Weit mehr als die Vermittlung von Wissen


Essay von Gert Scobel

Unser Erziehungssystem ist in der gesellschaftlichen und politischen Debatte ein einziges Spannungsfeld. Um dieses aufzulösen, müssen wir Bildung neu denken und die Herausforderung meistern, mehr Mitmenschlichkeit und Gemeinwohl in den schulisch-erzieherischen Bereich einzubringen. Der Artikel von Gert Scobel stammt aus dem Magazin moment by moment. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Verfolgt man gegenwärtige Bildungsdebatten, so scheinen sie oft ein Maximalpotenzial für unterhaltsame und leidenschaftliche Erregung, für zugespitzten Diskurs zu bieten und zugleich das beste Forum für die eigene politische Profilierung zu sein, weil sie es erlauben, ein Maximum an Show in Sachen Haltung mit einem Minimum an Einsatz und tatsächlichem Handeln zu verbinden.

Dabei wäre es höchste Zeit, über die Essenz einer zukunftsweisenden und nachhaltigen Bildung im 21. Jahrhundert zu streiten und damit endlich auch darüber, was es bedeutet, Kinder nach einem bestimmten Bild (welchem?) formen zu wollen – denn Bildung ist ja eben auch dies: die Gestaltung nach einem Bild.

 

Menschenfreundlichkeit fördern

Es ist dringend nötig, darüber zu debattieren, was es bedeutet, durch Bildung Mensch zu sein und ganz in der Tradition der Aufklärung daran zu arbeiten, vielleicht sogar ein besserer Mensch zu werden. Was bedeutet Bildung also in einer Zeit der Klimaveränderung, der Kriege, immer noch weit verbreiteter Armut und einer weltweit zu beobachtenden Abschaffung von Demokratie?

Wie auch immer man das Problem beantwortet: Am Ende wird es darum gehen, Bildung so auszurichten, dass sie im Alltag tatsächlich jungen und alten Menschen nicht nur zu überleben hilft, sondern auch menschenfreundlicher zu werden. Bildung muss daher mehr sein als Wissen, muss mehr sein, als Programmieren zu lernen, fit für den Markt zu werden oder sich für einen guten Job zu qualifizieren.

Seit mehr als zehn Jahren gibt es solide internationale und wissenschaftlich maximal belastbare Studien, die eindeutig zeigen, wie positiv sich nicht nur angstfreie, auf das einzelne Kind (und den Erwachsenen) zugeschnittene Bildungsangebote auswirken, sondern wie wichtig neben guter Wissensvermittlung und gemeinschaftlichem Lernen beispielsweise auch Achtsamkeitsübungen für die Ausbildung von Identität, Empathie, Gefühlskontrolle, Resilienz und Selbsterkenntnis sind. Es gibt inzwischen Tausende von Studien, die belegen, wie stark derartige weltanschaulich unbedenkliche Trainingsverfahren wie MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) Stress reduzieren (nicht nur in Unternehmen, sondern auch in Schulen und Universitäten) und zugleich nicht nur die Gesundheit, sondern auch das Gemeinschaftsleben fördern. Ja, es gibt ernsthafte wissenschaftliche Hinweise dafür, dass positives Lernen und Achtsamkeitsübungen – von gelegentlichen Nebenwirkungen abgesehen, über die man deutlicher als bisher sprechen sollte – dazu beitragen, ein gutes und zuweilen sogar glückliches Leben zu führen.

Doch darf man zulassen, dass Kinder statt ordentlich Sprachen zu lernen oder MINT-Skills zu erwerben sich mit luftigen Softskills wie Atemtechniken amüsieren? Haben wir nicht selbst pauken müssen? Und hat es uns geschadet? Darf man Techniken wie MBSR, die ursprünglich aus einem buddhistisch-klösterlichen Kontext stammen, wirklich bedenkenlos ins christliche Abendland transplantieren? Und nutzt das wirklich etwas? Wem eigentlich? Wer derart komplexe Fragen beantworten will und sich dabei verpflichtet, eine ernsthafte, auf Evidenz und kritischer Prüfung basierende Diskussion zu führen, hat die Pflicht, sich zunächst mit den Fakten vertraut zu machen. Vor allem drei Aspekte sind bedenkenswert.

