Prof. Torsten Schäfer beim Tag der Achtsamkeit in Darmstadt

„Achtsamkeit ist bisher zu unpolitisch“

Wie können wir mit der Klimakrise umgehen? Im Interview spricht Prof. Torsten Schäfer von der Hochschule Darmstadt darüber, wie wir mit politischem Nachdruck agieren und uns dennoch Zeit für gesellschaftliche Transformation nehmen können.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Das Gespräch führte Marika Muster

Wie wird aktuell mit dem Thema Klima in der Presse umgegangen?

Professor Torsten Schäfer: Was ich feststelle ist der Alarmismus, den wir haben. Narrative wie „Wir haben noch sieben Jahre Zeit“ sind in der Wissenschaft und der Politik zu sehen. Es ist ein verständlicher Gedanke, uns zu warnen, aber davon haben wir schon sehr viel im Diskurs, zu viel.

Durch fortwährenden Alarmismus verstellen wir uns Portale, durch die wir gehen wollen. Wir legen Planungshorizonte an, indem wir auf die nächsten sieben, elf oder dreizehn Jahre gucken und klammern uns daran fest. Aber was kommt danach? Nicht sofort die Apokalpyse, das ist sicher. Ein anderes Leben, das auch.

Wir kommunizieren mit diesen Zeitpunkten und dem Alarmton seit Jahrzehnten, werden es weiter machen – und auch warnen müssen. Es ist ein Teil des Klimadiskurses, aber mir fehlt ein anderer Teil, der hoffnungsvoller, ruhiger und demütiger ist, auch für die Zerstörungen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Das anzuerkennen, ist auch sehr wichtig.

Was können wir anders machen?

Schäfer: Wir brauchen eine andere Zeitkultur. Eine andere Art der Problembearbeitung. Wir denken in Punkten und Strichen. Wir sehen eine lineare Zeitwahrnehmung, auf der es Ziele in Form von Punkten gibt, die wir erreichen wollen. Wir brauchen daneben oder damit zusammen, nicht stattdessen, eine zyklische Zeitkultur, wie wir sie in der Natur erleben – bei Bäumen, Steinen und Flüssen.

Aber muss es nicht schnell gehen?

Schäfer: Ja, die Politik muss schnell und bestimmt handeln, in Verbindung mit der Gesellschaft. Wir brauchen mehr Verbote und Kontrollen. Wir brauchen Klarheit, Einfachheit und Planungssicherheit auf der politischen Ebene. Aber für die eigentliche Transformation brauchen wir Zeit. Wir haben Lernprozesse gestartet. Hektik allein bringt uns bei ihnen nicht weiter.

Welche Lernprozesse?

Schäfer: Die Prozesse hin zu einer nachhaltigen Lebenspraxis, die wir alle brauchen und erforschen. Keiner weiß, wie die Wende gelingen kann. Die Lebens- und Wirtschaftsstile der Zukunft sollen ja auch Lust machen. Sonst geht es nicht! Wir brauchen also eine Brücke hin zu einer lustvollen, experimentellen Art im Umgang mit dem Klimawandel, die gleichzeitig anerkennt, dass ein Weniger die zentrale Botschaft für viele Bereiche ist.

Wir müssen die Zeit anders anfassen und auffassen. Vom Alarmismus zur Achtsamkeit.

Wie geht das?

Schäfer: Dafür müssen wir aus der Eile und dem gehetzten Tun aussteigen. Wir müssen die Zeit anders anfassen und auffassen. Wir brauchen eine Verbindung von Nachhaltigkeit und Achtsamkeit. Wir können uns selbst Zeit geben und besser fließen, um achtsam in der Anschauung der vorbeiziehenden Aufgaben in die neue Welt zu gelangen, die wir gestalten müssen. Dafür haben wir genug Vorbilder.

Wir können von indigenen Völkern lernen, die mit der Natur leben. Dabei ist es allerdings wichtig, sie nicht verkürzt zu kopieren, mit einer romantisierten Vorstellung. Aber wir haben auch eigene Traditionen. Wenn wir in unsere Vergangenheit blicken, haben wir schon viele und lange Erfahrungen gemacht, über Jahrtausende.

