Amiki Kongress

40 Wege, wie Achtsamkeit zu den Kindern kommen kann

Lienhard Valentin und Dörte Westphal haben ihr Netzwerk genutzt und für einen neuen Online-Kongress mit über 40 international bekannten Expert*innen zum Thema „Achtsamkeit mit Kindern und Jugendlichen“ gesprochen. Marika Muster hat Lienhard Valentin zu seiner Motivation und zu dem Amiki-Kongress befragt.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Das Gespräch führte Marika Muster

Früher haben Sie das Thema „Achtsamkeit mit Kindern“ eher kritisch gesehen…

Lienhard Valentin: Stimmt. Ich habe immer gesagt: Lasst die Kinder in Ruhe und praktiziert lieber selbst.

Wie kamen Sie darauf?

Valentin: Ich hatte die Befürchtung, dass die Achtsamkeit instrumentalisert wird, um Kinder ruhig zu stellen – also die Wellen zu glätten, statt zu lernen, auf den Wellen zu surfen.

Durch die Gehirnforschung von Dan Siegel ist mir damals außerdem klar geworden, dass Erwachsene Defizite durch Achtsamkeit nachentwickeln, sich sozusagen „nachbeeltern“ können. Durch Freundlichkeit und Mitgefühl für sich selbst. Wir halten unser zukünftiges Gehirn in den Händen. Kinder entwickeln dagegen alle notwendigen Fähigkeiten ganz natürlich durch eine gute Eltern-Kind-Bindung.

Warum hat sich Ihre radikale Meinung aufgeweicht?

Valentin: Viele Kinder kommen heute schon mit Defiziten in den Kindergarten. Die Achtsamkeitspraxis stärkt von innen. Sie hilft Kinder und Jugendlichen dabei, bei sich zu bleiben, trotz Ablenkungen und Verführungen von außen.

Was ist das Wichtigste für Pädagog*innen, die Achtsamkeit in den Unterricht integrieren möchten?

Valentin: Das A und O ist es, die Achtsamkeit selbst zu verkörpern, bevor wir sie weitergeben. Erst achtsam sein, dann achtsam unterrichten, dann Achtsamkeit unterrichten.

Gibt es Unterschiede bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen?

Valentin: Für jüngere Kinder ist es schwierig ein festes Curriculum anzubieten. Je jünger die Kinder sind, desto mehr muss ich zum „Jazzer“ werden – im Kontakt sein, improvisieren, spüren, wie die Kinder drauf sind. Ich brauche einen Korb voller Möglichkeiten. Was in der einen Gruppe passt, passt nicht in der anderen. Man kann nicht einfach etwas überstülpen. Und ich kann nur unterrichten, was ich selbst praktiziere.

Es braucht also authentische Pädagogen?

Valentin: Ja. Wir hatten zum Beispiel mal eine Realschullehrerin in der Grundausbildung. Die war gerade in der Elternzeit. Dann ging sie an eine neue Schule und hat eine Klasse übernommen. Als sie ins Lehrerzimmer kam, sagten alle: Oh, das ist die schlimmste Klasse. Sie ist unvoreingenommen reingegangen. Aber die Jugendlichen hatten auch selbst ein schlechtes Bild von sich. Sie hat dann den Lehrplan fallen gelassen und nur zugehört. Die Kinder hingen an ihr, weil sie von ihr gehört wurden. Die Klasse hat sich total verändert – ganz ohne Achtsamkeitspraktiken.“

Aber Lehrer*innen müssen auch auf sich selbst aufpassen, oder?

Valentin: Stimmt. Der Beruf ist wahnsinnig herausfordernd. Lehrer*innen waren früher die wichtigsten Menschen im Dorf, heute sind sie schuld an allem. Vorpensionierungen bei Lehrern*innen sind extrem hoch. Daher ist die Psychohygiene, also Stressbewältigung und Selbstmitgefühl, sehr wichtig. Es muss aber klar sein, dass das nichts ist, was noch obendrauf kommt. Es ist für dich!

Was ist das Besondere an dem Kongress-Programm?

Valentin: Die Vielfalt. Wir haben ein reichhaltiges Angebot, bei dem für jeden etwas dabei ist. Es ist wie ein Sushi-Büfett mit Fließband, mit einem wirklich langen Fließband. Alle Interviews wird man nicht schaffen. Man sollte das nutzen, wo man die meiste Resonanz hat. Den inneren Kompass nutzen, das eigene Gefühl, was stimmig ist. Und dann: Mach dein eigenes daraus!

Außerdem ist besonders, dass man die Chance hat, bei den erfahrensten Praktikern aus den USA und England (mit und ohne Übersetzung) reinzugucken. Damit kann man einen Eindruck bekommen, wie die das Thema Achtsamkeit sehen. Amerika ist uns beim Thema Achtsamkeit 30 Jahre voraus.

Was erfreut Sie persönlich am meisten?

Valentin: Zum einen freue ich mich, wenn der Kongress viele Lehrkräfte erreicht, weil es da viel Not gibt. Da könnte etwas dabei sein, was hilft.

Zum anderen gab es eine wunderbare Fügung. David Treleaven beschäftigt sich schon lange mit traumasensitiver Achtsamkeit, hat aber nur wenig Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen. Da er aber gut mit Daniel Rechtschaffen befreundet ist, habe ich gefragt, ob sie das Interview zusammen machen würden. Als ich Daniel fragte, saß David ihm gerade gegenüber und beide sagten, dass sie Lust darauf hätten. Sie werfen sich nun die Bälle im Interview hin und her.“

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Foto Lienhard ValentinLienhard Valentin hat 1984 den Arbor Verlag gegründet. Zwei Jahre später folgte der Verein „Mit Kindern wachsen“ und 2006 die gemeinnützige Arbor-Seminare gGmbH. Hier kommen Sie auf seine Seite.

 

 

 

Mehr Infos zum Amiki-Kongress

Der Kongress findetet vom 29. April bis 11. Mai 2022 online statt. Alle, die mit Kindern oder Jugendlichen arbeiten, etwa in Kitas, Schulen oder Jugendeinrichtungen, aber auch alle anderen, die sich für das Thema Achtsamkeit interessieren, bekommen beim Amiki-Online-Kongress (Arbor-Online-Center) zahlreiche Einblicke und Anregungen. Dafür gibt es nach der Life-Auftaktveranstaltung am 29. April über mehrere Tage verteilt über 40 Interviews mit Expert*innen aus dem deutsch- und englischsprachigen Raum sowie (am 07. Mai) sieben Praxis-Workshops zum Mitmachen. Es gibt auch ein Interview mit Dr. Nina Bürklin (AVE Geschäftsleiterin) und Sarina Hassine (Chefredakteurin AVE-Website).

Hier kommen Sie zum Kongress.

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  • Amiki Kongress: Arbor Online Center
  • Lienhard Valentin: privat