten u. a. Atembeobachtung und Präsenzwahrnehmung wie die Beobachtung des Kommens und Gehens von Gedanken, Gefühlen, Geräuschen und körperlichen Empfindungen. Zuweilen sind auch Übungen zur achtsamen Bewegung, zum achtsamen Essen, zur Entspannung sowie zur Körperwahrnehmung vorgesehen.

Gelehrt wird dabei sowohl nach allgemeinen als auch nach zielgruppenspezifischen Ansätzen, wobei die unterschiedlichen Geschlechter und verschiedene Altersgruppen gleichermaßen berücksichtigt werden. Dabei kommen die einzelnen Komponenten entweder allein für sich zur Anwendung oder in Kombination mit anderen Angeboten – häufig zusammen mit Yoga und sozial-emotionalem Lernen (SEL).

Die Veröffentlichungen zu diesen kurzen, fokussierten Interventionen innerhalb der Schule wurden kürzlich in drei systematischen Reviews und fünf Metaanalysen zu insgesamt 44 Einzelstudien zum schulischen Kontext überprüft, die in anerkannten wissenschaftlichen Fachzeitschriften und -büchern veröffentlicht wurden. Auch in diesem Papier beschäftigen wir uns mit diesen Veröffentlichungen und untersuchen darüber hinaus, welche die Evidenz es für bestimmte Wirkungen gibt.

Die Ergebnisse im Überblick

Insgesamt legt die Evidenz zu kurzen, fokussierten achtsamkeitsbasierten Interventionen in der Schule folgende Schlussfolgerungen nahe:

  • Sie sind bei Schülern und Lehrern beliebt („finden Zustimmung“), und es gibt kaum Evidenz für nachteilige Auswirkungen.
  • Sie können sich bei Kindern und Jugendlichen zuverlässig auf zahlreiche Indikatoren des psychischen, sozialen und körperlichen Wohlbefindens und des Wohlergehens auswirken.
  • Sie wurden zumeist im Hinblick auf das psycho-soziale Wohlbefinden bzw. die psychische Gesundheit sowie verschiedene Aspekte der Kognition beurteilt, wobei in beiderlei Hinsicht zuverlässig kleine bis mittlere Effekte verzeichnet wurden.
  • Es zeigt sich eine vielversprechende Evidenz zu den Effekten auf die schulische Leistung, problematische Verhaltensweisen, die körperliche Gesundheit sowie das Wohlbefinden. Die Zahl der Gruppenstudien reicht allerdings noch nicht aus, um diese Effekte zuverlässig nachzuweisen.

Psychosoziale Ergebnisse/psychische Gesundheit

  • Psychosoziale Aspekte des Wohlbefindens stehen bei der Beurteilung achtsamkeitsbasierter Interventionen in Schulen deutlich im Vordergrund. Tatsächlich findet sich hier auch die stärkste Evidenz. Üblicherweise zeigen sich kleine bis mittlere Effekte, was auch für soziale und emotionale Fähigkeiten, das psychosoziale Wohlbefinden und die psychische Gesundheit gilt.
  • Typischerweise zeigen sich über alle Altersgruppen hinweg kleine bis mittlere Effekte auf die Anzeichen und Symptome einer Depression bei Kindern und Jugendlichen im schulischen Kontext, wie etwa auf grüblerische oder suizidale Gedanken (zehn Studien, davon sieben randomisierte kontrollierte Studien und eine kontrollierte Studie). Manche Ergebnisse legen nahe, dass die Effekte bei schwerwiegenderen Fällen ausgeprägter sind. Ergebnisse aus dem klinischen Umfeld untermauern die vorliegende Evidenz.
  • Ebenfalls über alle Altersgruppen hinweg zeigen sich typischerweise kleine angstmindernde Effekte (sechs Studien, davon drei randomisierte kontrollierte Studien und eine kontrollierte Studie).
  • Beim Faktor Stress stellen sich sowohl im Hinblick auf die Wahrnehmung als auch auf dysfunktionale Reaktionen über alle Altersgruppen hinweg kleine bis mittlere Effekte ein (fünf Studien, davon eine randomisierte kontrollierte Studie und drei kontrollierte Studien).
  • Bei den meisten Untersuchungen zu achtsamkeitsbasierten Interventionen in Schulen wurden Ergebnisse zu sozialen und emotionalen Fähigkeiten erhoben. Allgemein zeigten sich dabei zuverlässig kleine positive Effekte.
  • Im Hinblick auf die emotionale Selbstregulation zeigten sich allgemein kleine bis mittlere Effekte (13 Studien, davon sieben randomisierte kontrollierte Studien und zwei kontrollierte Studien). Ebenfalls kleine bis mittlere Effekte waren bei Fürsorge und Mitgefühl (zehn Studien), Selbstwahrnehmung und Eigenfürsorge (fünf Studien) sowie bei Beziehungsfähigkeit und Empathie (fünf Studien) zu beobachten.

