Digitalisierung sollte dem Menschen dienen und nicht umgekehrt

Prof. Paula Beckmann plädiert für ein Erleben mit allen Sinnen, ein Miteinander mit Raum für Resonanz. Sie fragt: In welcher Zukunft wollen wir leben? Und welche Technologien helfen uns, in diese Zukunft zu gelangen?

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Das Gespräch erschien zuerst im Magazin evolve und wurde geführt von Nadja Rosmann.

Wie wirkt sich die zunehmende Digitalisierung auf die Entwicklung junger Menschen aus?

Paula Bleckmann: Die Generation, die noch ohne diese digitalen Medien aufgewachsen ist, die sogenannten „digitalen Immigranten“, hat es leichter, mit den neuen Medien umzugehen. Diese Menschen haben in ihrem „analogen“ Leben die Fähigkeiten erworben, die man als Basis braucht, um die Möglichkeiten der digitalen Medien auszuschöpfen und gleichzeitig die Risiken einschätzen zu können. Die Auswirkungen dieser digitalen Umgebung auf junge Menschen, die darin schon als Kleinkinder aufwachsen, kennen wir zum Teil aus Schlagzeilen wie „Ballerspiele machen aggressiv“.

Und in der Forschung gibt es Hinweise auf diese negativen Wirkungen wie Aggression, Empathieverlust, Übergewicht, Kurzsichtigkeit durch das Fokussieren auf einen Bildschirm, Schlafprobleme, also kürzerer und schlechterer Schlaf. Bei längeren Bildschirmzeiten in den frühen Lebensjahren sieht man auch schlechtere Schulleistungen und Konzentrationsstörungen.

Diese Wirkungen folgen aber keinem kausalen Wirkmodell, sondern es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Deshalb greifen die alarmierenden Schlagzeilen zu kurz. Nehmen wir das Beispiel Übergewicht. Hier spielt natürlich die Ernährung der Eltern eine Rolle oder die Veranlagung, aber auch die Bildschirmstunden und bestimmte Inhalte, wie Werbung für ungesundes Essen, sind bedeutsam. Wir sehen also ein komplexes Zusammenwirken verschiedener Aspekte, das aber nicht gleichzusetzen ist mit einer Wirkungslosigkeit dieser digitalen Einflüsse.

Bildschirme sind für kleine Kinder vor allem deshalb schädlich, weil der Bildschirm das Kind unterfordert, nicht überfordert.

Macht es vielleicht diese Komplexität auch so schwierig, die Folgen der digitalen Medien vor allem bei Heranwachsenden wirklich abzuschätzen?

Bleckmann: Der Forschungsstand ist umso eindeutiger, je kleiner die Kinder sind. Bei Jugendlichen ist es viel schwieriger einzuschätzen. Bei Kindern vor der Einschulung kann man sagen, Bildschirme sind vor allem deshalb schädlich, weil der Bildschirm das Kind unterfordert, nicht überfordert, wie manche Eltern denken. Der Bildschirm ist flach und spricht nur Auge und Ohr an und nicht die gesamten Sinne, die in einer direkten Begegnung mit der Welt und anderen Menschen angesprochen werden.

Es gibt noch einen ganzen Bereich von Wirkungen der digitalen Medien, der schwerer messbar ist, mir aber mehr Sorgen macht. Dazu gehört der Verlust von Muße oder Langeweile. Es gibt nichts, was so kreativitätsfördernd ist wie ein angenehmes Mußegefühl. Was gerade bei Kindern zudem verlorengeht, ist die Fähigkeit zum kreativen Rollenspiel, sich also eigene Geschichten auszudenken. Damit geht gesamtgesellschaftlich auch eine Verschiebung im Weltbild einher.

Es ist ja auch eine ganz andere Gestik, ob ich mit den Fingern über einen Bildschirm wische oder beispielsweise versuche, einen Baum hochzuklettern.

