Warum Achtsamkeit?

Hand aufs Herz: Wie oft am Tag bemerken Sie, wie es Ihnen gerade geht? Wie fühlt sich Ihr Körper an? Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf? Welche Gefühle und Impulse steigen hoch, besonders auch in Interaktionen mit anderen Menschen?

Die Praxis der Achtsamkeit setzt genau hier an: dass wir den eigenen Körper, die Gefühle und Gedanken bewusst wahrnehmen – und zwar in einer wohlwollenden, offenen Haltung, ohne zu urteilen. Wer Achtsamkeit übt, fühlt sich entspannter und wacher, egal ob er gerade arbeitet, einkauft oder mit einem anderen Menschen spricht.

Der Begriff Achtsamkeit wird je nach Kontext unterschiedlich verstanden. Im Kern geht es um eine bewusst ausgerichtete, geschärfte Aufmerksamkeit für das, was in uns und um uns herum geschieht. Diese Haltung der Akzeptanz und Offenheit verändert alles. Viele kennen das aus sog. Flow-Erfahrungen, in denen sie eins sind mit dem, was ist.

Achtsamkeit ist gerade im Bildungskontext von entscheidender Bedeutung. Sie begleitet alle Lernprozesse, sorgt für eine entspannte Wachheit und Aufmerksamkeit, ist die Basis für sozial-emotionales Lernen und eine Schlüsselfähigkeit für die Persönlichkeitsentwicklung.

Ursprünge der Achtsamkeit im Westen

Es war der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn, der Achtsamkeit mit großem Erfolg aus dem buddhistischen Kontext herauslöste und in der westlichen Welt verbreitete – und zwar zunächst in Kliniken für Menschen, die unter Schmerzen oder Burn-out litten.

Kabat-Zinn begründete Ende der 70er Jahre das achtwöchige MBSR-Training (Mindfulness-Based Stress Reduction, Stressbewältigung durch Achtsmkeit), das verschiedene Elemente kombiniert wie Body Scan, also eine Entspannungstechnik in Verbindung mit dem Körper, Atembeobachung und Yoga. Diese verband er mit westlichen Erkenntnissen zu Stress, Spannungsregulation, Bewegung und Verhalten. MBSR-Kurse sind heute von gesetzlichen Krankenkassen als Methode der gesundheitlichen Prävention anerkannt.

Mittlerweile sind aufbauend auf MBSR weitere Programme entwickelt worden: MBCT (Mindfulness-Based Cognitive Therapy) ist gedacht für Menschen mit Depression. Sie bekommen Methoden, u.a. aus der kognitiven Verhaltenstherapie an die Hand, die das Risiko eines Rückfalles verhindern. MSC (Mindfulness Self Compassion) betont das Selbstmitgefühl. Die Teilnehmenden lernen, schwierigen Situationen im Leben mit Güte und Wohlwollen zu begegnen.

Achtsamkeit wirkt, auch in der Schule

Achtsamkeitspraktiken sind außerordentlich wirksam für die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen. Jedes Jahr erscheinen neue wissenschaftliche Studien, die das belegen. Ein Überblick gibt die Meta-Studie von Prof. Peter Sedlmeier aus dem Jahr 2014.

Wenn Erwachsene einen so großen Nutzen daraus ziehen, dann ist klar, dass Achtsamkeit auch für junge Menschen hilfreich ist. Schon einfache Übungen helfen, sich zu sammeln und eine Bewusstheit für innere Vorgänge zu schaffen. Es geht auch darum, Emotionen wie Frust, Angst, Unzufriedenheit anzuerkennen und nicht zu verdrängen oder impulsiv nach außen zu agieren. Mit entsprechender Anleitung ist es möglich, zur Ruhe zu kommen und Stress abzubauen. Achtsamkeit, regelmäßig im Schulalltag praktiziert, fördert eine friedlichere Atmosphäre und trägt dazu bei, Konflikte respektvoll zu lösen.

Entscheidend ist, dass Lehrerinnen und Lehrern die Achtsamkeit im Schulalltag nicht als bloßes Handwerkszeug nutzen, sondern selbst diese Haltung verkörpern. Erst dann können sie achtsam unterrichten und dann die Haltung der Achtsamkeit authentisch an die Schüler weitergeben. Ob im Mathematik, Geschichts- und Sportunterricht, Achtsamkeitsinterventionen können jederzeit an jedem Ort zu einer gelingenden Lernatmosphäre beitragen.

