Foto Katrin Kudrup

Die Hochschule der Zukunft gestalten

Karin Krudup gehört zum Entwicklungsteam des „Thüringer Modells“. Sie spricht im Interview über ihre Ideen, Achtsamkeit im System Hochschule zu verankern und eine Lernatmosphäre zu gestalten, die auf Verbundenheit basiert.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Das Gespräch führte Christina Raftery

Frage: Frau Krudup, was bedeutet Achtsamkeit für Sie persönlich?

Karin Kudrup: Als größtes Geschenk der Achtsamkeit empfinde ich die in ihr enthaltene, nicht-wertende, freundliche Haltung dem Leben gegenüber. Sie ermöglicht es uns zu erkennen, was es bedeutet, Mensch zu sein und welche Reaktionsmuster wir alle teilen: wie wir das Angenehme als gut und richtig empfinden und das Unangenehme als „Störung“ wahrnehmen und mit „falsch“ gleichsetzen.

Diese Reaktivität erzeugt viel Stress. Dabei gehört beides zum Spektrum des Lebens. Erst das Erkennen dieser Reaktivität schafft Raum, bewusst unsere Reaktion zu wählen und wie Viktor Frankl sagt: in dieser Wahl liegen unsere Entwicklung und Freiheit. Achtsamkeit bringt Freundlichkeit und Mitgefühl in unser Leben, besonders wenn die Dinge anders sind, als wir es uns wünschen.

Frage: Als Lehramtsanwärterin an der Grundschule haben sie sich früh für das Lernen und Lehren interessiert. Was konnten Sie davon in den Hochschulkontext übertragen?

Kudrup: Was mich schon in der Grundschule immer am meisten interessiert hat, war nicht die pure Wissensvermittlung, sondern die Frage, wie wir Persönlichkeitsbildung und eine Kultur des Menschseins unterstützen können.

Hier an der Hochschule geht es jetzt um den letzten Ausbildungsschritt der nächsten Generation, die sich globalen und digitalen Herausforderungen stellen muss. Und dazu braucht es kein auswendig gelerntes Wissen, sondern kreative Köpfe und Menschen mit einer reifen Persönlichkeit, die mit Weitblick gestalten können.

Das Projekt hat einen systemischen Blick auf die ganze Institution Hochschule.

Frage: Sie sind seit 2015 an der konzeptionellen Entwicklung im Thüringer Modell „Achtsame Hochschulen“ beteiligt. Was ist für Sie das Besondere an diesem Projekt?

Kudrup: Besonders für mich war und ist, dass es hier von Anfang an nicht darum ging, dass Studierende konzentrierter arbeiten, sondern dass das Projekt einen systemischen Blick auf die ganze Institution Hochschule hat: Wie können Führungskräfte, Angestellte, Studierende und Lehrende auf gesunde Weise miteinander arbeiten, lehren und lernen? Wie kann Achtsamkeit dazu beitragen, die Hochschule für die Zukunft zu gestalten?

Schlüssel ist dabei die Entwicklung einer achtsamen inneren Haltung aller Beteiligten, die es uns ermöglicht, die Beziehung zu uns selbst und anderen bewusst und mitfühlend zu gestalten. Im pädagogischen Prozess ist die Beziehungsgestaltung der erste Schritt. Eine sichere Bindung ist der beste Ausgangspunkt für gelingendes Lehren und Lernen.

Frage: Wenn ich an mein eigenes Studium vor 25 Jahren zurückdenke, erinnere ich mich an riesige Hörsäle und Lehrende, zu denen wenig Zugangsmöglichkeit bestand.

Kudrup: Auch heute gibt es an Hochschulen noch große Anonymität und Isolation. Eine Ursache ist sicherlich auch die zunehmende Verschulung und Digitalisierung des Studiums. Daher betrachte ich die systematische Implementierung von Achtsamkeit im Kontext Hochschule als so wertvoll.

Hochschullehrende gestalten eine Lernatmosphäre, die auf Verbundenheit basiert.

Ein Baustein in dem Projekt ist die Zertifizierung von Hochschullehrenden zu „achtsamen Hochschullehrenden“. Sie lernen, die achtsame Haltung zu verkörpern, Momente von Achtsamkeit in den Hochschulalltag einfließen zu lassen und so eine Lernatmosphäre zu gestalten, die auf Verbundenheit und Beziehung basiert. Eine solche Atmosphäre bietet die besten Voraussetzungen für Lernen und Entwicklung.