 

Der bildungsindustrielle Komplex

Wir befinden uns gegenwärtig mitten in einer entscheidenden Phase der Transformation des Schul- und Bildungssystems. An der Oberfläche der Diskussion geht es um freundlichere Räume, intakte Toiletten und Dächer oder um all die glänzenden Instrumente, die der Digitalpakt bescheren soll. Es geht um nahrhafte Mittagessen, die am Ende tatsächlich auch den 1,4 Millionen Kindern zugutekommen könnten, die derzeit unter der Armutsgrenze leben, aber auch um kostenlose Nachhilfe, eine bessere Lehrerausbildung, größeren Respekt den Bildungsarbeitern gegenüber oder den Ausbau musikalisch-künstlerisch-sportlicher Bildung für alle, auch die, die sich keinen Verein leisten können.

Doch die eigentliche Transformation findet unterhalb dieser Oberfläche in gut getarntem, aber vermintem Gelände statt. Denn in der Entwicklung der Tiefenstruktur, die von einflussreichen Playern in Industrie und Politik mehr oder weniger versteckt gefördert wird, geht es um die Stärkung eines neu entstandenen bildungsindustriellen Komplexes, wie der Soziologe Richard Münch es formuliert. Es überrascht daher kaum, dass die „Nationale Industriestrategie 2030“ vor allem den Erhalt „technologischer Schlüsselkompetenzen“ im Auge hat.

Auch die vergleichsweise unscheinbar wirkende, aber inzwischen milliardenschwere Nachhilfe- und Privatschulindustrie Deutschlands hat ein Interesse am Selbsterhalt und damit an einer marktorientierten Bildungsindustrie. Privatschulen im In- und Ausland präsentieren sich zunehmend erfolgreich als therapeutisch höchst wirksames Mittel, um einer ängstlich gewordenen Mittelschicht das Gefühl zu vermitteln, sie und ihre Nachfahren allein durch Investitionen in die Bildungsindustrie vor dem Absturz ins Prekariat bewahren zu können. Die Stabilisierung eines bildungsindustriellen Komplexes ist eng mit Institutionen, Bewertungen, Testverfahren und ökonomischen Interessen verbunden.

Auch die beliebten PISA-Studien gehören dazu: Sie sind extrem teure Untersuchungen der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die sich per Auftrag der Entwicklung von Marktwirtschaft, nicht aber der von Pädagogik, Selbstwert oder Aufklärung verschrieben hat. Schüler kommen darin bei aller pädagogischen Kosmetik in erster Linie als eine Art Maschinen vor, die man nur füttern muss, um den richtigen und später verwertbaren Output zu erhalten.

 

Von Ist- und Sollzuständen

Zweitens ist zu bedenken, dass Bildung stets ein Teilsystem einer Gesellschaft darstellt. Sie ist Ausdruck der Gesellschaft, die sie bezahlt, plant, fördert und weiterentwickelt – und zwar nach Vorgabe ihrer ureigenen Ziele und Interessen. Wie in jeder Demokratie konkurrieren daher auch im Bildungssektor unterschiedliche Interessengruppen und Lobbyverbände miteinander. Ihr Einfluss, ihre Argumente, ihre Richtlinien, Zielvorstellungen, Wünsche oder Annahmen über Zweck, Nutzen und Sinn von Bildung beeinflussen alle Diskussionen über Schulen, Schultypen, Curricula und Lernformen.

In jeder Gesellschaft bilden sich unterschiedliche soziale Systeme wie Wirtschaft, Bildung oder Medien heraus. Erst deren mehr oder minder gelungene Kommunikation miteinander bestimmt, wie erfolgreich die Suche nach einer gemeinsamen, immer wieder neu auszuhandelnden fairen Organisation des Zusammenlebens und Gemeinwohls ist.

Das Bildungssystem als Teilsystem der Gesellschaft beruht, wie jedes Teilsystem, auf zentralen Unterscheidungen. Doch statt darüber zu diskutieren, was in der derzeitigen Situation einer fundamentalen Transformation Bildung ausmachen könnte – etwa im Unterschied zu einer reinen Zurichtung auf marktwirtschaftliche Funktionen –, wird über oberflächliche Unterscheidungen wie die zwischen Gesamtschule oder Gymnasium debattiert. Damit wird das eigentliche Ziel jedoch verfehlt.

