„Für mich steht das Kind im Mittelpunkt von Schule“

Erfahrungsbericht von Yvonne Kunz, Lehrerin

Die Lehrerin Yvonne Kunz bringt Achtsamkeit in den Unterricht ein. Sie spricht im Interview über Stille-Übungen in der Klasse, die Potenziale von Kindern und wie es gelingt, Bedürfnisse und Stärken in den Mittelpunkt zu stellen.

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Frage: Sie wenden als Lehrerin Achtsamkeitsübungen in der Schule an. Wie arbeiten Sie konkret mit der Achtsamkeit im Unterricht?

Yvonne Kunz: Für mich sind die Phasen der Stille im Klassenraum sehr wichtig. Ich beginne meinen Unterricht immer mit einem Moment des Ankommens in Stille. Am Anfang ist das vielen Kindern sehr schwergefallen, aber mit etwas Übung haben wir dann eine Minute in Ruhe ankommen können.

Danach mache ich für jede Schüler:in eine individuelle Begrüßung. Ich nehme mir einige Sekunden Zeit, damit wir mit Blickkontakt und einer Bewegung, die sie sich ausgedacht haben, einander begrüßen. Dadurch erfahren sie die Wertschätzung ihrer Person gegenüber. Es entsteht eine Verbindung, eine Beziehung, sie erfahren Interesse an ihrer Person.

Auch im Unterricht gehe ich in Phasen der Stille, wenn es unruhig wird oder wenn sich Langeweile breit macht. Dann halte ich inne und frage die Kinder, wie sich Langeweile für sie anfühlt, wo sie es im Körper spüren. Woher kommt der Impuls, sich zu bewegen?

Oder ich führe sie in eine Imaginationsreise, um die eigenen Gefühle zu beobachten. Auch vor einer Klassenarbeit kann ein Moment der Stille eine Entspannung bringen, bevor ich dann die Aufgaben austeile.

Wenn die Kinder ein Gewahrsein dafür bekommen, welche Gefühle oder Körperempfindungen in ihnen präsent sind, können sie auch ihre Bedürfnisse spüren.

Und dann gibt es auch sehr schöne Übungen aus dem Schulfach Glück, wo es darum geht, die eigenen Visionen zu finden. Da ist z. B. eine Übung, in der man die Hafenmauern sprengt, die den eigenen Visionshorizont verdecken.

Das ist eine Reflexion über die Dinge, die die Jugendlichen einschränken, z. B. die Meinung der Mitschüler, der Eltern oder Kommentare in sozialen Netzwerken. Hier ist Raum, um zu schauen, welche Träume und Visionen da sind, wenn all diese Einschränkungen nicht da wären: Was würde ich dann tun?

Mit Achtsamkeit hat sich mein Blick auf Bildung gewandelt.

Frage: Sie haben das Schulfach Glück angesprochen. Wie sind Sie dazu gekommen, dieses Schulfach zu unterrichten?

Kunz: Seitdem ich Achtsamkeit in der Schule geübt und weitergegeben habe, hat sich mein Blick auf Bildung gewandelt. Die reine Wissensvermittlung war mir nicht mehr genug, ich wollte den Kindern mehr mitgeben. Mit einer einjährigen Ausbildung im Schulfach Glück habe ich dann solche Stunden im Rahmen einer AG angeboten und Elemente daraus in meinen sonstigen Unterricht einfließen lassen.

Frage: Wie wenden Sie Achtsamkeit in diesem Schulfach an?

Kunz: Im Schulfach Glück geht es um Fragen wie: Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Was brauche ich? Und um diese Fragen zu reflektieren, ist eine gewisse Achtsamkeit nötig.

Achtsamkeit ist eine Haltung, die Raum schafft, in dem die Schülerinnen und Schüler eine wertschätzende Präsenz und Bewusstheit erleben und in dem sie erfahren und herausfinden können, wer sie sind.

Frage: Welche Wirkung hat Achtsamkeit auf die Schülerinnen und Schüler?

Kunz: Zum einen werden sie ruhiger. Für viele ist die Stille schnell langweilig. Aber sie können darin auch lernen, unangenehme Gefühle auszuhalten. Und sie merken, dass sie nicht auf jede Provokation von anderen reagieren müssen. Es fördert also eine gewisse Impulskontrolle.

Sie können halten, was in ihnen ist, sie müssen nicht gleich darauf reagieren und sie können darüber sprechen, was in ihnen vorgeht. Gerade auch in der AG, wo ich intensiver mit Kindern arbeite, können sie reflektieren, was sie wollen und welches Bedürfnis dahintersteckt. Warum sie sich ich einer Situation auf eine bestimmte Weise verhalten.

Sie können sich selbst besser kennenlernen und ihre Empfindungen nach außen bringen. Und sie haben den Mut, ihre Befindlichkeit in der Gruppe zu äußern, was das Beziehungsklima verändert. Es entsteht ein stärkerer Zusammenhalt, weil über Ängste, Wünsche, Sehnsüchte geredet wird. Die Kinder merken, den anderen geht es genauso wie ihnen selbst.

Das stärkt die Beziehungen in der Klasse, weil die Akzeptanz untereinander steigt. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass der andere eben auch anders ist als ich und trotzdem zu unserer Klasse gehört.

