Frauengruppe

Zusammenhalt unter Lehrkräften – Ein Plädoyer für mehr Verbundenheit

Die Zusammenarbeit unter Lehrkräften gestaltet sich oft schwierig. Gerade engagierte Lehrkräfte, die sich für neue Themen wie Achtsamkeit einsetzen, fühlen sich oft allein und unverstanden. Aber das muss nicht sein. Ein Plädoyer für mehr Verbundenheit.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Für viele Lehrkräfte ist eine Zusammenarbeit mit Kolleg*innen nicht selbstverständlich. Fast jede zweite Lehrkraft plant den Unterricht lieber allein als im Team. Das ergab eine Forsa-Umfrage 2018 zur Kooperation unter Lehrkräften, die von der Deutschen Schulakademie in Auftrag gegeben wurde.

Gute Ansätze zur Kooperation und Verbundenheit unter Kolleg*innen gibt es bereits. Etwa die „Kollegiale Fallberatung“ oder die „Kollegiale Unterrichtsreflexion“ (KUER), bei der sich Kolleg*­innen gegen­seitig im Unterricht besuchen und in einer möglichst stress­freien, wert­schätzenden Atmos­phäre beraten und sich mit ihren unterschiedlichen Kompetenzen ergänzen.

Doch warum gelingt Kooperation in Schulen so selten? Die Umfrage ergab, dass geeignete Räume für eine Teamarbeit fehlen und die Präsenzzeiten zu gering sind. Auch die Stundenpläne erschweren eine Kooperation unter Kolleg*innen. Um kollegiale Zusammenarbeit zu fördern, braucht es Zeitfenster mit einem machbaren zeitlichen Umfang und im besten Fall auch entsprechende Fortbildungen sowie Coaching und Supervision. Auch der Aufbau einer achtsamen Lern- und Feedbackkultur ist wichtig, damit alle voneinander und miteinander wachsen können.

Manchmal ist es allerdings schwierig, sich im eigenen Kollegium auszutauschen, etwa wenn man sehr unterschiedliche Ansichten hat oder sich Konflikte mit Kolleg*innen und/oder der Schulleitung ergeben. Auch oder gerade engagierte Lehrkräfte, die sich für neue Themen in Schulen einsetzen und die Schule zu einem freudigen und stressfreien Lernort umgestalten möchten, z. B. durch Achtsamkeit, fühlen sich oft allein gelassen und vom Kollegium unverstanden. Das muss aber nicht sein!

Verbundenheit ist ein Grundbedürfnis

Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft sind urmenschliche Bedürfnisse und wichtige Faktoren für unser persönliches Glücksempfinden. Das tief empfundene Zusammensein mit anderen Menschen macht stark und resilient, beugt Frust, Angst und dem Gefühl von Alleinsein vor. Wenn wir uns getrennt fühlen, treten öfter Gefühle von Traurigkeit, Melancholie, Gereiztheit, Sinnlosigkeit oder eine innere Leere auf. Wir sind ständig auf der Suche, sehnen uns, wünschen uns anzukommen.

Unsere innere Leere versuchen wir dann mit äußeren Dingen zu füllen, mit Ablenkungen (Konsum, Medien) und der Jagd nach Lob und Anerkennung (Beruf, Status, Aussehen, Sport, Engagement). Dieses Phänomen können wir auch bei den Schüler*innen beobachten.

Verbundenheit hat etwas mit der inneren Einstellung zu tun, mit dem Wunsch, sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Das braucht Aufmerksamkeit, einfühlsames Zuhören, Verständnis und Wertschätzung. Schüler*innen brauchen oft auch das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit und eine liebevolle Atmosphäre, um in Verbindung mit anderen zu treten und sich zu öffnen.

Das öffnet auch die Türen zu Empathie, Mitgefühl und Toleranz.

Wir sind vernetzt, aber nicht verbunden

Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) definiert Verbundenheit als „Gefühl einer gegenseitig vertrauensvollen Beziehung bzw. des Zusammenhalts, der Zusammengehörigkeit mit einer Person oder Personengruppe“ sowie ein „Gefühl der Dankbarkeit“. Es geht also nicht unbedingt um den eigenen Partner. Man kann sich mit jedem Menschen verbunden fühlen und auch mit ganz vielen gleichzeitig. Verbundenheit kennt kein Limit.

Während der Corona-Pandemie haben wir schmerzlich erfahren, was es heißt, von anderen Menschen getrennt zu sein, uns nicht in der realen Welt treffen zu können. Andererseits sind online Netzwerke, also Verbindungen, entstanden, die es ohne Corona nicht geben würde. Diese virtuelle Vernetzung hat Vor- und Nachteile. Einerseits spüren wir, dass wir besser in Kontakt kommen, wenn Menschen physisch bei uns sind, andererseits ist der Radius der Vernetzung enorm gewachsen. Vielleicht tauschen wir uns nun mit anderen aus, die wir ohne Internet niemals kennen gelernt hätten.

