Foto Illustration Daria Fischer

Mit Leistungsdruck achtsam umgehen

Erfahrungsbericht von Daria Fischer, Pädagogin

Daria Fischer ist Lehrerin an einer Grundschule. Sie hat hohe Ansprüche an sich und ihre Arbeit. Hier beschreibt sie, wie sie dem Leistungsdruck achtsam begegnet und ihr Selbstbild positiv verändert.

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Mit meiner täglichen Meditationspraxis habe ich im Referendariat angefangen. Yoga und u.a. die Bücher von Jon Kabat Zinn hatten mich schon langsam auf den Weg gebracht. Während ich davor gelegentlich zur Entspannung meditierte, erkannte ich erst in dieser sehr belastenden Phase der Lehrerinnenausbildung das tiefergehende Potential der Achtsamkeitspraxis für mich.

Durch meine (auch schulische) Erziehung, habe ich einen hohen Anspruch an mich selbst. Dieser wurde, konfrontiert mit den hohen Leistungserwartungen im Referendariat, nochmals verstärkt. Das tägliche Meditieren half mir, dieses zu erfüllende Selbstbild und die damit verbundenen Ansprüche ein Stück weit loszulassen.

In achtsamen Momenten gelang es mir, auch in dieser sehr stressigen Zeit einen Zugang zu mir selbst zu finden.

So konnte ich Raum schaffen, um mich selbst zu reflektieren. In diesen achtsamen Momenten gelang es mir, auch in dieser sehr stressigen Zeit einen Zugang zu mir selbst zu finden. Das erlaubte mir, die Anforderungen zu bewältigen, ohne mich dabei selbst zu übergehen.

Gleichzeitig half mir die Meditation aber auch, mich zu sammeln, zu konzentrieren und am Ende auch die erwartete Leistung zu erbringen. Ich merkte, wie das Thema „Selbstoptimierung“ auch in meiner Achtsamkeitspraxis eine Rolle spielte. Ich meditierte auch, um als Lehrerin besser zu werden. Das Schöne an meiner Achtsamkeitspraxis ist, dass sie mir hilft, auch solche versteckten Motive aufzudecken. Denn wirklich loslassen kann man nur, wenn man sich nicht gleichzeitig anstrengt, ein bestimmtes Selbstbild zu erfüllen.

Mit der Zeit machte ich so die Erfahrung, dass die Achtsamkeit an sich einen Stellenwert für mich hatte, unabhängig von meinen Zielsetzungen. Ich entdeckte in der Meditation und mit der achtsamen Haltung ein Gefühl von „bei mir selbst sein“ und zugleich Verbundenheit.

Im ersten Lockdown im März 2020 geriet ich erneut unter Druck. Ich hatte das Gefühl, als Lehrerin etwas leisten zu müssen, was ich unter den Bedingungen nicht leisten kann. Möglichst individuelle Lernbegleitung trotz Distanzunterricht, die Beziehung zu den Kindern aufrechterhalten, unterstützende Gespräche mit den Eltern. Ich wollte all das geben und habe mich mit diesen Ansprüchen selbst gestresst, noch bevor die Eltern überhaupt etwas von mir forderten.

Ich hatte das Gefühl, als Lehrerin etwas leisten zu müssen, was ich unter den Bedingungen nicht leisten kann.

Die Meditation, die Reflexion und eine liebevolle Haltung mir selbst gegenüber haben mir geholfen, etwas zu erkennen: Ich empfand diese Situation als so aufreibend und kräftezehrend, weil ich das Gefühl hatte, als Lehrerin mehr geben zu müssen. Ich verstand, dass ich erst diese Selbstansprüche loslassen musste, um das geben zu können, was ich tatsächlich und mit Leichtigkeit geben kann. Ohne diesen inneren Zwang konnte ich auch das Geben selbst wieder als erfüllend empfinden.

Für solche Erkenntnisse brauche ich diese Momente, in denen ich mich bewusst mir selbst zuwende. Ich nehme mir Zeit, den Schultag zu reflektieren und zu schauen, was in mir vorgeht. Ich achte auf meine Gedanken, da ich weiß, wie sehr sie mein Fühlen bestimmen.

Denn in den achtsamen Momenten habe ich erkannt, wie sehr mein Selbstgefühl damit zusammenhängt, wie ich als Lehrerin denke und handle. Ich erlebe immer wieder, dass ich das, was ich in der Schule als so anstrengend und stressig empfinde, nicht von mir weisen muss. Ich muss nicht dagegen ankämpfen, davor fliehen oder es einfach „ertragen“. Ich kann daraus auch wieder Kraft ziehen.

Aus diesen Momenten der Verbundenheit schöpfe ich viel Kraft.

Die Arbeit mit Kindern ist wunderschön, verlangt mir aber auch einiges ab. Wenn Kinder laut sind, einander ärgern oder die Planung nicht aufgeht, dann bin ich manchmal gestresst, weil ich denke, dass es anders sein sollte. Ich kann aber auch eine Haltung der Akzeptanz entwickeln. So kann ich den gegenwärtigen Moment annehmen, d.h. mich ihm nicht innerlich widersetzen, sondern in ihn hineinspüren.

Wenn mir das gelingt, dann fühle ich mich wieder mehr verbunden mit dem, was gerade bei den Kindern los ist und ahne, welche Bedürfnisse hinter ihren Handlungen und Äußerungen stehen könnten. Ein solcher Kontakt ist aber nur möglich, wenn ich auch spüre, was in mir vorgeht, mit welchen Urteilen ich der Situation begegne.

In dem Moment, in dem ich meine Urteile erkenne, kann ich sie auch loslassen und so meinen inneren Widerstand auflösen. Es ist dieser wechselseitige Prozess, der es mir erlaubt, auch auf Schwierigkeiten auf ungeahnte Weise einzugehen. Das hat mir im Schulalltag schon viele erfüllende Momente geschenkt.

Aus diesen Momenten der Verbundenheit schöpfe ich viel Kraft. Natürlich bin ich weit davon entfernt, immer präsent zu sein und das parat zu haben. Aber zu wissen, dass es die Möglichkeit gibt, ist mir Grund genug, diesen Weg einer achtsamen Haltung fortzusetzen.

Heute wie damals im Referendariat stehe ich um 5.30 Uhr auf, um Yoga und Meditation zu praktizieren – das ist mir ein tiefes inneres Bedürfnis und stärkt mich für den Tag. Die Momente in der Schule, wo ich in gutem Kontakt mit mir selbst bin und mich dadurch mit den Kindern verbunden fühle, das ist es! Dafür praktiziere ich heute.

aufgeschrieben von Sarina Hassine

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  • Daria Fischer: Bitteschön.tv