Ich arbeite hier auch mit einem „Stärkenball“: Das sind kleine Zettel, auf dem jeder seine Stärken schreibt. Sie werden dann zusammengeknüllt zu einem großen Ball der gemeinsamen Stärken. Der Ball wird verschnürt und aufgehängt und es kommen immer wieder neue Stärken hinzu.

Ich möchte Kompetenzen jenseits der Wissensvermittlung mitgeben.

Frage: Sie erwähnten, dass die Arbeit mit Achtsamkeit im Unterricht Ihren Blick auf Bildung verändert hat. Was ergibt sich daraus für die Schule?

Kunz: Mein Blick ist viel ganzheitlicher geworden. Für mich steht das Kind, der Mensch mit seinen Bedürfnissen, mit seinen individuellen Stärken im Mittelpunkt. Es geht um das Potenzial des Einzelnen, das vielleicht gar nicht im Deutschunterricht liegt, obwohl ich das Fach unterrichte.

Kinder definieren sich sehr schnell durch Noten: Ich bin schlecht in Mathe oder Deutsch. Deshalb möchte ich auch Kompetenzen jenseits der Wissensvermittlung mitgeben, durch die sie herausfinden können, was für ihr Leben wichtig ist.

Wo liegt das schöpferische Selbst dieses jungen Menschen? Wofür schlägt das Herz dieses Kindes? Was möchte dieser Jugendliche im Leben erreichen? Wie geht sie mit Hindernissen um? Was passiert, wenn sein Selbst einmal brüchig wird, was hilft ihm dann?

In meinem Verständnis als Lehrerin möchte ich diese grundlegenden existenziellen Fragen stellen. Und dabei stoße ich natürlich auch an Grenzen, denn ich muss eben doch Noten geben.

Hier spüre ich dann dieses starre System Schule, das solche Schwierigkeiten mit Veränderung hat. Auch wenn ich mit anderen Lehrer:innen spreche, die Achtsamkeit im Unterricht anwenden, bemerke ich diese Enttäuschung über das enge System Schule.

Sie merken, dass uns Achtsamkeit als Lehrer:innen guttut im Sinne der Selbstfürsorge, und es tut auch den Kindern und dem Schulklima gut. Aber Achtsamkeit gilt im Kollegium schnell als Hokuspokus, esoterischer Quatsch oder etwas, das man nicht braucht.

Achtsamkeit unterstützt darin, das schöpferische Selbst wachzurufen.

Frage: Sie erwähnten die Unterstützung des schöpferischen Selbst der Kinder. Wie wirkt sich dieser Fokus auf die Kinder aus?

Kunz: Allein dadurch, dass sich die Kinder bewusst machen, was ihre tiefsten Wünsche und Träume sind, lernen sie, sich selbst zu verstehen. Aber auch durch die Reflexion, ob sie Dinge in ihrem Leben nur aus Lust machen oder auch den Wert dahinter sehen können.

Denn sie kennen die Erfahrung, etwas zu tun, was sich im Moment gut anfühlt, später aber schlecht. Und sei es einfach nur eine Riesen Tüte Chips, eine große Schokolade auf einmal zu essen, fünf Stunden Computer spielen oder eine Serie nach der anderen schauen. Das fühlt sich vielleicht in dem Moment super an, aber nachher merkt man, dass man sich matschig fühlt, nicht für die Schule gelernt hat, sich ungesund ernährt.

Hier kann ich erstmal die Frage stellen, ob und wie ich solch ein Verhalten verändern kann. Aber nicht so, dass man sich in Selbstvorwürfen verliert, sondern das eigene schöpferische Selbst wachruft. Und dabei ist Achtsamkeit eine große Unterstützung, um z. B. bewusst den Tagesablauf oder die Essgewohnheiten anzuschauen. Dadurch können sich die Kinder bewusster für bestimmte Verhaltensweisen entscheiden.

Frage: Ist die Arbeit mit Achtsamkeit in der Schule für Sie ein Schritt in eine Erweiterung unseres Verständnisses von Bildung?

Kunz: Ja, auf jeden Fall. Es ist die Haltung, dass dieser Mensch vor mir, in dieser gemeinsamen Zeit der wichtigste ist. Und es ist der Blick über die Bewertungen und Kategorisierungen hinaus auf das Potenzial des Menschen.

Ich habe gemerkt, dass die Kinder diese Umgangsformen wie ein Schwamm aufsaugen, weil es ihnen so gut tut. Kinder sind ein hervorragender Spiegel, sie merken ganz schnell, wie ihnen begegnet wird. Deshalb fällt es mir immer schwerer, es nur stückchenweise anwenden zu können und ich suche nach Wegen, diesen Inhalten mehr Raum zu geben.

Yvonne Kunz, studierte Erziehungswissenschaften, Germanistik und Sportwissenschaften für gymnasiales Lehramt an der J.W. Goethe Universität in Frankfurt a. M. Seit 2011 unterrichtet sie die Fächer Deutsch und Sport und leitet Arbeitsgemeinschaften rund um das Thema Achtsamkeit, Meditation, Yoga und Glück. Sie ist Achtsamkeitstrainerin, Meditationslehrerin und zertifizierte Entspannungspädagogin für Kinder und gibt spezielle Meditations- und Achtsamkeitskurse für Kinder und Eltern. www.kinder-im-jetzt.de

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  • Foto Illustration Yvonne Kunz: Bitteschön.tv