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Wie gern hätten wir auf alles eine Antwort

Unsicherheiten souverän zu begegen, das wünschen sich viele Eltern. Dabei ist es es ganz normal, Dinge nicht zu wissen. Mit einer achtsamen Grundhaltung finden Eltern mehr ins Vertrauen, zu innerer Weisheit und Intuition.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Wie gern hätten wir Eltern auf alles eine Antwort. Früher fanden viele Menschen ihre Antworten im Glauben. Heute suggeriert uns das Internet, alles wissen zu können. Das kann stressen. Denn tatsächlich weiß Google zwar einiges, aber nichts über mich. Mein Kind. Meine Familie.

Stressig ist das, weil wir das Gefühl der Unsicherheit kaum aushalten. Händeringend suchen wir nach einer Antwort, einer Lösung des Problems. Wir legen uns viel zu früh auf eine Sichtweise fest, um uns vermeintlich sicher zu fühlen. Oft kommen wir dadurch bei Fragen, Problemen oder ungeklärten Situationen in einen hektisch-angespannten Zustand, eine innere Unruhe, die nach Auflösung der Situation sucht.

Vielleicht reagieren wir mit Aktionismus, tun irgendetwas. Vielleicht laufen wir schnell zum Kinderarzt, weil uns das Fieber des Kindes irritiert. Oder wir rufen jemanden an und wollen alles erzählen und Rat bekommen. Vielleicht machen wir aber auch etwas ganz anderes, lenken uns ab, um bloß nicht die unangenehme Unruhe im Körper zu spüren.

Manchmal reagieren wir auch resigniert, wie in Starre, unfähig irgendetwas zu machen oder zu denken. Wir verkriechen uns im Haus, sagen die Verabredung ab, trinken Wein oder schauen Netflix. Bloß, um nicht das unangenehme Gefühl zu spüren, dass wir nicht wissen, wie es jetzt eigentlich weitergeht – mit unserer Beziehung, mit dem Job, mit der globalen Situation.

Wie können wir mit der Unsicherheit umgehen

Was uns oft fehlt, ist ein gelassener Umgang mit dem „Nicht-Wissen“. Kein Wunder, schließlich tragen wir die Verantwortung für so vieles – die Kinder, das Haus, den Klimawandel. Das macht manchmal Angst. Die Erwartungen an uns sind groß: Wir müssen doch wissen, wo es lang geht. Lösungen und Antworten parat haben, um gute Eltern zu sein, oder nicht?

Eine Kernkompetenz der Achtsamkeitspraxis ist es, Gefühle anzuschauen und auch einmal auszuhalten ohne gleich zu reagieren. Es ist eine Kompetenz, die man lernen kann. Und es lohnt sich, denn tatsächlich begegnet uns das sehr häufig, dass unangenehme Gefühle auftauchen – Wut, Trauer, Angst gehören auch dazu. Sie kommen, sie gehen. Die bewusste Erfahrung dieses Wandels, ist das Geschenk, das wir uns mit der Achtsamkeit machen.

Vielleicht braucht es nur diesen Moment des Wartens.

Wenn wir Achtsamkeit praktizieren, erlauben wir uns in solchen Situationen einen Moment der Stille, des Schweigens, des Abwartens, einen bewussten Atemzug und den Gedanken: „Ich weiß nicht, was jetzt zu tun ist. Ich weiß grad nicht, was richtig oder falsch ist. Es ist blöd. Aber es ist so, es ist ok.“

Wir können das Gefühl dazu im Körper wahrnehmen und versuchen, so wenig wie möglich im Widerstand damit zu sein. Wir können dem Drang nach Sicherheit, Klarheit, nach dem Gedanken „Ich muss es wissen“ widerstehen und mehr ins Vertrauen und Abwarten kommen. Atmen.

Vielleicht braucht es nur diesen Moment des Wartens. Und wir schaffen es, nicht in Hektik zu verfallen und damit wiederum unsere Kinder zu irritieren oder in Streit mit dem Partner zu geraten.

Vielleicht aber müssen wir es mehrmals am Tag wiederholen, vielleicht über einen längeren Zeitraum, je nachdem wie groß das Thema ist, weswegen wir so verunsichert sind. Eine Pandemie zum Beispiel dauert offenbar etwas länger.

Mit der Zeit wird ein Raum entstehen. Ein Raum, den zu betreten es anfangs vielleicht unseren ganzen Mut erfordert. Denn wir müssen es erst einmal aushalten lernen, dieses Gefühl der Unsicherheit. So wie jedes andere Gefühl auch. Es im Körper spüren lernen. Es fürsorglich halten und freundlich betrachten lernen.

Mit der Zeit können wir ein Gefühl der Gelassenheit im Körper wahrnehmen, obwohl wir gerade verunsichert sind. Ein Vertrauen, das wächst. Manchmal ist da vielleicht auch ein leises Lächeln, ein „Ich weiß es nicht. Ich muss es auch nicht sofort wissen. Ich kann warten, was kommt.“

Durch Innehalten geben wir unserer inneren Stimme den Raum, gehört zu werden.

Denn durch unser Innehalten geben wir unserer inneren Stimme den Raum, gehört zu werden. Wir kommen in Kontakt mit dem Ort in uns, der in Ruhe und Klarheit ist und weiß. Hier hören wir dann mehr als nur eine gute Antwort, hier begegnen wir dann so etwas wie innerer Weisheit.

Von diesem inneren, weisen Ort aus fühlen, denken, sprechen und handeln zu können, ist ein besonderes Wohlgefühl und die Belohnung unserer „Bemühungen“ um ein bewussteres Sein. Gelassenheit und Leichtigkeit, Resilienz im Umgang mit Krisen und Unbekanntem, Chaotischem – das sind Qualitäten, die das Elternsein wirklich erleichtern und in einer weiteren Dimension den Kindern Stabilität und Vertrauen ins Leben mit auf den Weg geben.

Sarina Hassine

Sarina Hassine

Sarina Hassine unterrichtet seit 2012 Achtsamkeit und Meditation. Da ihr Kinder und die Zukunft der Erde sehr am Herzen liegen, arbeitete sie von Anfang an mit Eltern und Pädagog:innen, u.a. seit 2017 im Rahmen von AiSchu. Sie liebt die Natur, das Meer und die Kunst, ist Mutter von zwei Kindern und arbeitet in der Online Redaktion des AVE-Instituts. Mehr Infos auf ihrer Seite www.mindfulnessberlin.de

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