Spielen und achtsam sein – geht das?

 

Gedanken zum Spielen von Sarina Hassine

Für Kinder ist alles ein Spiel. Wenn wir Besuch haben, wird mir das immer besonders bewusst. Die Kinder spielen, spielen, spielen… sogar beim Essen, Waschen, Umziehen. Lasst die Kinder spielen. Und lasst euch am besten mehrmals am Tag davon anstecken.

Wenn man mit den Kindern Achtsamkeitsübungen macht, ist es gut, diese auch als Spiel zu vermitteln. Nur weil es mit Achtsamkeit zu tun hat, muss es nicht still und leise oder ganz ernsthaft getan werden. Die Kinder lieben es, achtsam und bewusst Dinge zu erleben – wenn sie dürfen und nicht müssen und wenn sie merken, dass es nicht dazu dient, sie zu manipulieren.

Achtsamkeit und Kreativität

Bei kreativen Prozessen ist unser Geist ganz weit und offen. Wir lassen den Ideen freien Lauf und schauen, was sich zeigt. Wir kommen in einen sogenannten Flow; alles fließt mit Leichtigkeit und Freude aus uns heraus. Wann wart ihr als Eltern zuletzt in so einem Flow-Moment?

Beobachtet einmal achtsam euer Kind und entdeckt, wie es sich verhält, wenn es kreativ ist und Dinge entwickelt – sei es ein Bild oder eine Konstruktion oder ein Rollenspiel. Es taucht ganz ein, oder? Nichts ist wichtiger. Nichts ist unmöglich oder verboten. Ein wunderbarer Zustand.

Als Eltern können wir bei den Kindern solche Momente unterstützen, indem wir sie nicht unterbrechen und sie z.B. mit Fragen aus ihrem Spiel holen „Ist dir nicht kalt?“, „Hast du Hunger?“, „Was wird denn das?“, „Ist das für Oma?“.

Der Malort

Das malende Kind nicht bewerten, ihm nichts vorgeben, seinem freien Ausdruck Raum geben ohne Ziel, ohne Anspruch auf längere Gültigkeit als für eben diesen Moment. Das habe ich von Arno Stern und dem Malort gelernt.

„Beim Malspiel ist die spielerische Freude am Malen wesentlich, beim Schreibspiel die spielerische Freude am Schreiben. Mit echtem Spiel ist gemeint, dass ich keine Arbeit leiste (keine Leistung erbringe), deshalb erstelle ich beim Malspiel kein Kunstwerk. Spiel entsteht spontan, wenn der Rahmen frei von konkurrierenden Aktivitäten und emotionalen Verletzungen ist und ein Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Wärme vermittelt wird.

Spiel kennt keinen Zeitdruck, ist aber zeitlich begrenzt. Spiel ist frei von Wertung und Nutzen für andere und es ist nicht real. Es ist Selbstausdruck, reparierend, erfüllend und spendet Trost. Die Früchte des Spiels sind unter anderem Neugier, Kreativität, Intuition, Selbstbewusstsein und Reife.“ Sandra Husche, Malort Ulm

Sich mit dem Kind verbinden

Viele Kinder lieben Rollenspiele. Hierbei verarbeiten sie Erlebtes, tauchen in ihre Phantasie ein oder verleihen ihren Gefühlen Ausdruck. Daher bewertet weder ihr Verhalten, noch ihren sprachlichen oder körperlichen Ausdruck während des Spiels. Stellt lieber Fragen oder schaut, wie eure innere Reaktion dabei ist und lernt etwas über euch selbst. Auf diese Weise entsteht für die Kinder ein angstfreier Raum – und wir Eltern bekommen viele Informationen und Gelegenheit, unsere Kinder kennenzulernen, mit ihnen achtsam in Kontakt zu kommen und selbst über unsere Beziehung zu ihnen zu reflektieren. Mehr Infos

Achtsam Homeschoolen

Viele Eltern stehen momentan der enormen Herausforderung gegenüber, ein oder sogar mehrere Kinder zuhause bei ihrem schulischen Lernen zu begleiten. Sie haben Schwierigkeiten, die Kinder zu motivieren. Sie scheitern vielleicht selbst an der Bruchrechnung oder am Notenlesen. Es gibt Stress und Streit. Wie kann man das hinbekommen?

Eine praktische Hilfe ist es, einen festen Tagesablauf, eine Routine zu kreieren. Auch machen wir uns bewusst, es ist nur verständlich, wenn wir als Eltern Dinge nicht wissen. Kommt mit eurem Kind ins Gespräch, fragt es, vielleicht könnt ihr noch etwas lernen?

Und wenn ihr doch in Streit geratet, haltet inne und fragt euch, ob es das wirklich wert ist. Schule ist eine Institution, Zuhause ist Zuhause und das sollte es auch bleiben. Habt immer die Beziehung zu eurem Kind im Blick und agiert da heraus. Druck und Machtausübung, Drohen, Strafen, all das gefährdet die Beziehung zwischen Menschen.