Wir kennen zum Beispiel Allmende, System des gemeinschaftlichen Lebens, Kulturen der Gabe, des Teilens, Tauschens, Schenkens, Praktiken des Gemeinschaftlebens vor Ort. Wir haben traditionelle, soziale und ökologische Wissensbestände, die wir nutzen können. Wichtig dabei: Zyklische Lebensweisen, mit der Jahreszeit leben, in dem Rahmen, der vor Ort ist. Es geht darum, neue Rahmen zu setzen für ein Leben in begrenzten Räumen.

Wir müssen also zurückblicken und gleichzeitig nach vorne? Oder geht es doch um das Jetzt?

Schäfer: Ja, die Rückschau ist ein Tor in die Zukunft. Es braucht auch neue Technologien, aber nicht alleine und nur, wie es der Klimadiskurs in Politik und Wirtschaft etwa zum Ausdruck bringt. Aber daneben ist ein Punkt grundlegend:  Wir müssen verstehen, dass wir an einer Zeitenwende stehen. Es wird zu wenig darüber gesprochen, dass wir in einem neuen Erdzeitalter sind. Wir erleben das jetzt. Ich erlebe das jetzt und heute. Das Antropozän*, das Menschenzeitalter hat begonnen.

Die Zeit verkennt Achtsamkeit und Gewahrsein im Hier und Jetzt.

Wie können wir als Gesellschaft und in der Pädagogik Achtsamkeit und Nachhaltigkeit verbinden?

Schäfer: Wir müssen uns verorten, uns erden, müssen raus gehen. Wir müssen Lehr- und Vermittlungsformate entwickeln, die Wälder, Wiesen, Flüsse, aber auch die Stadt einbeziehen. Ich kann nur schützen, was ich kenne. Ich brauche Haptik, Sinne und Selbstwirksamkeit, das Gefühl, mich im Zusammenspiel der Elemente zu erleben. Und es geht ja in die Richtung: Trends wie Waldbaden, Survival und Outdoorsport sind auf dem Vormarsch.

Wie könnte der Unterricht in der Schule oder Hochschule konkret aussehen?

Schäfer: Stilles Gehen in der Natur üben, Bäume pflanzen, mit den Händen arbeiten, bei der Tafel helfen. Es geht um gemeinsames praktisches Handeln. Wenn wir nur Bücher über Achtsamkeit lesen, dann kennt man viele Übungen, aber es geht um die Umsetzung, um das Handeln.

Wir müssen einander zuhören. Daher habe ich eine Idee für die Lehre im nächsten Semester: Interviews der Studierenden mit älteren Klima-Journalist*innen und Umweltschützer*innen: Wie habt ihr euch die letzten 40 Jahre motiviert? Wie habt ihr wieder zu euch gefunden? Wie geht ihr mit Klimadepression um, mit der Angst? Was können wir von dieser Resilienz lernen? Man lernt viel von den Älteren und deren Zeitwahrnehmung.

Wie sieht Ihre Achtsamkeitspraxis aus?

Schäfer: Die findet nicht nur in der Meditationsecke zuhause statt. Ich mache eine Flusswanderung an meinem Heimatfluss, ich versuche einheimisch zu sein in meiner sozialen Herkunft und Zukunft. Das ist nicht einfach. Aber ich habe ein enges Verhältnis zum Fluss, meditiere da, ernähre mich von ihm ein bisschen, nehme ihn als Refugium, Spiegel, Badeort, Beraterin, Schönheit.

Für mich ist eine umfassende Achtsamkeit eine ökologische Auseinandersetzung mit speziellen Orten draußen. Die kann jeder sich schaffen – im Stadtpark, in Wiesen. Die Meditation bleibt das Zentrum, aber dazu kommt Erinnerungsarbeit über den Tag verteilt, für wenige Minuten. Auch ein Haus, eine Straßenecke, spezielle Bäume können kurze Zufluchten sein, um Kontakt zu suchen.

