Mutter kocht

Mindful(l) Working Mum

Tina Schneeberger ist alleinerziehend. Den Alltag mit ihrem Siebenjährigen versucht sie ganz „mindful“ zu meistern. Hier beschreibt sie, wie sie es schafft, aus dem klassischen Erledigungs-Modus auszusteigen und ganz ins Hier und Jetzt zu kommen.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Der heutige Tag hat gut begonnen. Wir sind rechtzeitig aus den Federn gekommen, haben es ohne viel Streiterei geschafft, die Zähne zu putzen und uns rechtzeitig für die Schule und die Arbeit fertigzumachen. Wir, das sind mein Sohn Leopold, sieben Jahre, und ich, seine alleinerziehende „Working Mom“.

Nach einem im Gehen verschlungenen Kaffee meinerseits und einer Banane auf Seiten meines Sohnes brausen wir in die Schule. Ich lade mein Kind ab, bekomme sogar einen Abschiedskuss auf den Mund – und das, vor der Schule! – und düse weiter zur Arbeit.

Ich übe Achtsamkeit. Ich unterrichte es sogar. Jetzt gerade bin ich in Gedanken aber überhaupt nicht im Hier und Jetzt. Ich bin abwechselnd schon bei meinem ersten Meeting, auf das ich mich noch vorbereiten muss, beziehungsweise bei meiner Einkaufsliste fürs Mittagessen. Ich versuche mich an dieses eine Rezept zu erinnern, und überlege, ob ich noch genug Knoblauch und Kokosmilch zu Hause habe, während die Autos hinter mir plötzlich hupen. Oh, grüne Ampel!

Auch in der Arbeit flutscht es heute nur so, ich beantworte Emails, sortiere Kaffee schlürfend meine Inbox aus. Die Zeit verfliegt, schon bin ich wieder auf dem Weg, mein Kind von der Schule abzuholen. Vorher noch schnell einkaufen. Die Einkaufsliste hatte ich mittlerweile schon im Kopf fertiggeschrieben. Bääm, ich bin im Erledigenmodus!

Zuhause angekommen, will ich, dass Leopold sich sofort an die Hausübung setzt, „dann ist es erledigt“, während ich das Essen koche. Ich fange an mit ihm herumzudiskutieren. Er ist gereizt von der Schule, ich bin geschlaucht von der Arbeit. Er will mit mir Lego spielen. Er wird quengelig, ich werde grantig. Die Stimmung droht zu eskalieren.

Doch auf einmal erinnere ich mich wieder – da war ja was mit Achtsamkeit?

Eine der Qualitäten ist das „Loslassen“. Eine weitere Qualität das „Nicht-Erzwingenwollen“. Die Dinge und Menschen einfach sein zu lassen. Ich halte inne und frage mich, warum ich ihn unbedingt in mein Zeitkorsett pressen muss? Was, wenn ich ihn einfach mal spielen und die Hausübung warten lasse? Mein Sohn hat noch nicht den anerzogenen Drang, irgendwelche To-Do-Listen abzuhaken, Dinge schnell erledigen zu müssen. Ist das nicht etwas Schönes?

Und: In meinem getriebenen, durchgetakteten Erledigenmodus hätte ich fast vergessen, dass die Beziehung zu meinem Kind mir viel wichtiger ist, als die erledigte Hausübung. Und jetzt fällt mir auch wieder eines meiner schlauen Achtsamkeitsbücher ein. Es ging darum, immer wieder bewusst Verbindung zum Kind herzustellen – eine Qualität, die unsere Kinder für eine gute Entwicklung brauchen. Es genügen dazu schon ein paar Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit, um diese Herz-zu-Herz Verbindung aufzubauen. Damit helfen wir unserem Kind in Stressituationen, sein Nervensystem zu regulieren und „runterzufahren“.

Dass ich mir damit auch selber helfen kann, aus meinem Erledigenmodus auszusteigen, ist mir in diesem Moment noch nicht bewusst.

Ich lasse mich also ein auf dieses Experiment. Mein hungriger Magen muss sich in Geduld üben – auch das, wie ich weiß, eine Qualität der Achtsamkeit. Aber wir werden schon nicht verhungern. Ich lasse mich also ein auf Lego Harry Potter, der mit einem 3-köpfigen Hund kämpft. Ich versuche, einfach da zu sein. Vom Mama-Erledigen-Modus hin zum Mama-Sein-Modus.

10 Minuten vollste Lego-Konzentration klingt nach nicht viel – und doch hat es unglaublich viel in der Stimmung zwischen uns verändert. Als ich unser Spiel beende und mich ans Kochen mache, lasse ich meinen Sohn beim Lego sitzen. Die Aufgabe erwähne ich nicht, er wird sie schon machen, wenn er bereit dazu ist.

Ich lasse meine Erwartungen und mein Zeitkorsett los und vertiefe mich in das Schälen der Karotten. Ich bin im Hier und Jetzt.

Tina Schneeberger

Tina Schneeberger ist Mutter eines Schulkindes und arbeitet als Achtsamkeits-Trainerin und Systemischer Coach. Sie hat langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Gruppen als Organisationsentwicklerin und im Systemischen Coaching als Personalentwicklerin in internationalen Unternehmen. Mehr auf ihrer Website.

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  • Mindful Mom: criene / photocase.de
  • Tina Schneeberger: privat