Als real existierende Institutionen markieren Bildungseinrichtungen stets einen Istzustand, den es jedoch kritisch abzugleichen gilt gegen den Sollzustand einer vom Ist unterschiedenen, mehrheitlich zu bestimmenden Idealvorstellung von Bildung. Obwohl diese Unterscheidung zwischen Ist und Soll zu klären eine zentrale Aufgabe von Bildungsdebatten ist, enden die meisten davon in Überlegungen, wie der gegenwärtige Istzustand erhalten oder ausgebaut werden kann.0

Ob Bildung weiterhin allein auf die Überlebensfähigkeit der Großindustrie und nicht auch auf Handwerk, Kunst oder soziale Berufe ausgerichtet bleiben sollte, darf keineswegs als bereits ausgemacht gelten. Statt den Streit um die Tiefenstruktur der Transformation von Bildung zu führen, wenden sich die Debatten vor allem der sichtbaren Oberfläche zu.

Genau deswegen werden Lehrer ebenso wie Kantinen, Laptops oder das Mobiliar von Schulen zum Spielball einer letztlich unhinterfragt marktorientierten Debatte, in der es darum geht, den Istzustand bei möglichst geringen Investitionen zu erhalten, ohne dass an der Grundausrichtung etwas verändert würde. Bildungsdebatten werden aus dem Grund so hitzig geführt, weil sich an ihnen andere Diskussionen entzünden, die in Wahrheit nicht geführt werden.

 

Die Grenzen einer Aneignung durch Nachahmung

Auch wenn Bildung liebevoll, verantwortungsvoll und mit Hingabe geschieht, stellt sie in der Praxis weitgehend ein Einüben in mehr oder minder starre Formen dar. Diese Form der Bildung ist jedoch defizitär, um einen ökonomischen Begriff zu verwenden.

Natürlich muss eine Schule, die im Sinne des Kant’schen Aufklärungsideals und durchaus auch der sozialen Marktwirtschaft auf den Gebrauch des eigenen Verstandes (und Herzens) zielt, durchaus das Wissen und all jene Regeln vermitteln, die Denken und Argumentieren zugrunde liegen und Orientierung und Selbstbestimmung überhaupt ermöglichen. Diese Regeln sind keineswegs immer frei wählbar.

Einem nüchternen Verhaltensforscher stellt sich Bildung daher auch als mehr oder minder angstbesetzter Prozess des Abrichtens dar, durch den sogenannte Erwachsene versuchen, sich selbst und das, was sie bereits können, in ihren Kindern zu spiegeln. Wer das Rechnen erlernen will, muss zu rechnen lernen. Das geschieht, indem Schüler mithilfe mehr oder minder guter Methoden in die Lage versetzt werden, teilweise seit Jahrhunderten fixierte Regeln zielführend selber im Sinne eines Unterweisers anzuwenden.

Doch das ist eben nicht alles, was Bildung ausmacht. Diesen Punkt zu übersehen bedeutet am Ende trotz aller pädagogischen Aufhübschungen aus Bildungseinrichtungen weiterhin Hundeschulen für Kinder zu machen – ein Umstand, der verkennt, dass es weder alleine um Abrichtung noch alleine um Wissensvermittlung gehen kann, sondern immer auch um die Förderung sozialer Fähigkeiten, um ethisches Bewusstsein und Mitgefühl. Bildung ist, wenn überhaupt, Wissen und Herzensbildung.

Natürlich ist Bildung als Teilsystem der Gesellschaft immer auch Einübung in das, was die Gesellschaft macht – und zwar allein mit Mitteln dieser Gesellschaft. Doch gerade damit befindet sich Bildung in einer Klemme: Sie soll aufklären, soll bewegen und begeistern, soll Innovationen ermöglichen und Menschen helfen, zu besseren Menschen zu werden – und dies mit Mitteln, die in vielerlei Hinsicht nichts anderes sind als ein Nachahmen dessen, was bereits der Fall ist und gerade dadurch die Krise(n) perpetuiert.

Dabei besteht das Ziel von Bildung nicht zuletzt auch darin, das, was der Fall ist, infrage zu stellen, um es auf diese Weise deutlicher zu erkennen, die noch brachliegenden Möglichkeiten zu erkennen und die Welt dementsprechend besser zu gestalten. Es ist eine falsche und desaströse Vorstellung zu behaupten, Bildung sei ein Kampf mit der Welt und uns selbst, bei dem wir allein der Wirklichkeit sekundieren sollten, die uns die Pistole auf die Brust setzt, statt auf die Möglichkeiten zum Besseren zu vertrauen (und nicht zuletzt auf eine Welt ohne Duelle dieser Art zu setzen).

