Ilustration Daniel Kaufhold

Werkzeuge für mehr Wohlbefinden

Erfahrungsbericht von Daniel Kaufhold, Pädagoge, Philosoph, Mathematiker

Daniel Kaufhold unterrichtet Deutsch und Achtsamkeit an einer Berliner Schule. Hier beschreibt er, wie die Achtsamkeit ihm auf seinem Lebensweg half, weniger selbstkritisch zu sein und dafür mehr Wohlwollen zu entwickeln, auch im Schulalltag.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Ich wollte nie Lehrer werden. Erst die Achtsamkeit öffnete mir diese Tür. Ich hatte erfolgreich Philosophie und Mathematik studiert, die buddhistische Philosophie, die Achtsamkeit und ihren ganzen wissenschaftlichen Hintergrund kennengelernt. Das Thema faszinierte mich. Nach dem Studium reiste ich nach Asien, wo ich den Wurzeln der fernöstlichen Meditation und Lebensweise begegnete.

Insgesamt lebte und arbeitete ich sieben Jahre in China, Thailand, Indien und Vietnam. Im Norden Thailands gefiel es mir besonders gut. Achtsamkeit, Gelassenheit, Mitgefühl waren im alltäglichen Miteinander der Menschen deutlich spürbar. Gefühlt an jeder Ecke gab es einen Tempel, überall Meditations-Zentren, die ich in meiner Freizeit immer wieder aufsuchte. Teilweise verbrachte ich hier mehrere Wochen, meditierte, hörte Vorträge, traf andere Menschen und lernte.

Diese überkritische, harte Art mit sich selbst umzugehen, das ist Teil eines eher westlichen Konzeptes.

Eines meiner Schlüsselerlebnisse war die Begenung mit einem thailandischen Mönch, bei dem ich die Mitgefühlsmeditation lernen wollte. Nach einiger Zeit ging ich zu ihm, da ich einfach nicht weiterkam: „Das funktioniert gar nicht bei mir. Vielleicht bin ich nicht gut genug, um Mitgefühl für mich selbst zu haben?“

Er sah mich ganz erschrocken an. „So darfst du nicht denken“, sagte er. „Wenn du einen Fehler gemacht hast, kannst du doch froh sein, dass du ihn bemerkt hast. Du kannst ihn wieder gut machen und versuchen ihn nicht wieder zu begehen. Aber du solltest dich dafür nicht verurteilen.“ – Ich verstand langsam: Diese überkritische, harte Art mit sich selbst umzugehen, das ist Teil eines eher westlichen Konzeptes und es war nicht besonders hilfreich. Das wollte ich überwinden lernen.

In Thailand fasste ich auch den Entschluss Lehrer zu werden. Eines Tages entdeckte ich in Phuket eine Schule, an der Achtsamkeit systematisch in den Unterrrichtsalltag integriert wurde: Das heutige United World College Thailand (UWCT). Die bekannten Meditationslehrer Matthieu Ricard und Alan Wallace (1) waren auch involviert und gaben Workshops für die Lehrerinnen und Lehrer.

Ricards Vortrag „Change your Mind, Change your Brain“ (2) beim Google Tech Talk hatte ich mir bis dahin bestimmt ein dutzend Mal angesehen. Als ich sein Foto auf der Schulwebsite sah, wusste ich sofort: Ich muss an diese Schule!

Ich sah auf einmal, es gibt Schulen und Möglichkeiten zu unterrichten, die für mich sinnvoll sind: Achtsamkeit und Meditation an Schüler:innen weitergeben und ihnen damit Werkzeuge für mehr Wohlbefinden im Leben mitgeben, das wollte ich tun. Der Wunsch an dieser Schule angenommen zu werden, hat ganz viel in mir und in meinem Leben in Bewegung gesetzt. Die Achtsamkeit ist immer mehr zu einem roten Faden für mich geworden.

Meine Erfahrungen in Asien geben meiner Praxis Sicherheit und Tiefe.

Momentan unterrichte ich in Berlin eine vierte Klasse in Deutsch und auch in Achtsamkeit. Meine Erfahrungen in Asien geben meiner Praxis Sicherheit und Tiefe. Bei meiner Arbeit im schulischen Kontext in Deutschland ist mir aber wichtig, Achtsamkeit rein säkular zu vermitteln.

Ich habe mich in verschiedenen Achtsamkeitsprogrammen für den pädagoggischen Kontext ausbilden lassen – darunter das deutsche AiSchu, das amerikanische Mindful Schools und das britische .b curriculum und .b foundations vom Mindulness in Schools Project (MiSP). Letzteres unterrichte ich momentan auch für Lehrkräfte an meiner Schule, der Berlin Metropolitan School. Die Schulleiterin zeigte sich sehr offen dafür und stimmte zu – vielleicht auch weil das Krisenjahr 2020 durch Unsicherheiten und Mehrbelastungen viele Lehrerinnen und Lehrer an ihre Grenzen gebracht hat.

Unsere Meditationstreffen online bieten Raum für Selbsterfahrung, Austausch und Kräftetanken.

Der Achtsamkeitskurs und unsere wöchentlichen Meditationstreffen online bieten Raum für Selbsterfahrung, Austausch und Kräftetanken. Diese in vielen Belangen stressige Zeit scheint gleichzeitig auch ein sehr fruchtbarer Boden für Achtsamkeitspraxis zu sein!

Die Mitgefühlsmeditation ist nach wie vor ein wesentlicher Bestandteil meiner Praxis und ich unterrichte sie auch gerne im pädagogischen Kontext. Ich glaube, viele Lehrer:innen haben sehr hohe Erwartungen und Ansprüche an sich selbst. Ihnen erzähle ich dann immer wieder gerne die Geschichte von meiner Begegnung mit dem thailändischen Mönch.

Aufgeschrieben von Sarina Hassine

Quellenhinweise

1 Matthieu Ricard ist ein buddhistischer Möch und Molekularbiologe. Er ist Board Member des Mind and Life Institute, das die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen westlicher Wissenschaft und Buddhismus fördert.

Alan Wallace ist ein buddhistischer Meditationslehrer mit wissenschaftlichem Hintergrund. 2003 gründete er das Santa Barbara Institute for Consciousness Studies zur wissenschaftlichen und kontemplativen Erforschung des Bewusstseins.

2 Während des Google Tech Talks am 15. März 2007 spricht Matthieu Ricard über die Faktoren, die unser Wohbefinden negativ oder positiv beeinflussen.

Zusammen mit seinen Schüler:innen hat Daniel Kaufhold im ersten Lockdown 2020 auf der Schulwebsite einen Mindfulness-Blog ins Leben gerufen. Hier kann man von den Kindern geführte Interviews mit Expert:innen wie Vera Kaltwasser sehen.

Bildquellen dieser Seite anzeigen

  • Illustration Daniel Kaufhold: Bitteschön.tv
  • Sarina Hassine: privat