Kognition

  • Zunehmend werden bei achtsamkeitsbasierten Interventionen auch kognitive Aspekte beurteilt. Die erhobene Evidenz legt zunehmend nahe, dass sich auch hier typischerweise kleine bis mittlere Effekte einstellen.
  • Bei 14 achtsamkeitsbasierten Interventionen (davon sieben randomisierte kontrollierte Studien und vier kontrollierte Studien) zeigten sich Effekte auf die Kognition und das Lernen sowie auf exekutive Funktionen und kognitive Prozesse und insbesondere auf die Fähigkeit, sich zu konzentrieren und die Aufmerksamkeit aufrecht zu halten.
  • In sechs Studien (davon vier randomisierte kontrollierte Studien) fand sich Evidenz für kleine bis mittlere Effekte auf die schulische Leistung, d. h. die Noten.
  • In zwei Studien (davon eine randomisierte kontrollierte Studie und eine kontrollierte Studie) wurden Effekte auf die Metakognition (Reflexion über Denkprozesse) beobachtet.

Verhalten

  • In fünf achtsamkeitsbasierten Interventionen mit Gruppen im schulischen Kontext (zwei kontrollierte Studien) zeigten sich kleine Effekte auf das Verhalten.
  • Einzelne Fallstudien sowie Ergebnisse aus dem klinischen und gesellschaftlichen Umfeld (wie etwa bei der Arbeit mit Eltern) liefern diesbezüglich weitere Evidenz. So zeigten sich in fünf Studien erste vielversprechende Ergebnisse bei problematischen Verhaltensweisen, mit kleinen bis mittleren Effekten im Hinblick auf aggressives und feindseliges Verhalten sowie bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Körperliche Gesundheit

  • Es gibt erste vielversprechende Belege für Wirkungen auf die körperliche Gesundheit. Gleichwohl ist die Anzahl der Studien noch nicht ausreichend, um Aussagen über die Gesamtsignifikanz dieser Effekte treffen zu können.
  • In sechs achtsamkeitsbasierten Interventionen (davon vier randomisierte kontrollierte Studien) stellten sich bei Kindern und Jugendlichen Effekte auf verschiedene Indikatoren für physische Gesundheit und Wohlbefinden ein, wie etwa auf die Herzfrequenz, den Blutdruck, die Kortisonproduktion und die Schlafqualität.
  • Bei zwei achtsamkeitsbasierten Interventionen mit Jugendlichen (beides randomisierte kontrollierte Studien) zeigten sich positive Effekte auf ernährungsbezogene Probleme, wobei es bei einer Intervention um die Prävention von Adipositas ging, bei der anderen um Anzeichen für Essstörungen.

Weiterer Forschungsbedarf

Die Forschung zu Achtsamkeit in Schulen steckt noch in den Kinderschuhen. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf mögliche Effekte auf das Verhalten, die schulische Leistung und die körperliche Gesundheit. „Vielversprechend“ und „einen Versuch wert“ ist alles, was man bisher darüber sagen kann.

Wir brauchen mehr und größer angelegte randomisierte kontrollierte Studien, mehr Replikation, längere Follow-up-Perioden und eine größere Anzahl an spezifischen Beurteilungsparametern für junge Menschen. Ferner bedarf es einer größeren Standardisierung im Hinblick auf diese Beurteilungsparameter. Auch ist ein ein breiteres Spektrum notwendig, etwa im Hinblick auf Leistung, auf körperliche Faktoren und auf die Quellen, von denen die entsprechenden Informationen erhoben werden.

Um Verzerrungen im Sinne eines Bias zu reduzieren ist außerdem eine stärkere Trennung zwischen Programmentwicklern und Forschern erforderlich. Darüber hinaus ist sicherzustellen, dass auch die ausbleibende Wirkung von Interventionen bzw. unerwünschte Wirkungen ordnungsgemäß und vollumfänglich erfasst und berichtet werden.

Ebenfalls wünschenswert wäre eine größere Anzahl von Studien zur Durchführung solcher Interventionen, etwa zu den Auswirkungen unterschiedlicher Umsetzungsweisen oder zu der Frage, für wen solche Interventionen angeraten sind und für wen nicht. Die zuweilen weniger von der akademischen Forschung als vielmehr von kommerziellen Interessen und den Medien getriebene Tendenz, Achtsamkeit mit überzogenen Versprechungen anzupreisen, sollte vermieden werden.

Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Breit.

Zur Langfassung der Studie

Katherine Weare, Emeritus Professor, University of Southampton, Honorary Visiting Professor, University of Exeter. skw@soton.ac.uk

Diese Untersuchung wurde mit einem kleinen Zuschuss vom Projekt „Mindfulness in Schools“ unterstützt. Die Autorin ist eine unabhängige Wissenschaftlerin, und die in dieser Arbeit zum Ausdruck gebrachten Einschätzungen sind ausschließlich ihre eigene. Sie basieren auf dem gewissenhaften Studium der Evidenz und stimmen nicht notwendigerweise mit den Ansichten von „Mindfulness in Schools“ überein.