Bleckmann: Oft denken wir, dass die neuen Medien so gefährlich sind. Aber ich denke, das Problem ist eher, dass diese Medien so ungefährlich sind. Es gibt keine richtige Rückmeldung für Fehler. Die reale Welt kann so gestaltet werden, dass Kinder aus Schaden klug werden: hingefallen, aufgestanden, etwas gelernt. Auf dem Bildschirm haben Fehler kaum eine Konsequenz. Wenn man in einem Computerspiel scheitert oder „stirbt“, kann man schnell wieder „auferstehen“ und weitermachen. Es ist eine fehlertolerante, aber keine fehlerfreundliche Umgebung.

In den ersten drei bis sechs Lebensjahren sollten Kinder mit allen Sinnen in der Welt ankommen.

Gibt es Ihrer Erfahrung nach bestimmte Fähigkeiten, die Kinder analog entwickeln müssen, damit sie angemessen mit den digitalen Medien umgehen können?

Bleckmann: In den heutigen medienpädagogischen Modellen fängt man mit der Betrachtung häufig viel zu spät an, beispielsweise wenn das Kind bereits lesen kann. Meines Erachtens muss man bereits das frühere Lebensalter betrachten. Wir haben den „Turm der Medienmündigkeit“ entwickelt, in dem das unterste Stockwerk die sensomotorische Integration ist. Das heißt, zunächst einmal mit allen Sinnen in der Welt ankommen und eine direkte Begegnung mit der Welt und den Menschen erfahren.

Das betrifft die ersten drei Lebensjahre, erstreckt sich aber bis ins fünfte und sechste Lebensjahr. Einen gleichen Stellenwert hat die Kommunikationsfähigkeit, die Fähigkeit, mit anderen in Beziehung zu sein. Hierzu gehören die Entwicklung von Mimik, Gestik und Sprache, also das Sprechen und Zuhören. Das ist die Basis, die durch übermäßigen Medienkonsum in jungen Jahren eher gefährdet als gefördert wird.

In welcher Zukunft wollen wir leben? Und welche Technologien helfen uns, in diese Zukunft zu gelangen?

Wir scheinen hier soziokulturell an einem Wendepunkt zu stehen, wo das Digitale immer mehr in den analogen Alltag eindringt. Welche Herausforderungen sehen Sie in der Spannung zwischen diesen beiden Welten?

Bleckmann: Wir dürfen die Technikfolgenabschätzung nicht nur technologiezentriert vornehmen, sondern müssen uns fragen: In welcher Zukunft wollen wir leben? Und welche Technologien helfen uns, in diese Zukunft zu gelangen? Das wäre eine problemzentrierte Technikfolgenabschätzung. Wir müssen also die grundlegende Frage stellen, ob die zunehmende Digitalisierung des Alltags uns der Zukunft, in der wir leben wollen, näherbringt.

Aber es gibt milliardenschwere Technologiekonzerne, die verhindern wollen, dass wir solche Fragen stellen und diskutieren. Wir müssen die Technikfolgenabschätzung so in den Diskurs einbringen, dass wir in demokratischen Entscheidungsprozessen herausfinden können, in welcher Zukunft wir leben wollen. Erst dann können wir wirklich darüber sprechen, ob wir in bestimmten Lebensbereichen mehr oder weniger Digitalisierung brauchen. Die Digitalisierung sollte eigentlich dem Menschen dienen und nicht umgekehrt.

Zwischenmenschliche Resonanzerfahrungen sollten nicht durch Digitalisierung verdrängt werden.

Ein guter Freund von mir, Ivan Illich, hat vor 20 Jahren einen Begriff geprägt, der heute durch den Soziologen Hartmut Rosa eine Renaissance erfahren hat: Resonanz. Ivan Illitsch schrieb: „Freundschaft ist, wenn meine größte Freude darin besteht, zu sehen, wie du aufleuchtest, dadurch, dass ich da bin. Und du siehst, dass ich aufleuchte, dadurch, dass du da bist.“

Dieses Phänomen der unmittelbaren leiblichen Begegnung, wenn zwei Menschenwesen aufeinandertreffen, beschrieb er mit dem Wort Resonanz. Und in Bezug zur nächsten Generation würde ich mir wünschen, dass eine solche Resonanzerfahrung nicht durch zunehmende Digitalisierung verdrängt wird.