Das AVE-Institut stellt Achtsamkeit in einen größeren Zusammenhang. Achtsamkeitsübungen sollen nicht dazu führen, dass Menschen sich noch mehr auf sich selbst beziehen. Das Ziel ist vielmehr zu verstehen, wie sehr wir in die Welt eingebunden sind. In diesem Wissen wenden wir uns bewusst und wohlwollend den Mitmenschen und der Umwelt zu. So legt Achtsamkeit die Basis für Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein. 

 

Warum Verbundenheit?

Jeder Mensch weiß, was es bedeutet, wenn sich ihm jemand empathisch und wohlwollend zuwendet, ob es die Eltern, Großeltern, Freunde oder Lehrer sind. Solche Erfahrungen fruchtbarer Beziehungen vergessen wir nicht. Sie prägen unser ganzes Leben.

In unserem Bildungssystem wird dieser Aspekt jedoch zu wenig berücksichtigt. Unser vorherrschendes wissenschaftlich-aufgeklärtes Weltbild betont einseitig die Autonomie und Individualität des Menschen. Das brachte dem Einzelnen zwar viele Rechte und ermöglichte, selbstbestimmt zu leben. Aber die Bedeutung von Beziehungen und Verbundenheit wurde übersehen.

Verbundenheit, die Erfahrung von Empathie und Fürsorge, ist die früheste Erfahrung, die Menschen machen. Gerade das Gehirn von Heranwachsenden ist ein „soziales Gehirn“, wie der Neurologe Prof. Joachim Bauer es nennt, also „ganz auf zwischenmenschliche Ansprache ausgerichtet“.

Auch die Entwicklungspsychologie zeigt: Menschen entwickeln sich nur im Austausch mit anderen. Sogar für das Unterrichten von Fächern  wie Mathematik oder Deutsch spielt die gute Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülern eine entscheidende Rolle.

Entwicklung geht über Beziehung

Die Psychologin und Famlientherapeutin Helle Jensen drückt es so aus: „Letztlich geht es um Empathie – das ist ja das, was in unserer Gesellschaft am meisten fehlt. Aber diese können wir nur entwickeln, wenn wir bei uns selbst anfangen. Sind wir uns selbst vertraut, dann begegnen wir auch anderen mitfühlend.“

Seit einigen Jahren macht der Begriff „Hattie-Faktor“ die Runde, benannt nach dem neuseeländischen Pädagogen John Hattie, Professor an der Universität Melbourne. Er hat über 800 Metaanalysen weltweit zu der Frage ausgewertet, welche Faktoren die Lernerfolge in der Schule bestimmen. Das erstaunliche Ergebnis: Die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer wird mit Abstand am stärksten bewertet. Ohne Respekt und Wertschätzung, Fürsorge und Vertrauen könne Unterricht nicht gelingen.

In der pädagogischen Ausbildung geht es zu wenig um Beziehungskompetenz. Daher möchte das AVE-Institut Lehrerinnen und Lehrern ermöglichen, stärker als bisher Zugang zu den Qualitäten von Empahie und Verbundenheit zu erhalten, um die Schulkultur in diesem Sinne zu verändern.

  

Warum Engagement?

Bildung sollte Kindern ermöglichen, die vielfältigen Bereiche ihrer Persönlichkeit zu entfalten. Neben inneren Qualitäten wie Achtsamkeit und Empathie gehören dazu Verantwortungsbewusstsein und gesellschaftliches Engagement.

Gerade in Zeiten großer Herausforderungen wie Klimawandel, Gefährdung der Demokratie durch Populismus und die Dynamik der digitalen Revolution wollen junge Menschen ethisch handeln und Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen.

Die Praxis der Achtsamkeit hilft dem Menschen zu sehen, was in ihm und um ihn herum geschieht. Sie bereitet den Weg zum Wissen um Verbundenheit und der Erkenntnis, dass wir als Menschen nicht außerhalb von Natur und Gesellschaft stehen, sondern in sie eingebunden sind. Zerstören wir die Umwelt oder verhalten uns passiv angesichts der vielfältigen Bedrohungen, so müssen insbesondere die jungen Menschen die Folgen davon tragen.

Das AVE-Institut setzt sich dafür ein, dass diese Zusammenhänge Eingang in den schulischen Kontext finden, so dass sich jeder junge Mensch entsprechend seinen Neigungen und Fähigkeiten dort einsetzt, wo es notwendig und sinnvoll ist – sei es im sozialen Bereich, im Umweltschutz, in Politik oder Kultur.

Das Ziel ist, eine zukunftsfähige Gesellschaft zu schaffen und einen Lebensstil zu pflegen, der frei von Destruktivität ist und auch nachfolgenden Generationen ein lebenswertes Leben ermöglicht. Achtsamkeit, Verbundenheit und Engagement sind Elemente einer neuen Bewusstseinskultur, die dem Leben dient.