Erschöpfte Mutter

Mindful Mom – Sich selbst verzeihen

Eltern machen Fehler, denn niemand ist perfekt. Die Mutter und Achtsamkeitslehrerin Tina Schneeberger schreibt darüber, wie wichtig es ist, sich selbst zu verzeihen und nach einem Streit den Bruch mit dem Kind zu reparieren.

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„Mama, wieso schreist du manchmal so mit mir?“ fragte mich Leopold unlängst. Ich bin beeindruckt, dass er mir mit seinen sieben Lenzen bereits so klar begegnet und seine Fragen und Emotionen formuliert. Gleichzeitig schäme ich mich, dass meinem Kind diese Worte überhaupt über die Lippen kommen. Ich will doch keine hysterische Ziege sein, die ihr Kind anbrüllt. Wo ist meine Achtsamkeit, wenn ich sie brauche?!

Ich denke nach, wann mir das passiert und stelle fest, dass ich in diesen Situationen einfach überfordert bin. Dass ich etwas Bestimmtes von ihm will – zusammenräumen, endlich Zähneputzen gehen, das achtlos auf den Boden geworfene Kaugummipapier aufheben… und er das einfach nicht machen möchte, sich weigert und meine Bitten ignoriert.

Ich hadere dann mit meiner Unfähigkeit, zu ihm durchzudringen. Und dann gibt es diese Tage, da bin ich von der Arbeit noch gestresst, habe im Haushalt viel zu tun oder bin nicht gut drauf. Und plötzlich ist das Fass übervoll und ich explodiere einfach. Booooooom! Wie ein Pulverfass entlädt sich dann der Frust in einem Schreianfall.

Ich wage mal zu behaupten, dass alle Eltern das Gefühl der Überforderung und Ohnmacht im Umgang mit ihren Kindern kennen. Besonders herausfordernd kann es werden, wenn eines unserer lieben Kleinen vom „Wutwolf“ gelenkt wird. Wenn es raunzt und zetert, dass es sich nicht anziehen will, nicht in die Schule gehen mag – wenn das Leben im Allgemeinen und die Eltern im Speziellen „einfach nur unfair“ sind.

Ich bin nicht gut genug!

Und während ich so über die Situationen nachdenke, in denen ich mit ihm geschrien habe, höre ich diese innere Stimme, die mir sehr vertraut ist: Wie kann ich nur mein armes Kind so anbrüllen, nur weil es mir zu viel ist? Ich schimpfe mich Achtsamkeitslehrerin und krieg es selbst nicht auf die Reihe, meine Emotionen unter Kontrolle zu halten! Ich bin nicht gut genug, nicht achtsam genug, nicht liebevoll genug, nicht geduldig genug.

In Gedanken bemitleide ich Leopold, dass er mit einer unkontrollierten Furie als Mutter gestraft ist. Ich schäme mich. Ich, die superachtsame Buddha-Mom müsste doch über diesen Dingen stehen und mich niemals aus der Reserve locken lassen. Ich müsste doch verdammt nochmal früh genug diesen Schrei-Impuls spüren und mich stets zen-like für einen ruhigen Umgangston voll Mitgefühl und Anteilnahme entscheiden! So zumindest die Theorie.

Als ich meine Gedanken mit meinem Partner teile, nimmt er mich in den Arm und sagt „Nimm’s dir nicht übel. Es ist auch nicht leicht, immer cool zu bleiben. Du machst auch nur das, was dir möglich ist!“

Es tut so gut diese Worte zu hören. Und ich frage mich, warum es so schwierig ist, sich selbst dieses Wohlwollen entgegenzubringen? Niemand hat etwas davon, wenn wir uns selbstkritisch mental einen mit der Keule überziehen, weil wir wieder einmal unseren eigenen Erziehungsansprüchen nicht genügen konnten.

Es ist verdammt schwer und einfach auch nicht möglich, immer „richtig“ zu reagieren und in jeder noch so herausfordernden Situation gelassen zu bleiben. Wir Mamas und Papas sind auch nur Menschen, mit vielen Stärken und auch so manchen Schwächen.

