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Die Beziehung ist entscheidend

Lienhard Valentin bringt seit vielen Jahren die Achtsamkeit zu den Eltern. Im Interview spricht er über seine Pionierarbeit, wie wichtig in der Familie eine Atmosphäre von Wohlwollen ist und warum er nicht an politische Lösungen glaubt.

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Das Gespräch führte Stefan Ringstorff

Frage: Sie haben 1986 den Verein Mit Kindern wachsen gegründet. Wie ist die Achtsamkeitspraxis in Ihre Elternarbeit eingeflossen?

Valentin: Zunächst gab es wenig Verbindung zwischen meiner Meditationspraxis und dem Elternthema, auch wenn die Kultivierung von Gewahrsein indirekt durch meinen Gestalt-Hintergrund in unsere Elternarbeit einfloss. Als ich dann von einigen Eltern hörte, dass ihre Kinder sie vom meditieren abhalten würden, wurde ich stutzig.

Die Praxis sollte doch dem Leben dienen und nicht so getrennt sein. So kam mir der Gedanke, ob es nicht noch jemanden gibt, der die Praxis der Achtsamkeit in das Leben mit Kindern tragen möchte. Dies führte mich zu Jon Kabat-Zinn und dazu, dass wir das Buch „Mit Kindern wachsen“ von Myla und Jon Kabat-Zinn im Arbor-Verlag herausgebracht haben. 1997 luden wir die beiden für Seminare nach Deutschland ein.

Zu diesem Zeitpunkt war mein erster Sohn gerade zwei Jahre alt geworden. Immer wieder geriet ich in Situationen, in denen ich keine Ahnung hatte, was ich tun sollte. Heute weiß ich, dass dies letztlich ein gesunder Zustand ist.

So kam es, dass die Praxis der Achtsamkeit immer mehr ins Zentrum unserer Arbeit mit Eltern rückte. Sie kann uns wirksam dabei unterstützen, auch in stressigen Situationen offen und flexibel zu bleiben, innezuhalten, bevor wir automatisch reagieren und auf diese Weise einfühlsamer auf unsere Kinder einzugehen.

Bis ich Mutter wurde, konnte ich in der schönen Illusion leben, ein netter Mensch zu sein.

Frage: Warum kommen die Menschen in Ihre Seminare? Suchen Sie konkrete Erziehungstipps und gehen dann enttäuscht wieder, weil Sie das nicht bieten können?

Valentin: Viele Eltern kommen zu uns, weil sie eigentlich wunderbare Eltern sein wollen, sich in Stresssituationen aber auf eine Art und Weise verhalten, die ganz und gar nicht dem entspricht, wie sie es gerne würden. Wie eine Mutter in einem Seminar in der Anfangsrunde sagte: „Bis ich Mutter wurde, konnte ich in der schönen Illusion leben, ein netter Mensch zu sein.“

Alle Eltern lieben ihre Kinder, aber bedingt durch Stress und vielleicht eigene Verletzungen aus der Kindheit wird sie verdeckt durch andere Emotionen und Persönlichkeitsanteile. Die Frage ist also nicht so sehr: Was soll ich tun? Sondern eher: Wie kann ich sein?

Frage: Wie wirkt Achtsamkeit im Bereich Familie?

Valentin: Besonders staunen die Eltern immer wieder, wie positiv es sich auf ihre Familienatmosphäre auswirkt, wenn sie nicht nur auf das schauen, was schwierig ist oder ihnen nicht gefällt, sondern auch den freudigen und schönen Momenten mehr Aufmerksamkeit schenken.

Wenn Kinder das Gefühl haben, dass sie grundsätzlich eine Freude sind für ihre Eltern und keine Last, können sie aufblühen. Es ist dann auch nicht tragisch, wenn wir manchmal gestresst sind oder schlechte Laune haben. Wenn die Grundstimmung geprägt ist von Warmherzigkeit, Klarheit und Freude, kann nicht mehr viel schiefgehen.

Im Kern geht es um angstfreies Lernen.

Frage: Turbo-Abi, Leistungsdruck, Vergleichbarkeitsstudien, immer schneller, immer besser. Ist das nicht ein unheilvoller Prozess, der die Bildungspolitik im letzten Jahrzehnt in Deutschland geprägt hat? Wie treten Sie dem entgegen, was wollen Sie tun, um strukturell und politisch etwas zu verändern?

Valentin: Unser Ansatz ist ein anderer. Ich war immer auf der Suche nach den besten Bedingungen, damit sich Kinder nach ihren eigenen inneren Gesetzen entfalten können. Meine Vorstellung ist nicht, dass die Kinder im Gleichschritt durch das System gehetzt werden. Insofern denke ich, dass die Achtsamkeit an den Schulen etwas Grundlegendes verändern könnte. Allerdings unter der Voraussetzung, dass die Lehrkräfte sie zunächst selbst praktizieren und authentisch verkörpern.

Es geht im Kern um angstfreies Lernen. Spielen, wachsen und sich entwickeln sind nur möglich, wenn Kinder sich sicher fühlen. Es werden aber oft Dinge von Kindern erwartet, für die sie nicht reif sind, dann entwickeln sie Ängste. Das bedauert Dauerstress.

Frage: Was braucht es denn für Voraussetzungen, damit die Achtsamkeit in die Schule Einzug hält?

Valentin: Das bleibt abzuwarten. Ich vertraue da vor allem auf eine organische Entwicklung und nicht auf Hau-Ruck-Verfahren. Achtsamkeit lässt sich nicht erzwingen. Wir haben lange gezögert, Achtsamkeit mit Kindern zu praktizieren, weil die Interpersonelle Neurobiologie und aktuelle Bindungsforschung gezeigt haben, dass eine gute und sichere Erwachsenen-Kind-Beziehung eine vergleichbare Wirkung auf das Gehirn hat wie die Achtsamkeitspraxis.

So dachte ich lange: Lasst doch die Kinder in Ruhe und praktiziert lieber selbst! Inzwischen habe ich aber eingesehen, dass schon viele Kinder emotional und sozial unterernährt in den Kindergarten kommen. Und die neuen Medien sind auch nicht gerade dazu angetan, eine harmonische Entwicklung zu unterstützen. Aber Achtsamkeit ist auch keine Methode, um die Kinder ruhig zu stellen. Die Beziehung ist von zentraler Bedeutung und Achtsamkeitsübungen sind kein Ersatz dafür.

Ich setze auf eine gesellschaftliche Entwicklung von unten statt auf große politische Lösungen: Menschlichkeit kann sich nur entwickeln, indem wir sie erfahren. Genau darin liegt die Aufgabe für uns im Umgang mit den Kindern als Eltern, Erziehern und Lehrern.

Das Interview erschien in vollständiger Länge auf Ethik heute.

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Lienhard Valentin

Lienhard Valentin ist Gründer des Vereins Mit Kindern wachsen, des Arbor Verlags und des Veranstalters Arbor Seminare. Manchmal wird er als "Achtsamkeitshebamme" bezeichnet, da er durch seine Arbeit und sein Wirken die Achtsamkeitsbewegung in Deutschland maßgeblich beeinflusst hat. Er ist Autor diverser Bücher, darunter "Die Kunst, gelassen zu erziehen" und "Die Kraft des Selbstmitgefühls". Er hat zwei Kinder und lebt in Vorarlberg.

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