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Von Rosa Parks hin zu innerer Nachhaltigkeit: Ulrich Schnabel über den langen Weg des Wandels

Von Rosa Parks hin zu innerer Nachhaltigkeit: Ulrich Schnabel über den langen Weg des Wandels 

Wer hat schon mal den Namen Rosa Parks gehört? Und wer den Namen Irene Morgan? Mit diesen zwei Fragen beginnt Ulrich Schnabel seinen Expertenimpuls. Der Zeit Wissen-Redakteur und Autor der Bücher „Zuversicht” und „Zusammen“ beschreibt die Kraft individuellen Handelns als Teil langfristiger gesellschaftlicher Veränderungen zu verdeutlichen. 

Ulrich Schnabel, ZEIT Wissen-Redakteur und Autor der Bücher „Zuversicht” und „Zusammen“
Ulrich Schnabel, ZEIT Wissen-Redakteur und Autor der Bücher „Zuversicht” und „Zusammen“

Einzelne Handlungen können große Bewegungen auslösen  

Ulrich Schnabel zeigt eindrucksvoll, wie die Handlungen einer einzelnen Person eine massive gesellschaftliche Bewegung in Gang setzen können. Rosa Parks, eine afroamerikanische Frau, weigerte sich 1955 in Montgomery, Alabama, ihren Platz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen. Das wiederum veranlasste Martin Luther King Jr. dazu, den Montgomery Bus Boycott zu organisieren. Dieser Boykott war ein entscheidender Moment in der Bürgerrechtsbewegung und führte zu weitreichenden Veränderungen in der amerikanischen Gesellschaft.

Im Gegensatz dazu war genau die gleiche Handlung – die Weigerung einer schwarzen Frau, Irene Morgan, ihren Sitzplatz einer weißen Person im Bus zu überlassen – zehn Jahre fast unbemerkt vonstatten gegangen. Wenngleich Morgans Handlung zehn Jahre zuvor vermeintlich nichts bewirkt hatte, stellt sich die Frage, ob sie gescheitert ist? Vordergründig, vielleicht. Aber wenn man genauer hinschaut, stellt man fest, dass es ein Impuls war, der den Stein ein Jahrzehnt später ins Rollen brachte. 

Das zeigt zwei Dinge: das eine, dass manchmal die Taten von Einzelnen wie eine Lawine eine Bewegung auslösen, die eine große Veränderung bewirken. So, wie es bei Rosa Parks war. Aber auch: die Gesellschaft muss dafür bereit sein. – Ulrich Schnabel 

Tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen erfordern Zeit und Geduld 

Schnabel betont, dass wir in einer Zeit leben, die von extremen Transformationen geprägt ist – sei es durch den Klimawandel, geopolitische Verschiebungen oder technologische Innovationen wie die Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Es ist fast mit dem Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit zu vergleichen, in der sich die Welt dramatisch gewandelt hat. Es reicht nicht aus, auf schnelle Erfolge zu hoffen. Vielmehr müssen wir bereit sein, einen langen Atem zu haben und geduldig auf die Früchte unserer Bemühungen zu warten. Wie können wir in solchen Situationen Hoffnung bewahren und zuversichtlich bleiben? 

„Die großen gesellschaftlichen Veränderungen, wie sie gerade anstehen, brauchen Zeit. Das geht nicht schnell, das geht nicht innerhalb einer Wahlperiode. Wir brauchen einen langen Atem. Und man muss sich selbst und den anderen diese Zeit zugestehen, auch wenn wir das Gefühl haben, wir haben eigentlich keine Zeit.“ – Ulrich Schnabel 

Ulrich Schnabel mit Teilnehmenden bei der Gruppenarbeit
Ulrich Schnabel mit Teilnehmenden bei der Gruppenarbeit

Innere und äußere Nachhaltigkeit für einen gelungenen Wandel

Als erstes gilt es laut Schnabel, die Unsicherheit als solche anzunehmen, weil sie Teil des Geschehens ist. Die Herausforderung ist, genau zwischen der Verdrängung und Zynismus heimisch zu werden und die Ungewissheit zu akzeptieren. In den Worten von Otto Scharmer: „If you are not confused, you are out of touch.“

Der zweite wichtige Aspekt, den Schnabel hervorhebt, ist die Notwendigkeit, nicht nur äußere, sondern auch innere und psychologische Nachhaltigkeit zu pflegen. Gerade Aktivisten und Menschen, die sich für Veränderungen einsetzen, sind oft hohen Belastungen ausgesetzt und der Gefahr ausgesetzt, schnell auszubrennen. Daher ist es wichtig, auf sich selbst zu achten und ein anderes Verständnis von Erfolg zu entwickeln.