Und sind es nicht auch genau diese Momente, die uns Eltern in gewisser Weise testen? Die schwierigen Phasen, die wir mit unserem Jesper Juul-Erziehungsstil zu meistern versuchen? Wir wollen doch ruhig bleiben, gerade wenn es schwierig wird. Wir wollen doch unseren Kindern Vorbild sein, weil es eben herausfordernd ist!

Mutter und Tochter
Sich selbst verzeihen und den Bruch mit dem Kind reparieren

Sich selbst Fehler verzeihen

Nein, es ist gar nicht schön, sein Kind anzubrüllen. Und ja, wir bemühen uns, es nicht zu tun und unsere Impulse rechtzeitig wahrzunehmen. Nur – wenn wir dann ausrasten, wäre es dann nicht auch schön, wenn wir uns selbst dafür verzeihen könnten? Es ist nicht immer ein Partner in der Nähe, der uns Zuspruch gibt und uns in den Arm nimmt. Der uns sagt, dass wir keine böse Mama oder kein böser Papa sind und dass wir gut genug sind, wie wir eben sind.

Sich selbst verzeihen zu können ist der erste Schritt dazu, innerlich bereit zu sein, eine bessere Emotionsregulation aufzubauen und an der eigenen Impulskontrolle zu arbeiten. Und es sind ja genau diese Situationen, die uns mit unseren Kindern wachsen lassen.

Wir können dann anstatt der verurteilenden Worte über uns selbst, verzeihende und ermutigende Worte wählen: Ich bin keine perfekte Mama und das darf auch so sein. Ja, es ist schwierig, meine Kinder auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden zu begleiten und es kann passieren, dass ich auch mal laut werde. Ich tue mein Bestes. Mein Kind wird auch durch diese Situation lernen können.

Den Bruch reparieren

Niemand ist perfekt, und wenn wir hier und da Fehler machen, dann ist es umso wichtiger, einen reflektierten Umgang damit zu finden. Und dazu gehört, sich bei dem Kind für den Ausraster zu entschuldigen. Auch darin können wir unseren Kindern Vorbild sei: wie man sich entschuldigt für etwas, und wie wir mit unserem eigenen „Wutwolf“ umgehen, wenn er mal aus seinem Zwinger kommt.

Ich sage also zu Leopold:

„Wir wohnen beide in diesem Haus und daher sollten wir uns auch in den Räumen, in denen wir uns gemeinsam aufhalten, dafür sorgen, dass wir uns beide wohlfühlen können. Wenn aber überall deine Spielsachen und dein Gewand herumliegen, fühle ich mich im Wohnzimmer nicht mehr wohl.

Ich wünsche mir, dass du mithilfst aufzuräumen. Wenn du meine Bitte nach mehrmaliger Aufforderung nicht erfüllst, passiert es manchmal, dass ich dich anschreie. Das tut mir echt leid, weil ich weiß, dass ich auch in dieser Situation ruhig bleiben sollte.

Das schaffe ich aber manchmal nicht, vor allem dann nicht, wenn ich gestresst bin. Ich fühl mich dann einfach hilflos. Kannst du das verstehen?“

Wenn wir das Gespräch mit unserem Kind suchen, um „den Riss in der Bindung zu reparieren“, wie es der Achtsamkeitslehrer Lienhard Valentin so schön sagt, kann etwas Kostbares entstehen, bei uns und unseren Kindern. Wir bauen wieder Verbindung mit ihnen auf, die so essentiell für ihre und unsere emotionale Entwicklung ist.

Ich weiß, es wird mit Garantie wieder eine Situation geben, in der ich meiner Überforderung mit Schreien Luft mache werde. Aber wenn es das nächste Mal dazu kommt, habe ich mir fest vorgenommen, mich wieder dafür zu entschuldigen und mir selbst meine Fehler zu verzeihen.

Tina Schneeberger

 

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Tina Schneeberger ist Mutter eines Schulkindes und arbeitet als Achtsamkeits-Trainerin und Systemischer Coach. Sie hat langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Gruppen als Organisationsentwicklerin und im Systemischen Coaching als Personalentwicklerin in internationalen Unternehmen. Mehr auf ihrer Website.

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  • Sich selbst verzeihen: altanaka / photocase.de
  • Mutter und Tochter: Antonio Recena / photocase.de
  • Tina Schneeberger: privat