Die globale Vernetzung durch das Internet bringt uns viel Wissen und Produkte vom gesamten Globus, aber wir können kaum noch nachvollziehen, wo etwas unter welchen Bedingungen hergestellt wird. Wir sind vernetzt, aber nicht immer verbunden!

Autonomie oder Isolation

Auch unsere kollektiven Werte tragen dazu bei, wie wir die Welt erleben. In unserer westlichen Welt haben „Autonomie“ und persönliche Freiheit in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung gewonnen. Doch ein „zu viel“ an Autonomie bringt Isolation mit sich. Und der Wunsch, sich selbst zu erfüllen, führt oft zum Gegenteil.

Das zeigt sich in einer zunehmenden Zahl an Depressionen und darin, wie viele Menschen sich einsam fühlen. Wir können uns einsam fühlen in einem großen Kollegium, wenn kein Austausch stattfindet und das Gefühl der kollegialen Verbundenheit fehlt.

Verbundenheit kann, wenn sie tief empfunden wird, auch eine spirituelle Ebene haben. Dann fühlen wir uns als „Eins“. Vielleicht wissen wir vom Kopf her, dass alles mit allem verbunden ist, aber wir spüren es nicht. Wir empfinden uns als getrennt. Daraus können Gefühle von Neid, Angst und Hass entstehen.

In Wirklichkeit sind wir schon alle miteinander verbunden. Nicht nur wir Menschen, sondern alles: Tiere, Pflanzen, das ganze Universum – ob wir wollen oder nicht. Wenn wir das nicht nur intellektuell verstehen, sondern in jeder Zelle unseres Seins spüren, dann können wir eine Art Erleuchtung oder Glückseligkeit erleben.

Vision einer verbundenen Schule

Sind wir bereit für Verbundenheit? Jeder Mensch kann sich fragen: Was bewegt mich, was treibt mich an? Was möchte ich von Herzen in die Welt bringen und wie wäre es, wenn ich damit nicht allein wäre? Dann können wir uns Gleichgesinnte suchen und uns öffnen für Verbundenheit.

Denn der Zusammenhalt und Austausch in der Gruppe ist für die persönliche Weiterentwicklung des Menschen ganz zentral. Auch eine zukunftsorientierte Schulentwicklung ist an das Zusammenwirken der Potentiale aller gebunden.

Verbundenheit in die Klassenzimmer tragen: Wenn wir uns als Pädagog*in selbst verbunden fühlen, fällt es uns viel leichter auch für Kinder und Jugendliche innere und äußere Räume für das Entdecken und Erleben von Verbundenheit zu schaffen.

Wenn eine Vernetzung mit den Kolleg*innen aus der eigenen Schule nicht gelingt oder nicht sinnvoll ist, dann gibt es auch andere Möglichkeiten, um sich gegenseitig zu stärken, zu unterstützen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Das Gute: Verbundenheit kann mit jedem Menschen gelingen, auch mit Menschen, die man vorher noch nie gesehen hat. Vor allem, wenn man ein gemeinsames Thema hat und man seine eigene Begeisterung teilt, entsteht leicht eine Vertrautheit, ein sicherer Raum für achtsamen Austausch.

Möglichkeiten sich mit Gleichgesinnten zu treffen gibt es bei (Online-)Kongressen, in Zoom-Gruppen, bei lokalen Treffen, auf Lernplattformen, in Kursen, auf Social-Media-Kanälen oder in speziellen Apps.

Dann können wir uns gegenseitig spiegeln, in Resonanz gehen und uns inspirieren. Und das ist im Lehrerberuf aufgrund der vielen Herausforderungen besonders wichtig. Dabei ist es nicht unbedingt notwendig, dass wir uns ständig über Internet oder Telefon austauschen. Wir können uns auch nur allein durch unsere Gedanken und unsere Gefühle mit anderen verbunden fühlen, wenn wir erst eine gemeinsame Basis geschaffen haben.

Marika Muster

 

Online-Gemeinschaft: Achtsamkeitspraxis für Pädagog*innen

Marika Muster ist Journalistin, Autorin und Lehrerin. Sie hat das "Schulfach Achtsamkeit" gegründet, mit dem sie Lehrerfortbildungen und Onlinekurse anbietet. Mehr Infos finden Sie auf ihrer Seite.

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  • Lehrkräfte-Gruppe: bit.it / photocase.de
  • Marika Muster: privat