Foto Kinder meditieren in der Klasse

Selbstwahrnehmung und Reflexion als Teil der Schulkultur

Die Pädagogin Vera Kaltwasser sieht in der Achtsamkeit einen Weg in eine andere Schulkultur. Im Interview spricht sie über ihr Rahmencurriculum AiSchu und ihr Anliegen, dass Selbstwahrnehmung und Beziehungsschulung Teil des Unterrichtes werden.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Das Interview führte Michaela Doepke

Was hat Sie als Gymnasiallehrerin motiviert, eine kontinuierliche Achtsamkeitspraxis an Schulen anzuregen?

Vera Kaltwasser: Für mich ging es darum, Lehrer*innen zu befähigen, mit Begeisterung ihr jeweiliges Fach zu unterrichten und eine wertschätzende Beziehung zu ihren Schüler*innen aufzubauen. Meiner Ansicht nach brauchen die meisten Schüler*innen heute Begleitung auf ihrem Weg der Persönlichkeitsentfaltung.

In diesem Sinne fügt sich die Weiterbildung AiSCHU – Achtsamkeit in der Schule  – nahtlos in die pädagogischen Wertvorstellungen ein, Schüler*innen auf dem Weg zu mehr Selbstbestimmung und Verantwortung zu begleiten.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Stressforschung auf dem Gebiet der Psychologie und Hirnforschung haben das Bewusstsein dafür geschärft, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche dabei anzuleiten, wie sie mit  ihrer unmittelbaren Reaktivität auf Reize umgehen können und wie sie sich selbst regulieren lernen. Dazu bedarf es einer gezielten Schulung der Selbstwahrnehmung, der Einsicht in die Wechselwirkung von körperlichen und geistigen Prozessen sowie einer kontinuierlichen Übungspraxis.

Wie nachhaltig Achtsamkeitsübungen für Stressbewältigung und Aufmerksamkeitssteuerung sind, das belegen die umfassenden Forschungen zur Wirkung von MBSR-Interventionen.

Selbstwahrnehmung und Beziehungsschulung sollten Teil des ganz normalen Unterrichtes werden.

Worum geht es genau bei dem Curriculum AiSchu – Achtsamkeit in der Schule –, das Sie entwickelt haben?

Kaltwasser: Mir ist es wichtig, von einem Rahmencurriculum zu sprechen, das ein Vorschlag unter vielen möglichen ist. Wir brauchen nicht noch mehr „Programme“, die kurzfristige Erfolge versprechen, um dann wieder in der Versenkung zu verschwinden.

Ich scheue etwas den Begriff „Paradigmenwechsel“. Aber letztlich bedarf es einer tiefgreifenden Veränderung im Bildungswesen, angefangen beim Studium und der Lehrer*innenausbildung.

Wege der Selbstwahrnehmung und Beziehungsschulung sollten Teil des ganz normalen, täglichen Unterrichtes werden. Die Haltung der Achtsamkeit eröffnet hier Umsetzungsmöglichkeiten für Stressbewältigung, Emotionsregulation, Aufmerksamkeitssteuerung und eine tiefgreifende Verbesserung von Beziehungen gepaart mit dem Fokus auf eine bewusste Werteorientierung.

AiSchu ist ein praxiserprobtes Curriculum mit einzelnen Elementen, die kontinuierlich von ausgebildeten Lehrer*innen in den täglichen Unterricht eingefügt werden können. Aspekte wie die Verfeinerung der Selbstwahrnehmung, Psychoedukation, Beziehungsschulung, stille und bewegte Achtsamkeitsübungen und Erfahrungsaustausch werden dabei altersgerecht von der 5. Klasse bis zum Abitur in den Unterricht eingeflochten.

Wichtig ist, dass die Lehrer*innen selbst die Haltung der Achtsamkeit verkörpern und gut ausgebildet sind. Dann können Sie mit der Essenz des Curriculums eigenverantwortlich arbeiten und je nach Bedarf eine „eigene Mischung“ herstellen. Auch die enge Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen kann hier eine Veränderung der Schulkultur bewirken.

Immer, wenn die Gedanken abschweifen, die Aufmerksamkeit wieder auf den Atem lenken.

Wie kann AiSchu die Schüler*innen unterstützen? Können Sie ein Beispiel für eine Achtsamkeitsübung nennen, die den Schüler*innen hilft, sich zu konzentrieren und Stress abzubauen?

Kaltwasser: Es geht darum, dass Innehalten, Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion Teil der Schulkultur werden. Wenn ich wahrnehme, wie ich mich selbst unter Druck setze, wenn ich verstehe, dass Grübeln mich unter Stress setzt, dann kann ich – unter Anleitung und durch Übung – lernen, den „Modus“ zu wechseln, zum Beispiel mich mit meinem Atem zu befreunden.

„Auf den Atem achten, ohne ihn zu verändern. Immer, wenn die Gedanken abschweifen, die Aufmerksamkeit wieder auf den Atem lenken“ – diese einfache Übung verknüpft mit einer aufrechten Sitzhaltung und – wenn möglich – geschlossenen Augen, beruhigt. Und sie hat über die formale Übungszeit hinaus eine messbare Wirkung, d.h. die Schüler*innen können ihre Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum fokussieren und sich selbst steuern, wenn ihre Aufmerksamkeit zu erlahmen droht.

Es gibt immer mehr Lehrer*innen, die an einem Burn-out erkranken. Inwiefern verspricht AiSchu da Entlastung?

Kaltwasser: Engagierte Lehrkräfte brennen oft aus, sind erschöpft und verlieren die Freude am Beruf. Hier kann durch eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis zunächst eine Schärfung der Wahrnehmung für die eigenen Grenzen, für die Bedürfnisse des Körpers, für die persönlichen Stressoren und die automatisierten Wahrnehmungsmuster erzielt werden.

Das Interview erschien zuerst in einer längeren Fassung auf Netzwerk Ethik heute.

Foto Vera KaltwasserVera Kaltwasser, Oberstudienrätin, Theaterpädagogin und Autorin, ist in der Lehrerfortbildung tätig. Ausgebildete MBSR-Lehrein. Weitere Ausbildungen: Qigong und Freiburger Lehrercoaching (Prof. Bauer). Sie hat das Rahmencurriculum AiSchu entwickelt. vera-kaltwasser.de

 

Hier kommen Sie zu den Bücher von Vera Kaltwasser

 

Mehr Infos über die Weiterbildung AiSchu

Das Rahmencurriculum AiSchu wird als Weiterbildung in Berlin und Frakfurt unterrichtet. Aktuelle Termine finden Sie auf der Seite des Veranstalters AKiJu e.V.

Hier finden Sie die Studie von Prof. Niko Kohls zu AiSchu bei Springer.

Hier kommen Sie zur Seite von Vera Kaltwasser.

Kaum Zeit für eine Viertelstunde Achtsamkeit

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  • Kinder meditieren in der Klasse: Vera Kaltwasser
  • Vera Kaltwasser: Rui Camilo