 

Am Gemeinwohl orientierte Bildung

In Deutschland markiert der Nationalsozialismus einen radikalen Bruch im Bildungssystem – zeigte er doch, dass selbst klassische Bildung nichts nutzt, wenn es um Menschlichkeit und den Erhalt der Demokratie geht. Wenn Bildungseinrichtungen Systeme sind, die dem Staat dienen, dann sollten diese auf Gerechtigkeit, Respekt, Menschenwürde und Menschenfreundschaft beruhen.

Auch einem modernen Staat wie der Bundesrepublik muss daher an einer Bildung liegen, die am Ende der Mitmenschlichkeit und dem Gemeinwohl, nicht aber einer Fiktion wie dem Volk oder der Ökonomie dient. Der Nutzen von Bildung ist ebenso wenig allein ein ökonomischer, wie Bildung ausschließlich Wissensvermittlung ist – auch wenn ökonomische Faktoren eine entscheidende Rolle spielen.

Der Umstand, dass in Berlin bis zu 80 Prozent der neu eingestellten Lehrer Quereinsteiger ohne jede Kenntnis in Pädagogik und Didaktik sind, gleichzeitig aber vergeblich um Weiterbildungskurse bitten, belegt die durchschlagende Wirkung finanzieller Strukturen. Doch es dabei zu belassen, hieße gerade allein der Ökonomie Recht zu geben.

 

Das Dilemma der Achtsamkeitsbewegung

Die Transformation von Bildung in einen „bildungsindustriellen Komplex“ könnte fatalerweise auch die Achtsamkeitsbewegung an Schulen in die Situation bringen, eine Wirtschaftsordnung zu unterstützen, die Bildung in erster Linie als Marktkompetenz versteht. Eine solche Bildung macht sich neurowissenschaftliche und andere Erkenntnisse zunutze, um Menschen in ihrer Leistungsfähigkeit noch geschickter zu optimieren.

Achtsamkeit würde in einem solchen System zur Stütze eines höchst fragwürdigen Neuroliberalismus, dessen Menschenbild mehr mit Renditenentwicklung mithilfe von Neuroenhancement als mit Schulung von Bewusstsein, Körper, Herz und Mitmenschlichkeit zu tun hat.

Hinzu kommt, dass Achtsamkeitsangebote zu Erfolgsmerkmalen eines teuren Privatschultypus werden könnten, der sich bewusst abkoppelt von „öffentlich-rechtlichen“ Schulen für das Prekariat. Auf eine solche Entwicklung hat die Soziologin Jutta Allmendinger bereits vor der Jahrtausendwende mit dem Begriff der „Bildungsarmut“ aufmerksam gemacht. Er bezeichnet ein Bildungsniveau, das in einer Gesellschaft für unzureichend erachtet wird, um gleichberechtigt am Arbeitsmarkt, aber auch am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilzuhaben. Achtsamkeit in Schulen sollte daher bewusst gegensteuern und in aller Deutlichkeit von Beginn an auf alle Schultypen setzen – und von dieser Haltung auch nicht abrücken.

Zweifellos können Achtsamkeitstraining, Meditation und Angebote wie Yoga in hervorragender Weise helfen, das Bewusstsein zu bilden, Resilienz und Gesundheit zu stärken und Mitmenschlichkeit zu fördern. Doch selbst das beste Angebot dieser Art kann nur im Kontext eines Systems wirken, das diese Werte selbst aktiv fördern will. Bliebe diese Förderung aus, würde Achtsamkeit stattdessen nur das Problem verlängern, an welchem das System bereits leidet. Mehr noch: in diesem Fall bliebe Achtsamkeit Teil des Systems und wäre damit selbst das Problem, das zu lösen sie angetreten ist. Es bedarf eines klugen Vorgehens, offener Diskussion und demokratischer Förderung, damit es dazu nicht kommt.

 

Gert Scobel ist Professor der Philosophie, Moderator und Redaktionsleiter der Sendung scobel in ZDF/3Sat und Buchautor. Der Artikel stammt aus moment by moment – Das Magazin für Achtsamkeit, Ausgabe 01/2019. Mit freundlicher Genehmigung

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