Wir als Erwachsene können unsere Vorerfahrungen aus unserem Erinnerungs- und Erfahrungsschatz hinzufügen. Wenn ich mit einem geliebten Menschen telefoniere, dann schöpfe ich auch aus Resonanzerfahrungen mit diesem Menschen, oder auch wenn wir jetzt über Videokonferenz sprechen, dann kann ich eine Verbundenheit spüren. Ich sage also nicht, das kann nicht digital stattfinden, aber es ist ohne diese realweltliche Basis von Resonanzerfahrungen nicht möglich.

In 20 Jahren werden nur noch die Kinder reicher Eltern Lehrer haben. Die anderen werden von Computern unterrichtet.

Gibt es für Sie eine Art Schreckgespenst, in das die digitale Sozialisation münden könnte? Und was wären Ihre optimistischsten Ideen für eine positive Wirkung des Digitalen auf unser Menschsein?

Bleckmann: Das Schreckgespenst ist für mich die Furcht vor einer massiven gesellschaftlichen Spaltung. Es könnte der neue Luxus werden, dass man es sich noch leisten kann, analog zu leben. Jemand hat es mal so auf den Punkt gebracht: „In 20 Jahren werden nur noch die Kinder reicher Eltern Lehrer haben. Die anderen werden von Computern unterrichtet.“

Das optimistischste Szenario ist eines, das ich auch schon erlebe, wenn ich hier in unserer Mensa die Studierenden beobachte. Wenn sie sich konzentriert besprechen wollen, dann legen sie ihre Smartphones auf einen Haufen in die Mitte. Und wer zuerst danach greift, muss eine Runde ausgeben. Sie haben also ein hohes Bewusstsein für das Schaffen einer guten Balance. In manchen Schulen werden die Lehrer*innen, die ganz modern sein wollen und viele digitale Elemente in den Unterricht bringen, von den Schüler*innen gebremst, die das eher als Ablenkung sehen.

Es bilden sich also neue soziale Formen, in denen wir fragen: Was sind jetzt meine Ziele und Bedürfnisse? Und welcher Weg ist hier am besten geeignet, der analoge, der digitale oder eine Verbindung von beidem? Bei solchen Jugendlichen fordert der Umgang mit diesen Maschinen, die so viel können, die Frage heraus: Was macht uns denn dann als Menschen aus? In Teilen ist dies eine hochgradig spirituelle Generation.

Paula BleckmannProf. Paula Bleckmann ist Professorin für Medienpädagogik an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft / Institut für Schulpädagogik und Lehrer*innenbildung, Fachbereich Bildungswissenschaft. Ihre Forschungsschwerpunkte sind
Medien-(Sucht)-Prävention, Digitale Bildungspolitik, Elternberatung. Sie ist Autorin der Bücher „Medienmündig“ und mit Co-Autor Ingo Leipner von „heute mal bildschirmfrei“.

 

evolve, das Magazin für Bewusstsein und Kultur, ist Stimme einer neuen Bewusstseinskultur, die sich in allen Bereichen unserer Gesellschaft zeigt. In Wissenschaft, Philosophie, Politik, Wirtschaft, Bildung, Kunst, Psychologie, Spiritualität hinterfragen Menschen die bisherigen Ansätze des Denkens und Handelns. Angesichts der Krisen unserer Zeit sind neue Perspektiven nötig und möglich: evolve spürt die innovativen Visionäre und Aktivistinnen auf und bietet ihnen ein Dialogforum.

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  • Kind mit Smartphone: Schanz & Partner / photocase.de
  • Paula Bleckmann: privat