Sonja Boxberger

Innehalten als Akt der Liebe

Erfahrungsbericht von Sonja Boxberger, Achtsamkeitslehrerin

Sonja Boxberger unterrichtet seit 2011 Achtsamkeit. Als Mutter weiß sie um die Herausforderungen des Familienalltags. Elternschaft ist für sie eine Chance, aus alten Mustern auszusteigen und öfter bewusst innezuhalten.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Den ersten wirklichen Stress als Mama habe ich damals bei der Beikosteinführung von meinem ersten Baby erlebt. Ich habe den Brei aus Möhrchen, Süßkartoffel & Co. selbst zubereitet und wollte alles richtig machen. Schließlich ging es ja um die Gesundheit meines Kindes. Die ganz normalen Ansprüche eben, dachte ich.

Die ersten Monate war ich mit meinem Kind stundenlang draußen in der Natur und habe dort nach Bedarf gestillt. Damit war Schluss als die Beikost dran war. Auf einmal kam in mir ungeheurer Stress auf, das richtige Timing, den richtigen Ort und die richtige Menge für das Essen zu finden. Bis der kleine Kerl mir irgendwann beim Füttern aus der Babyschale geplumpst ist.

Ich war geschockt, mein Atem stockte und ich hatte Schweißperlen auf der Stirn. Unter Selbstvorwürfen fragte ich mich: Was passiert hier eigentlich? So nicht, das kann es nicht sein!

Schließlich begann in dem Zeitraum meine Ausbildung zur Mindful Parenting Trainerin bei Prof. Susan Bögels. Bei einer Schemamodi-Übung stand ich als Fallbeispiel zur Verfügung und wir beprachen die dargestellte Situation. Bei dem der Schematherapie (Jeffrey Young) entlehnten Konzept geht es darum zu erkennen, was uns unter Stress und in der Beziehung mit unserem Kind triggert.

Der Austausch in der Gruppe half mir zu reflektieren und mich zu entspannen.

Wir können erkennen wie wir durch Auslöser in kindliche Verhaltensweisen und emotionale Reaktionen aus der Vergangenheit zurückfallen. Wir sind ja nicht nur Mama oder Papa, sondern auch immer das Kind unserer Eltern. Unsere Bindungserfahrungen beeinflussen die Art und Weise unsere Kinder zu begleiten.

Konkret bedeutete das für mich zu erkennen, dass mein Anspruch an die optimale Beikost für meinen Sohn überzogen war. Beim Erforschen meiner Gefühle und Gedanken habe ich mich in dem Schemamodus „hilfloses Kind“ wiedergefunden.

Foto Sonja Boxberger

Ich fühlte mich so hilflos wie damals als Kind  gegenüber meiner eigenen Mutter, für die Essen immer ein schwieriges Thema war (Bitte, iss etwas!). Die Vorwürfe mir selbst gegenüber (Wie kannst du nur…!) entsprangen dem Schemamodus des internalisierten „strafenden Elternteils“, der häufig automatisch dem Kind-Modus folgt.

Die frühe Sorge um meine Mutter prägte mich. Längst hatte ich mich damit beschäftigt und mit den Jahren für mich ein gesundes Verhältnis zum Essen und meinem Körper entwickelt. Dass mir dieses Thema bei meinem eigenen Kind auf diese Weise nochmals um die Ohren schlug, überraschte mich sehr.

Und schenkte mir aber schließlich ein erleichterndes „Aha!“ Ich entwickelte Verständis für mein unentspannte Verhalten gegenüber meinem Kind und meine stressigen Gefühle in der Essen-Situation. Der Austausch in der Gruppe half mir zu reflektieren und mich zu entspannen.

Statt im Ballast alter Muster steckenzubleiben, erlaube ich mir öfter ein bewusstes Stopp.

Es ist eine Entlastung für Eltern zu wissen: Stecken wir  in einem Verhalten fest, das wir so eigentlich nie wollten, dann sind wir wahrscheinlich in ein altes, reaktives Muster verfallen. Achtsamkeit kann uns helfen, uns unserer Kind- und Eltern-Modi bewusst zu werden und innezuhalten, statt sofort zu reagieren.

Die achtsame Elternschaft ist für mich ein Pladoyer für mehr Bewusstheit. Statt im Ballast alter Muster steckenzubleiben, erlaube ich mir öfter ein bewusstes Stopp. Regelmäßige Übungen aus dem Mindful Parenting helfen mir beim Innehalten, z.B. der 3-Minuten-Atemraum, sanftes Yoga, der Bodyscan, die Sitzmeditation oder einfach eine bewusste Tasse Tee.

Meditation und Innehalten als ein radikaler Akt der Liebe, so drückt es Jon Kabat Zinn aus. Das ist für mich inmitten des Familienalltags nicht nur Entspannung und Geschenk für mich selbst. Ich sehe inzwischen, wenn ich mich bewusst um mich selbst kümmere, wirkt sich das nachhaltig positiv auf meine Kinder aus. Sie sind zufriedener und glücklicher. Und das ist es doch, was wir uns als Eltern am meisten wünschen.

Lesetipp: Susan Bögels, Elternsein – Die ganze Katastrophe

Sonja Boxberger ist Mutter von zwei Kindern, verheiratet und lebt in Köln. Sie arbeitet als MBSR Trainerin, Happy Panda-Trainerin und begleitet Eltern als Mindful Parenting Trainerin. Daneben ist ihr Schwerpunkt Achtsamkeit in der Natur. Bei Veranstaltungen und Fachtagungen ist sie als Referentin tätig. Hier kommen Sie zu ihrer Seite.

 

Bildquellen dieser Seite anzeigen

  • Illustration Sonja Boxberger: Bitteschön.tv
  • Sonja Boxberger macht eine Atempause: Olivier Pol Michel
  • Sonja Boxberger: Olivier Pol Michel