Wenn man über Achtsamkeit spricht, kann man die Wurzeln nicht auslassen.

Wir haben über Zeit und Raum gesprochen. Was ist mit der spirituellen Dimension von Achtsamkeit und Nachhaltigkeit?

Schäfer: Ich bin Buddhist. Wenn man über Achtsamkeit spricht, kann man die Wurzeln nicht auslassen, die im Buddhismus und Hinduismus liegen. Die Techniken wurden verfeinert, zum Beispiel durch Jon Kabat-Zinn. Ich finde es aber nicht richtig, die konfessionellen Wurzeln zu ignorieren, weil man Angst hat, damit Menschen zu verschrecken.

Für die breite Bevölkerung dürfen Inhalte nicht religiös überladen sein, aber den Kontext zum Buddhismus zu ziehen ist notwendig, wenigstens in ein paar Absätzen.

Warum?

Schäfer: Die Grundübel im Buddhismus sind Gier, Hass und Verblendung. Außerdem geht es darum, mit anderen zu teilen, eine Gemeinschaft zu bilden. Auch Genügsamkeit und das rechte Maß sind wichtige Begriffe im Buddhismus. Und das entwickelt sich auch gerade in Bezug auf den Klimawandel.

Es geht um maßvollen Konsum, teilen, Partizipation und Suffizienz, also etwa einen möglichst geringen Rohstoff- und Energieverbrauch. Als Praktizierender geht es um die innere Haltung. Die durchzieht den Alltag und bestimmt das tägliche Handeln.

Kann Achtsamkeit auch falsch genutzt werden?

Schäfer: Für mich ist es wichtig, dass Achtsamkeit nicht nur dafür verwendet wird, sich gegenüber den Herausforderungen des Alltags resilienter, also widerstandsfähiger zu machen. Man muss stark aufpassen, dass die Programme, die man auch im Silikon Valley findet, nicht kapitalistisch instrumentalisiert werden.

Denn dann wird Achtsamkeit zu einem reinen Effizienzinstrument, zum individualistischen Optimierungs-Modell innerhalb der Wachstumsgesellschaft. Es gibt aber ja eine gute Debatte dazu im Buddhismus, David Loy plädiert in „Ökodharma“ für eine Abkehr vom meditativen Individualismus – vom alleine üben. Jeder für sich in der stillen Kammer.

Bei Akteuren aus dem engagierten Buddhismus wie Loy oder Schüler*innen von Thích Nhất Hạnh geht es dagegen ums Handeln und Teilen.

Was wünschen Sie sich für die Entwicklung der Achtsamkeit in Deutschland?

Schäfer: Achtsamkeit ist bisher zu unpolitisch. Wir verhalten uns unethisch angesichts der planetaren Grenzen, denen wir uns stellen müssen. Achtsamkeit ist Weite. Wenn wir sie entfalten, macht sie uns empfänglich zu ernten und zu geben. Im Kontext mit dem Wissen, das wir haben, ist es eine riesige Ebene.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

* Der Begriff „Anthropozän“ bezeichnet ein neues geologisches Zeitalter, in dem die Menschheit den dominanten geophysikalischen Einfluss auf das Erdsystem hat und daraus die Verantwortung des Menschen für die Zukunft des Planeten abgeleitet wird.

 

Prof. Torsten Schäfer PortraitProf. Torsten Schäfer ist Autor, Umweltjournalist, Wildnispädagoge sowie Professor für Journalismus und Textproduktion an der Hochschule Darmstadt. Er beschäftigt sich unter anderem damit, wie man Nachhaltigkeit und Achtsamkeit miteinander verknüpfen kann und wie eine Transformation zu neuen Lebenswelten gelingt. Hier finden Sie mehr Informationen über Torsten Schäfer.

 

Weitere Informationen

Tag der Achtsamkeit – Austausch und Vernetzung in Darmstadt

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  • Prof. Torsten Schäfer beim Tag der Achtsamkeit in Darmstadt: Steven Wolf h_da
  • Prof. Torsten Schäfer: Sandor Rapolder