Schulentwicklung mit Planspielen

Thomas Ahnfeld ist einer der Entwickler des „Planspiel Gute Schule“, das sich an den sechs Qualitätsbereichen des Deutschen Schulpreises orientiert. Warum Schulentwicklung in Zeiten des Wandels dazugehört und wie sie gut funktioniert.

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Schulleitungen und Lehrkräfte sind stark gefordert, oft überfordert. Wie soll Schulentwicklung da noch reinpassen? „Schulentwicklung ist kein Zusatz“, sagt Thomas Ahnfeld, Planspielentwickler und pädagogischer Referent bei der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland. „Schulen sind wie alle Institutionen gestaltende Akteure eines permanenten Wandels. Es geht um die Menschen, die Partizipation von Schüler*innen, die Gesundheit von Lehrkräften. Wie man am Thema KI sieht, ist der Wandel nicht die Ausnahme, sondern der Status Quo.“

Planspiel Gute Schule

Dabei gibt es viele Möglichkeiten, Schulentwicklung zu starten, intern oder mit Moderation von außen, mit oder ohne Planspiel. Ahnfeld: „Das `Planspiel Gute Schule` setzt bei Schulen an, die noch vergleichsweise wenig Erfahrung mit Schulentwicklung haben. Für Schulen, die dagegen schon genau wissen, was sie wollen und bereits regelmäßig in Teams Entwicklungsprozesse voranbringen, eignet sich ein anderes Tool vielleicht besser. Gespielt wird in Kleingruppen von vier bis sechs Personen, das können je nach Größe der Schule zwei bis zehn oder mehr Gruppen sein.

Dabei beinhaltet das analoge Spiel 72 Innovationskarten, die in die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse einführen und 18 Fokuskarten, die den Blick für grundlegende Gestaltungsperspektiven öffnen. 14 Rollenkarten regen dazu an, die Perspektive zu wechseln (Schüler*in, Schulleiter*in, Eltern). Auf diese Weise kann Empathie entstehen.

12 Ereigniskarten runden das Spiel ab. Sie beziehen sich auf reale Vorkommnisse und behördliche Interventionen, also unerwartete Herausforderungen, die kooperativ bewältigt werden müssen. Um das Spiel lebensnah zu machen, wird zusätzlich mit Geld- und Zeitressourcen gespielt.

Mithilfe von QR-Codes kann man sich Beispiele von Schulen zeigen lassen, an denen bestimmte Bausteine bereits umgesetzt wurden. An diesen Preisträger-Schulen kann man auch hospitieren, wenn man sich ein umfassenderes Bild machen möchte.

Dem Wandel begegnen

Die digitale Variante bietet den Vorteil, dass von verschiedenen Standorten aus miteinander gespielt werden kann, zum Beispiel aus dem Homeoffice oder aus verschiedenen Schulen, wenn man sich mit anderen Schulen gemeinsam auf den Weg machen möchte. Der Planspielentwickler schätzt, dass bisher 300 bis 400 Schulen ihre Schulentwicklung mit dem Spiel (analog oder digital) vorangebracht haben. Auch Universitäten und Bildungsinstitute nutzen das Planspiel gerne zur Vermittlung von schulinternen Prozessen. Passend zum Spiel gibt es Online-Fortbildungen und die Möglichkeit, einen externen Moderator oder Referent einzuladen.

Die Inhalte des 2019 entwickelten Spiels sind zeitlos und setzen auf einer systemischen Ebene an. Es gibt Fragen, die in jeder Schule aufkommen. Aktuelle Entwicklungen wie Digitalisierung, KI, Umgang mit Krieg, Pandemie, Rechtsruck, Armut und Überforderung werden allergings nicht abgebildet.

Aus Rückmeldungen von Nutzer*innen weiß Ahnfeld, dass einige Teams das Spiel zu kompliziert und zu textlastig fanden, während es anderen zu einfach war oder eher als Tool für die Zukunft angesehen wurde, weil der Alltag aus ganz anderen Dingen besteht. Ob das Planspiel zum eigenen Prozess passt, ist also individuell.

Auch die Spieldauer ist unterschiedlich. Sehr wenige nutzen eine ganze Woche, die meisten einen oder einen halben Tag. Man kann sich aber auch einzelne Karten als Impulse aussuchen oder mehrere Karten zu einem Oberthema und damit arbeiten. Dabei kann man trotzdem verschiedene Rollen einnehmen, ohne die gesamte Spielmechanik zu durchlaufen.

Dem Pädagogen ist wichtig, dass gerade Schulen mit Zeitmangel von dem Spiel profitieren können: „Ressourcen werden freigesetzt und es entstehen viele Lösungsangebote für den Schulalltag, wie etwa mehr Zeit für kollegiale Zusammenarbeit. Wichtig: Der eigentliche Prozess beginnt erst nach dem Spiel, denn dann müssen die entwickelten Prozesse moderiert, reflektiert und implementiert werden.“

Auch das Planspiel ist im Wandel

Auf die Frage, was er bzw. die Entwicklungsgruppe jetzt anders machen würden, sieht Ahnfeld ein klares Learning: „Ursprünglich haben wir das Planspiel kompetitiv angelegt, so dass Teams gegeneinander spielen, um zu gewinnen, dabei ist in Schulen das Miteinander im Kollegium wichtig.“ In der Entwicklung weiterer Planspiele berücksichtigt er das.