Also, liebe temporäre Ersatzlehrer-Eltern, habt bitte keine Angst, weil eure Kinder so lange den Schulunterricht verpassen. Nutzt diese Zeit einfach für andere wichtige Dinge. Bringt ihnen das Kochen bei oder wie man das Öl im Auto überprüft, zeigt ihnen wie man Wäsche wäscht, andere mit Respekt behandelt, wie man einen Knopf annäht. Pflanzt mit ihnen Blumen, malt mit ihnen Steine an. Macht lustige Dinge mit ihnen und erzählt von eurer Kindheit. Denn wir wissen ja, nicht alles, was man im Leben braucht, wird im Klassenzimmer gelehrt.

Langeweile achtsam begleiten

Das Kind nicht anzuregen zu einem Spiel, bedeutet nicht, nicht da zu sein. Wir sind anwesend, wir sind ansprechbar. Wir können auch dabei sitzen und beobachten. Und natürlich können wir auch mit den Kindern spielen. Aber wir müssen nicht beständig Ideen finden und Anreize. Wir können uns frei machen von dem Druck, Anregungen bieten zu müssen und können darauf vertrauen, dass unsere Kinder sie selber finden. Diese und viele andere wertvolle Inspirationen gibt Susanne Mierau 

Mama, spiel mit mir!

Ich mag nicht den ganzen Tag Rollenspiel, Schminken oder Lego spielen. Ich habe eigene Projekte oder möchte auch mal etwas Ruhe haben. Ich bin gern künstlerisch kreativ und lese gern vor – Versteckspiel und toben übernimmt eher mein Mann. Aber ich weiß, sie lieben es, wenn Mama in eine andere Rolle schlüpft.

Also nehme ich in mir den Impuls zur Bereitschaft für ein Rollenspiel wahr (“Ah, jetzt hätte ich Lust auf Katze spielen und mich auf dem Boden wälzen”) und biete das Spiel dann aktiv an. So bleibe ich authentisch und habe selbst Freude am Spiel. Die Kinder akzeptieren das sehr gut, da sie wissen, ihre Spielzeit mit Mama ist sicher.

Es ist wichtig, dass wir Eltern unsere Grenzen sehen und setzen. Wir gehen ohnehin schon beständig auf alle möglichen Forderungen des Kindes ein und schauen viel zu wenig, wie es uns eigentlich geht. Wir müssen nicht alle Wünsche des Kindes erfüllen, auf alle Bedürfnisse hingegen sollten wir eingehen.

Kinder und Medienkonsum

Es ist ok, in diesen Zeiten die Regeln für den Medienkonsum zu lockern, finde ich. Gerade wenn die Eltern im Homeoffice arbeiten müssen, kann es manchmal enorm hilfreich sein, wenn die Kinder nicht alle drei Minuten etwas von einem wollen.

Wichtig finde ich nur, dass ihr die Kinder im Blick habt und wisst, was sie schauen. Wie lange in welchem Alter ok ist, möchte ich nicht empfehlen. Dazu gibt es im Internet viel Literatur und damit sollten sich Eltern beschäftigt haben, bevor sie Kindern Videos oder Games erlauben.

Gemeinsam Filme oder Videos zu schauen, kann sehr verbindend wirken. Zusammen mit meiner Tochter haben wir schon oft die eine oder andere Träne verdrückt, gelacht oder uns über den Bösewicht aufgeregt. Die Themen der Filme bieten viele Anreize, danach miteinander achtsam ins Gespräch zu kommen. Wir können Fragen stellen oder erzählen, was uns bewegt hat. Der Disney Film „Die Eiskönigin“ beispielsweise bietet uns ein schier unendliches Reservoir an Themen und wir reden über Angst und Mut, Einsamkeit und Verlust, Wut und Bosheit.

Wir Eltern haben beim Thema Medien auch immer die Chance, unser Bewusstsein zu schärfen. Wie sind meine Gedanken und Bewertungen in „richtige“ und „falsche“ Beschäftigung, „gute“ und „schlechte“?

Wichtig finde ich auch die Unterscheidung zwischen Medienkonsum und Mediennutzung. Lernspiele oder kreative Games sind etwas anderes als Netflix & Co.

Und bedenkt, dass Kinder erst sehr spät den Unterschied verstehen, dass Mama am Computer oder Handy arbeitet und nicht spielt oder zum Spaß Videos schaut. Ihnen dann zu sagen, dass wir ja schließlich arbeiten und sie nur konsumieren, ist unfair und nicht hilfreich.

Feste Medienzeiten können unterstützend sein, ebenso Handys und Computer in der Zwischenzeit aus dem Sichtfeld zu räumen. Bei uns gibt es im Flur einen Korb, da kommt alles hinein. Tut uns ja auch ganz gut, nicht ständig die momentan gehäuft eintrudelnden Nachrichten auf Whatsapp und Co. zu checken, oder?

 

Fundgrube: Hier finden Sie Spielideen für Familien

Sarina Hassine, *1977 in Kiel. Unterrichtet seit acht Jahren Achtsamkeit und Meditation für Erwachsene (angelehnt an MBSR) und Kinder, leitet Weiterbildungen für Pädagogen (AiSchu), begleitet Schulen, Eltern und Familien. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in der Nähe von Berlin auf dem Land. Wenn ihr Fragen habt, schickt ihr gern eine Mail an: mindfulnessberlin@gmail.com

www.mindfulnessberlin.de

www.achtsamkeit-mit-kindern-berlin.de