Jugendliche allein im Wald

Jugendliche in der Krise begleiten

Eltern und Pädagogen sollten in Zeiten der Corona-Krise einen besonderen Blick auf die Jugendlichen haben. Meist hilft es schon, ihnen mit Offenheit und Verständnis zu begegnen. Sarina Hassine hat ein paar Ideen zusammengestellt.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Jugendliche haben es in der Zeit mit den Ausgangsbeschrängungen besonders schwer. Sie sind in einer Phase der Abnabelung, und die Familie spielt eine eher untergeordnete Rolle. Ihre Freunde sind ihre Familie – und nun können sie sich nicht treffen und all ihren gewohnten Aktivitäten nachgehen. Das bringt Frust und Langeweile.

Vielleicht müssen sie sich auch mit schwierigem Schulstoff alleine herumschlagen oder gar auf das Abitur vorbereiten. Das kann stressen und Angst machen. Auf der anderen Seite locken Netflix und Co. zum Non-Stop-Streamen. Das Handy wird zum „Lebensretter“, hier treffen sie sich in ihren Whatsapp-Gruppen oder sind stundenlang auf Instagram.

Ein hilfreiches Gespräch zu diesem Thema fand ich im Podcast der Kindheitspädagogin Kathrin Hohmann von „Kindheit erleben“.

Wie wir als Erwachsene die Jugendliche begleiten können

Kontakt herstellen: Wir sollten uns bemühen, als Familie ein bis zweimal am Tag zusammenzukommen, sei es zum Essen, zum Sport oder zum Spiel. Hier können wir fragen, was sie bisher am Tag gemacht haben, was sie denken und wie sie sich fühlen. Wir können in Erfahrung bringen, ob sie vielleicht etwas Interessantes im Netz gefunden haben. Auch mögliche Schwierigkeiten mit dem Schulstoff können wir behutsam ansprechen und Hilfe anbieten. Und natürlich erzählen wir, wie es uns geht.

Freudemomente kreieren: Wir versuchen, einmal am Tag etwas zusammen zu machen, was allen Spaß macht – vielleicht die alten Brettspiele herauskramen oder diese online spielen, die Inliner anziehen und gemeinsam um den Block fahren, ein altes Fotoalbum anschauen und dabei gleich digitalisieren, mit Oma und Opa skypen, etwas bauen oder basteln.

Die 18-jährige Tochter einer Freundin hat angefangen zu nähen und im Garten einen Pizzaofen zu bauen. Sie sagte: „Mir ist gerade gar nicht langweilig. Vielleicht ist mir nur langweilig, wenn ich Aufgaben von anderen gestellt bekomme.“

Liebe und Verbundenheit zeigen: Auch wenn uns die Teens vielleicht öfter zurückweisen, kleine Gesten der Liebe und der Aufmerksamkeit werden sie dankbar annehmen (vielleicht ohne eine Dankeschön). Wir könnten das Lieblingsessen kochen, einen Lieblingsfilm heraussuchen, ein schönes Duschgel vom Einkaufen mitbringen oder ihnen eine kleine, liebe Nachricht unter der Tür hindurchschieben.

Wir sollten auf jeden Fall vermeiden, noch mehr Druck auszuüben, z.B. indem wir den Medienkonsum stärker einschränken, die Schule zu wichtig nehmen oder sie zu gemeinsamen Aktivitäten „zwingen“. Das kann die Situation schnell verschärfen – die Teens fühlen sich vielleicht ohnehin schon wie im Käfig bei Wasser und Brot.

Achtsames Reden über das Leben

Jugendliche haben ein großes Bedürfnis, sich selbst zu verstehen. Sie werden überwältigt von Informationen, Emotionen, Anforderungen und haben oft keine Tools oder Kanäle, um dem angemessen zu begegnen. Wie wäre es, diese Zeit der „Quarantäne“ dafür zu nutzen, ein paar wertvolle, verbindende und konstruktive Gespräche zu haben?

Als der große Sohn meines Mannes in der 11. Klasse ein halbes Jahr mit seiner Mutter eine Weltreise machte, sagte er mir nach seiner Rückkehr: „Das müssten alle Jugendlichen machen dürfen! Man ist so gefangen in den vorgegebenen Strukturen von Familie, Schule, Freundeskreis. Man kommt überhaupt nicht dazu, wirklich über sich selbst nachzudenken, herauszufinden, was man möchte und wann man das möchte. Ich möchte lernen, aber nicht mehr in dieser Schule. Die einen interessieren sich nur für ihre Noten, die anderen für Drogen.“

Mögliche Themen für ein Familiengespräch / Gespräch in der Schule:

Wichtig dabei: Alles ist erlaubt, nichts wird bewertet. Fragen behutsam stellen, Rückfragen stellen, wenn man etwas nicht verstanden hat. Aussagen in den eignen Worten wiederholen. Dinge kommentieren mit z.B. „Ah interessant!“ oder „Oh, ok so ist das also gerade bei dir.“

Hilfreich kann es am Anfang sein, als Ausgangspunkt eine Textpassage, ein Video, einen Film oder ein Bild aus der Zeitung, den Nachrichten, einem Kunstbuch etc. zu nehmen.

Wie geht es mir? Wie geht es dir?
Was brauche ich?
Was stört mich und warum?
Was langweilt mich? Wie ist mein Geist dann?
Was interessiert mich?
Wovor habe ich Angst? Kann ich das körperlich spüren?
Was macht mich wütend?

Oder philosophischer:

Was ist echtes Glück? Vergängliches Glück oder immerwährendes Glück?
Was ist richtig und was ist falsch? Und wer bestimmt das?
Was ist Wahrheit?
Gibt es eine Ewigkeit?
Warum glauben Menschen?
Warum lieben oder hassen Menschen?

Ihnen fallen sicher noch Fragen ein, über die Sie selbst gern einmal sprechen wollen.

Foto Sarina Hassine
Sarina Hassine

Sarina Hassine unterrichtet seit 2012 Achtsamkeit und Meditation. Da ihr Kinder und die Zukunft der Erde sehr am Herzen liegen, arbeitete sie von Anfang an mit Eltern und Pädagog:innen, u.a. seit 2017 im Rahmen von AiSchu. Sie liebt die Natur, das Meer und die Kunst, ist Mutter von zwei Kindern und arbeitet in der Online Redaktion des AVE-Instituts. Mehr Infos auf ihrer Seite www.mindfulnessberlin.de

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  • Jugendliche im Wald: Lisa Runnels / Pixabay