Erfolg sollte nicht nur materiell gemessen werden, sondern auch durch immaterielle Werte wie Beziehungsreichtum, Zeitwohlstand und innere Freiheit. Es sei an der Zeit für ein neues Verständnis von Erfolg und Reichtum. Die Frage, was einen lebendig macht, kann einem einen guten Hinweis darauf geben, was einen hoffnungsvoll und zuversichtlich macht – und das kann für jeden anders sein. 

„Wir sind ja eine sehr materielle Gesellschaft: Erfolg wird bei uns vor allem materiell definiert. Wohlstand, Reichtum, großes Haus, großes Auto, äußerer Erfolg. Und ich glaube, das ist einer der Gründe für die Krise, in der wir stecken. Dieses Umdenken hin zu einer anderen Art von Erfolgsdenken wie z.B. Beziehungsreichtum oder Zeitwohlstand oder innerer Freiheit, das muss bei uns selbst anfangen.“ – Ulrich Schnabel 

Frage dich selbst, was dich lebendig macht, und gehe und tue das. Denn was die Welt braucht, das sind Leute, die lebendig geworden sind. – Howard Thurman

Kollektive Anstrengung und Verbundenheit sind entscheidend 

Ein weiteres zentrales Thema, das Schnabel anspricht, ist die Bedeutung von Gemeinschaft und kollektiver Anstrengung. Wir sollten uns nicht als isolierte Individuen betrachten. Stattdessen sollten wir uns als Teil einer größeren Bewegung sehen, die gemeinsam auf langfristige Ziele hinarbeitet.

Es ist es das Zusammenspiel vieler Menschen und Kräfte, die eine Bewegung zum Erfolg führen. In Zeiten der Unsicherheit und des Wandels kann das Gefühl, Teil einer größeren Bewegung zu sein, enorm kraftvoll und motivierend sein.

So wie die Bürgerrechtsbewegung viele Menschen vereinte, die gemeinsam für eine gerechtere Gesellschaft kämpften, so müssen wir uns heute als Teil globaler und lokaler Netzwerke sehen, um die Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Dafür brauchen wir Verbündete, die uns stärken, und diese müssen nicht immer reale Personen sein. Es könnten auch Menschen sein, die vor uns waren oder die nach uns kommen.  

Die Kraft der Gemeinschaft und des langen Atems 

 So wie Rosa Parks und die Bürgerrechtsbewegung uns gezeigt haben, dass einzelne Handlungen große Veränderungen auslösen können, müssen wir heute den Mut und die Geduld aufbringen, um langfristige gesellschaftliche Transformationen zu erreichen. Dabei ist es entscheidend, dass wir uns gegenseitig unterstützen und die Hoffnung nicht verlieren, auch wenn der Erfolg manchmal erst nach vielen Jahren sichtbar wird. Die Kraft der Gemeinschaft und das Bewusstsein, Teil eines größeren Ganzen zu sein, können uns helfen, die Herausforderungen der Gegenwart zu meistern und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. 

Gemeinsam zu mehr Zuversicht - Ulrich Schnabel | AVE Institut & Okeanos Stiftung
Gemeinschaft als zentraler Faktor für Zuversicht – Ulrich Schnabel | AVE Institut & Okeanos Stiftung

Drei Take-Aways

  1. Einzelne Handlungen können große Bewegungen auslösen: Die Geschichte von Irene Morgan und Rosa Parks zeigt, dass mutige Entscheidungen Einzelner, selbst unter schwierigen Bedingungen, eine große gesellschaftliche Bewegung anstoßen können. 
  2. Gesellschaftlicher Wandel erfordert Zeit und Geduld: Veränderungen geschehen oft nicht sofort und können viele Jahre dauern. Es ist wichtig, den langfristigen Erfolg im Auge zu behalten und sich nicht von anfänglichen Misserfolgen entmutigen zu lassen. 
  3. Kollektive Anstrengung und Verbundenheit sind entscheidend: Sich als Teil einer größeren Bewegung zu sehen, stärkt die Zuversicht und den Glauben an den Erfolg. Gemeinsamkeit und Unterstützung, auch über Generationen hinweg, sind entscheidend für nachhaltigen Wandel. 
Bildquellen dieser Seite anzeigen

  • Zuversicht als Weg zu innerer Nachhaltigkeit – Vortrag Ulrich Schnabel | AVE Institut & Okeanos: Antonius Scheffler / Okeanos Stiftung
  • Ulrich Schnabel, ZEIT Wissen-Redakteur und Autor der Bücher „Zuversicht” und „Zusammen“: Antonius Scheffler / Okeanos Stiftung
  • Ulrich Schnabel mit Teilnehmenden bei der Gruppenarbeit: Antonius Scheffler / Okeanos Stiftung
  • _DSC8614_Ulrich Schnabel fern: Antonius Scheffler / Okeanos Stiftung