Studie mit Grundschulkindern

Die Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Maria von Salisch forscht zur Emotionsregulation. Sarina Hassine hat sie zu ihrer aktuellen Achtsamkeits-Studie befragt: Grundschulkinder üben täglich atembasierte Achtsamkeit und werden sieben Monate lang begleitet.

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Ein Aspekt der Achtsamkeitspraxis ist es, den eigenen Atem zu beobachten, ohne ihn zu bewerten. Diese simple Übung kann eine große Wirkung haben. Prof. Dr. Maria von Salisch vom Institut für Psychologie der Leuphana Universität Lüneburg erforscht diesen Wirkmechanismus der Achtsamkeit mithilfe einer täglichen Kurzintervention in Schulklassen, der Atempause.

Dazu werden in Niedersachsen derzeit an neun Grundschulen ca. 140 Grundschüler der dritten und vierten Klasse über ein gutes halbes Jahr lang beobachtet und befragt. Neun Wochen lang praktizieren sie im Schulunterricht bis zu dreimal täglich eine drei- bis fünfminütige, angeleitete, atemfokussierte Achtsamkeitsübung.

Diese Übung wird von der Lehrkraft situationsgerecht variiert, d.h. je nach Bedarf mit eher beruhigender (z.B. „Stillsitzen wie ein Frosch“) oder eher aktivierender Wirkung (z.B. „Regenbogenübung“). Auf jeden Fall bedeutet sie ein Innehalten im oft turbulenten Schulalltag, das Kindern dabei hilft, wieder mit ihrem Innenleben in Kontakt zu kommen. Zugleich bietet sie auch den Lehrkräften eine kleine „Atempause“. Oder als Ritual einen körperbetonten Einstieg in die gemeinsame Schulstunde.

Seit 2002 ist Maria von Salisch Professorin für Entwicklungspsychologie an der Leuphana Universität. Sie forschte und publizierte umfangreich zur Entwicklung der Emotionsregulation bei Kindern. Sie sagt:

„Die Fähigkeit mit den eigenen Emotionen umzugehen, sie zu erkennen und zu benennen, ist bei Kindern ganz unterschiedlich ausgeprägt und bei manchen förderungsbedürftig. Damit eine Klasse zur Lerngemeinschaft wird, braucht es ein soziales Miteinander. Ist die Fähigkeit von Kindern, eigene Gefühle und die von anderen im Alltag zu erkennen und die eigene Emotionalität zu beeinflussen, stark eingeschränkt, wird gemeinsames Lernen schwieriger und das Klassenklima leidet.“ Hier kann Achtsamkeit hilfreich sein.

Was Achtsamkeit mit Emotionsregulation zu tun hat

Die Forschung hat gezeigt, dass Menschen, sogar Säuglinge und Kleinkinder, prinzipiell in der Lage sind, aktiv mit ihren Gefühlen umzugehen und sie zu regulieren. Schon sehr junge Kinder lernen, ihre Empfindungen zu verringern, zu unterdrücken oder auch zu verstärken.

Zu Beginn einer emotionalen Reaktion steht die Bewertung der emotionsauslösenden Situation. Diese erfolgt meist sehr schnell und ist somit nicht immer ein bewusster Prozess. Ziel der Emotionsregulation auf der Ebene der Bewertung kann z.B. sein, die Situation zu verändern, Gerechtigkeit wiederherzustellen oder zu verhindern, dass sich die Situation wiederholt (vgl. von Salisch 2000, 31).

Eine Kernkompetenz der Achtsamkeit ist es, die eigenen Gedanken und Bewertungen zu bemerken und die Reaktionen darauf zu beeinflussen. Achtsamkeitsübungen können den Schüler:innen zunächst dabei helfen, ihre Aufmerksamkeit auf das zu richten, was in diesem Moment ist. Dann lernen sie, sich selbst und die eigenen Gefühle ohne Bewertung wahrzunehmen.

Mit der atembasierten Achtsamkeit üben sie die Verbindung zwischen den exekutiven Funktionen, die im präfrontalen Cortex angesiedelt sind, und dem Emotionszentrum in der Amygdala. Die Kinder werden eingeladen, Übungen zu erproben, die sie dabei unterstützen können, ihre Empfindungen besser zu steuern. Die Interventionsstudie des Teams um Prof. von Salisch soll dazu dienen, Effekte der atembasierten Achtsamkeitsübungen auf die Emotionsregulation, das Wohlbefinden und die Aufmerksamkeit der Schüler:innen zu überprüfen. Auch die mathematische Leistung der Kinder und das Klassenklima werden untersucht.