Für die Entwicklung weiterer Planspiele hat er auch im Blick, dass Lernen völlig neu definiert werden muss. „Statt fertig vorgegebenem Unterricht müssen wir Kinder und Jugendliche empowern, auf ihre individuellen Lernbedürfnisse eingehen und ihre Talente fördern.“ Dabei muss nicht jeder bei Null anfangen. Man kann auf Schulen zurückgreifen, an denen die Entwicklung schon weiter fortgeschritten ist, wie an den Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises.

Außerdem geht es Ahnfeld um eine bessere Fehlerkultur, guten Ganztag, die Sustainable Development Goals, Frieden und Demokratie. Er fragt sich: Was brauchen Schulen? Was sollte sie bewegen? Es ist auch wichtig dem schnellen Wandel mit achtsamer Ruhe und Gelassenheit zu begegnen. Das klingt zunächst wie ein Widerspruch, aber zu viel Tempo bringt Erschöpfung, während eine Zeit der Besinnung neue kreative Lösungen bringen kann. Fest steht: Weitermachen wie bisher geht nicht.

Auch die digitalen Möglichkeiten sollen weiter ausgebaut werden. Es ist zum Beispiel machbar mit mehreren Schulen im In- und Ausland in den Austausch zu gehen bzw. zu spielen, auch zu verschiedenen Zeiten und in anderen Zeitzonen für eine asynchrone Zusammenarbeit.

Ahnfeld ist aber auch wichtig, den Ist-Zustand von Schulen im Blick zu haben. Ansätze wie das Planspiel nützen nur etwas, wenn sie anknüpfungsfähig und niedrigschwellig sind, weil sich sonst niemand damit befasst. „Ich habe großes Verständnis, wenn sie sagen, `ich habe keine Zeit für Schulentwicklung`, dabei müssten sie eigentlich nur dafür Zeit haben“, sagt er.

„Ich habe sehr großen Respekt für alle, die sich im Schulsystem engagieren. Gleichzeitig braucht es noch mehr. Und weil es so viel verlangt, braucht es mehr Gemeinsames, Wertschätzendes – auch von der Politik und von denen, die die Rahmenbedingungen machen, aber auch von der Zivilgesellschaft, weil der Bildungsauftrag nicht alleine von Schule erfüllt werden kann.

Marika Muster

Planspiel Gute Schule. Friedrichverlag, 2019

 

Weitere Informationen

Die Qualitätsbereiche des Deutschen Schulpreises, die als Grundlage für das Planspiel Gute Schule dienten finden Sie hier.

Fortbildung / Weiterbildung zum Planspiel Gute Schule: Wenn Sie sich über das Fortbildungsangebot zum Planspiel informieren möchten, klicken Sie hier. Darüber hinaus erhalten Sie auf der Webseite zum Planspiel detailliertere Informationen zu kooperativen und kompetitiven Spielvarianten, zum Einsatz des Materials und vieles mehr.

Über das Autoren-Team

Thomas Ahnfeld ist Lehrkraft für Spanisch und Sport. Während seines Studiums an der Universität Leipzig konzentrierte er sich auf die Bereiche inklusive Bewertung, flipped classroom und Reformpädagogik. Aktuell ist er als pädagogischer Referent bei der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland tätig. Darüber hinaus arbeitet er an neuen Veröffentlichungen von Lernspielen und Fachtexten.

Alexandra Bär unterrichtet Englisch, Sport und Spanisch an einem Berliner Gymnasium. Während ihres Studiums an der Universität Leipzig absolvierte sie außerdem eine Zusatzausbildung zur Integrativen Lerntherapeutin, mit den Schwerpunkten Teilleistungsstörungen und reformpädagogische Ansätze. Sie hat mehrere Sammelbände der Buchreihe „studium universale Universität Leipzig“ mitherausgegeben, u.a. auch den Band „Schule – wohin?“.

Michael Schratz ist emeritierter Professor am Institut für Lehrer*innenbildung und Schulforschung sowie Gründungsdekan der School of Education an der Universität Innsbruck in Österreich. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Bildung, Gesellschaft und Lernen, Schulentwicklung und Leadership. Er ist Mitglied zahlreicher internationaler Kommissionen, unter anderem auch Sprecher der Jury des Deutschen Schulpreises, sowie Mitbegründer und -herausgeber von pädagogischen Zeitschriften.

Marika Muster ist Journalistin und hat mehrere Jahre als Lehrerin und Lernbegleiterin an verschiedenen Schulen in Schleswig-Holstein gearbeitet. Sie hat viel Erfahrung in der Erwachsenenbildung (z.B. Schulfach Glück) und in der Seminarleitung mit Jugendlichen (Klimagipfel des BUND). Sie hat "Schulfach Achtsamkeit" gegründet und bietet selbständig Lehrerfortbildungen und Onlinekurse an. Beim AVE Institut ist sie in den Bereichen Online-Redaktion und Öffentlichkeitsarbeit tätig.

Bildquellen dieser Seite anzeigen

  • Planspiel Schulentwicklung: Friedrichverlag
  • Planspiel Gute Schule Bild: Friedrichverlag
  • Marika Muster: privat