Gestartet sind die Hochschullehrenden mit der Entwicklung einer persönlichen Achtsamkeitspraxis im Rahmen des 12-wöchigen Kurses „Mindfulness-Based Teacher Training“ (MBTT). Dieser Kurs basiert auf dem wissenschaftlich anerkannten Trainingsprogramm „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) von Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn.

Die positiven Effekte des MBTT -Kurses im privaten Bereich hat viele Hochschullehrende motiviert, Achtsamkeit in den Hochschulkontext zu transferieren und an der Zertifizierung zum „Achtsamen Hochschullehrenden“ teilzunehmen.

Frage: Was können die Hochschullehrenden aus dem Zertifizierungskurs mitnehmen?

Kudrup: Sie lernen, selbst Achtsamkeit zu praktizieren, diese als Haltung in ihre Lehre einfließen zu lassen und darüber hinaus kleine Achtsamkeitsübungen anzuleiten. Diese drei Hauptaspekte in der Entwicklung von Achtsamkeit im Bildungsbereich hat Kevin Hawkins in seinem Buch „Achtsame Lehrer – achtsame Schule“ als „being mindful”, „teaching mindfully” und “teaching mindfulness” konzeptualisiert.

Eine weitere konkrete Umsetzung von Achtsamkeit in der Lehre war die Einführung des achtsamen Dialogs in Seminaren oder Vorlesungen, zum Beispiel als Lernkontrolle. Dabei tauschen sich Studierende zum  Abschluss einer Lehrveranstaltung in Zweiergruppen darüber aus, was sie aus der heutigen Veranstaltung mitnehmen.

Die Struktur der Dialog-Übung ist, dass eine Person eine vereinbarte Zeit (etwa drei bis fünf Minuten) spricht. Die andere Person hört nur zu. Die zuhörende Person gibt keine Kommentare und fragt nicht nach, sondern hört nur möglichst wach und zugewandt zu. Dann werden die Rollen gewechselt.

Die positive Wirkung dieser Form von Kommunikation strahlte über die Übung selbst hinaus und zeigte sich in einer höheren Kommunikationsbereitschaft in den Lehrveranstaltungen sowie einer Verbesserung der Fähigkeit des Zuhörens und bewussten Sprechens. Es war also insgesamt mehr Verbindung und Kontakt zwischen den Studierenden und in der Seminargruppe entstanden.

Frage: Wie spiegelt sich diese Verbindung im aktuellen Hochschulalltag?

Kudrup: Es entstanden neue Ideen für die Umsetzung von Achtsamkeit, darunter die „achtsame Mittagspause“ (30 Minuten achtsame Körperarbeit, Bewegung) oder die Gestaltung der Sprechstunde mit Momenten des Innehaltens, die dadurch entspannter, konzentrierter und präsenter abliefen. Der Einsatz der Achtsamkeits-Dyaden in den Seminaren wurde zur kreativen Lösung für komplexe Aufgabenstellungen genutzt.

In Zeiten von Covid-19 und Lockdown wurde die Online-Lehre achtsam gestaltet und genutzt, um virtuell in Verbindung zu sein und der Isolation und Strukturlosigkeit entgegen zu wirken. All dies ist daraus entstanden, dass die Menschen darin unterstützt wurden, achtsam zu spüren: Was geschieht gerade in mir und wie kann ich hilfreich damit umgehen? Diese Dinge wahrnehmen und benennen zu können bereitet den Boden für Kreativität und Verbundenheit.

Hier kommen Sie auf die Seite des Netzwerks Achtsame Hochschulen.

 

Karin Kudrup ist Pädagogin und Achtsamkeitslehrerin mit über 20 Jahren Meditationserfahrung. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet sie in Kooperation mit Schule, Kita, Universität und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe zu den Themen Gender, Gewaltprävention, Persönlichkeitsstärkung, Konfliktmanagement, soziale Kompetenzen und meditativer Körperarbeit. Seit 2009 ist sie Dozentin in der MBSR-Weiterbildung in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland.

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  • Karin Kudrup: privat