Die Kinder fit für`s Leben machen

„Unser Anliegen ist es, Kinder fit zu machen für ihr Leben. Je früher sie mit Achtsamkeit und verwandten Methoden in Berührung kommen, umso formbarer sind die Verbindungen im Gehirn und umso länger haben sie etwas davon,“ ist von Salisch überzeugt. Unsere Gesellschaft erkenne zunehmend, dass emotionale Intelligenz einen hohen Stellenwert haben sollte. Über die schulische oder berufliche Bildung hinaus beeinflussen die emotionalen Fähigkeiten und die Selbstregulation eines Menschen Lebensentscheidungen weitreichend.

Das Gesundheitsverhalten zum Beispiel wird maßgeblich davon mitbestimmt. Werden die Menschen im Erwachsenenalter körperlich oder physisch krank, weil sie z.B. ein ungesundes Essverhalten ausgebildet haben, mit emotionalen Belastungen nicht umzugehen wissen oder einfach nicht gut für sich sorgen, kostet das die Gesellschaft Geld und Ressourcen. Dies zeigen andere Längsschnittstudien (z.B.  Moffitt et al., 2011). Eine präventive Förderung der Menschen in jungen Jahren in diese Richtung könnte am Ende weitaus kostengünstiger sein.

Projektbeschreibung Atempause

Ablauf der Atempause – Studie

Die Lehrkräfte, die sich an der Studie beteiligen und die Übungen der Atempause in ihren Unterricht einbauen, haben sich freiwillig für die Teilnahme gemeldet. Vor Studienbeginn erhielten sie selbst eine Schulung in Achtsamkeit – einen Kurs bei einer zertifizierten MBSR-Lehrerin. Studienbegleitend nahmen sie an einer Gruppen-Supervision durch eine klassenerfahrene MBSR-Lehrerin teil.

Die Einteilung der Klassen in Interventions- und Kontrollgruppen erfolgte zufällig. Am Anfang stand die Untersuchung des Ist-Zustands in allen Klassen mit Fragebögen und Tests. Die Befragung erfolgte mittels Tablets, was die jungen Schüler:innen sehr motiviert und den Arbeitsaufwand auf Seiten der Forschenden verringert hat.

Die Interventionsklassen übten sich danach neun Wochen lang mehrmals täglich in der „Atempause“ (September-November 2020). Danach wurden die Testungen im Dezember – gerade noch vor dem Lockdown – erneut in allen Klassen durchgeführt, um festzustellen, was sich verändert hat. Einige Monate später (im April 2021) wird eine dritte Testung in allen Klassen Auskunft über mögliche Langzeiteffekte der Intervention geben. Die Klassen der Kontrollgruppen sind nach der dritten Testung eingeladen, ebenfalls die Achtsamkeitsübungen der Atempause zu erlernen und zu üben.

Erste Ergebnisse und ein Ausblick

Die Corona-Krise hatte bisher kaum Einfluss auf den geplanten Ablauf der Studie. Die beiden Tablet-basierten Befragungen der Kinder konnten wie geplant durchgeführt werden.

Die Ist-Stand-Befragung Anfang September 2020 zeigte ein auffälliges Ergebnis: Über 18 Prozent der Kinder antworteten, dass sie oft Angst davor hätten, dass Corona ihr Leben dauerhaft verändert oder verschlechtert, dass ihre Familie nicht mehr genügend Geld zur Verfügung haben oder dass sie ihre Hobbies schlechter ausführen könnten.

Im Laufe des Jahres 2021 werden wir erfahren, ob die Achtsamkeits-Übungen der Atempause den Kindern geholfen haben, besser mit den coronabedingten, angstauslösenden Gedanken umzugehen, die mittlerweile immer mehr Kinder plagen.

Das Forscherteam besteht aus Dr. Katharina Voltmer, Institut für Psychologie, Prof. Dr. Maria von Salisch, Institut für Psychologie, Prof. Dr. Stephan Schiemann, Institut für Bewegung, Sport und Gesundheit, und M.Ed. Nina Engel, Institut für Bewegung, Sport und Gesundheit und Lehrerin in Hamburg-Billstedt.

Sarina Hassine, Stand des Artikels: April 2021

Maria von Salisch

Maria von Salisch ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Im W. Kohlhammer Verlag erschien 2015 ihr Buch "Emotionale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen: Entwicklung und Folgen". Seit 2009 ist sie Mitherausgeberin der Fachzeitschrift  "Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie".

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  • Flyer Atempause: Leuphana Universität Lüneburg