Stress

Selbsterforschung: Wie erlebe ich Stress?

Anhand von drei Reflexionen lernen Studierende in einem Seminar an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg ihr eigenes Stresserleben besser kennen und bekommen Impulse für einen neuen Blick auf ein menschliches Phänomen.

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Hand aufs Herz, wie oft haben Sie sich schon intensiv mit Ihrem persönlichen Stress beschäftigt? Diese Frage stelle ich gern zu Beginn meines Achtsamkeitsseminars. Dabei arbeite ich mit den drei Ebenen des Stressgeschehens nach Prof. Dr. Gert Kaluza, (Psychologischer Psychotherapeut).

Er hat folgende Fragen zur Selbsterforschung entwickelt: Wann geraten Sie in Stress? Was sind Ihre persönlichen Stressoren? Wie setzen Sie sich selbst unter Druck? Was sind Ihre persönlichen Stressverstärker? Und was tun Sie, wenn Sie im Stress sind, also Ihre Stressreaktion betrachten?

Ich gerate in Stress, wenn …

In Anlehnung daran frage ich die Studierenden, wann sie in Stress geraten. Die Antworten sind vielfältig: Viele stresst es, wenn sie viele verschiedene Aufgaben auf einmal zu erledigen haben. Oder wenn sie viele Termine und wenig Zeit für sich selbst haben, wenn sie viel zu tun haben oder wenn sie eine Situation überrumpelt.

Sie geraten in Stress, wenn sie wenig Zeit zur Verfügung haben und viel Zeitdruck da ist. Oder wenn sie alles vor sich herschieben und ihnen die Zeit für Vorbereitungen fehlt und sie dann improvisieren müssen. Und manchmal auch einfach, wenn es nicht nach ihren Wünschen geht.

Ich setze mich selbst unter Druck, indem …

Nach der ersten Frage merke ich den Studierenden meist schnell an, dass sie schon ganz schön ins Nachdenken kommen. Dann setze ich nach und möchte wissen, wann sie sich selbst unter Stress setzen. Das geschieht, weil sie sich zu viele Gedanken machen oder zu Aufgaben „Ja“ sagen, zu denen sie sich aber noch nicht bereit fühlen.

Ganz schnell geht es dann tiefer: Sie setzen sich selbst unter Druck, indem sie sich innerlich fertig machen und sich noch mehr Gedanken machen, die nicht zu stoppen sind. Sie wollen es jedem Recht machen und verlangen dabei zu viel von sich selbst. Dann soll auch noch alles perfekt sein, und manchmal nehmen sie sich einfach zuviel vor. Auch erscheinen ihnen Aufgaben manchmal komplizierter als sie sind.

Wenn ich im Stress bin…

Die innere Erkundung geht weiter. Es ist ein wenig stiller unter den Studierenden geworden. Die letzte Frage für den Einstieg lautet: Was tun sie, wenn sie im Stress sind?

Die Studierenden berichten, dass sie dann ungenau werden, genervt sind, sogar unfreundlich zu anderen, obwohl sie es anders meinen. Sie sind empfindlich und gereizt, manchmal sogar durcheinander oder hektisch.

Manche ziehen sich ganz zurück, merken, dass ihnen der Stress auf den Magen schlägt oder „drehen am Rad“. Das Runterkommen am Abend fällt oft schwer. Dem ein oder anderen fällt aber auch auf, dass er produktiver wird und so manches schaffen kann, was auf den ersten Blick unmöglich aussah.

Stress scheint also auch was Positives zu haben – er kann uns produktiver machen. Und genau da will ich mit den Studierenden hin! Stress kann ein guter Energielieferant sein, darf aber nicht zu einem Energieräuber werden.

Und dann sind da noch diese anderen Antworten: Wenn sie im Stress sind, versuchen sie einen Ausgleich zu schaffen oder auch die Situation zu verlassen, wenn es möglich ist. Reiten, Sport und Musik werden als dieser Ausgleich benannt, aber das ist natürlich individuell. Leider ist Selbstfürsorge als Antwort relativ selten.

Wie wirkt die Achtsamkeitspraxis?

Achtsamkeit bedeutet, die Situationen und Dinge wahrzunehmen wie sie sind und ihnen möglichst freundlich und offen zu begegenen. Es bedeutet, sich selbst besser kennenzulernen, die eigenen Gedanken, Emotionen und Verhaltensweisen. Und es bedeutet sich gut um sich selbst zu kümmern.

Die Studierenden der sozialen Arbeit nehmen während des mehrwöchigen Prozesses ihre Stressreaktionen immer besser wahr. Sie lernen ihre persönlichen Stressverschärfer kennen und erleben so manches Aha-Erlebnis. Durch die Achtsamkeit können sie bewusst innehalten und pausieren. Es entsteht eine Lücke zwischen Reiz und Reaktion, die ihnen Handlungsspielraum verschafft. So kann mit der Zeit ein heilsamer und gesünderer Umgang mit dem Stress entstehen.

Nach dem Kurs nehmen sich die Studierenden meistens vor, bewusst Entspannung und Achtsamkeit in den eigenen und beruflichen Alltag zu integrieren. Ihre Ziele sind häufig, dass sie am Abend besser loslassen und leichter Einschlafen wollen oder einen gelasseneren Umgang mit ihren Klienten, meist Kindern, lernen wollen. Hier werden sie auch zum Vorbild einer neuen Generation – für mehr Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Empathie.

Jeanette Kettler

Jeanette Kettler ist Sozialpädagogin, Entspannungspädagogin, Achtsamkeitstrainerin und Coach für Stressmanagement. Neben ihrer Tätigkeit an einer hessischen Grundschule gibt sie regelmäßig Seminare für Studierende der Sozialen Arbeit. Im Wahlpflichtbereich lehrt sie „Entspannung für Mitarbeiter und Klienten“ an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg/ Heidenheim. In ihrem Seminar ist es ihr besonders wichtig, den Studierenden Impulse zu ihrer eigenen Stressreflektion zu geben und sie dadurch darauf vorzubereiten Entspannungsangebote authentisch an Kinder und Jugendliche weiterzugeben.

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  • Hektischer Arbeitsalltag: PixelClown / photocase.de
  • Jeanette Kettler: privat