Arzt meditiert

Achtsamkeit und Mußetraining für Menschen in stressigen Jobs

Wie die Lehrer*innen sind auch Ärzt*innen dauerbelastet und gestresst. Dr. Johannes Fendel hat mit seinem Team von der Uni Freiburg ein achtsamkeitsbasiertes Programm für diese Zielgruppe konzipiert und evaluiert. Ein Vorbild auch für den Bildungsbereich.

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Der tägliche Arbeitsdruck und die emotionale Belastung sind für Assistenzärzt*innen enorm: „Sie müssen im Klinikalltag unter hohem Zeitdruck permanent Multitasking betreiben. Während sie gerade ein Patientengespräch führen, klingelt ihr Pieper, dann müssen sie simultan etwas mit der Pflege koordinieren und anschließend alles lückenlos dokumentieren“, berichtet der Psychologe und Wissenschaftler Dr. Johannes Fendel.

Krankenhäuser von heute wirken dadurch oft entmenschlicht, durchökonomisiert und emotionsfern. Dabei müsste das nicht so sein. Dr. Fendel und sein Team sind überzeugt, dass es Mittel und Wege gibt, Ärzt*innen unter Druck zu helfen und damit auch den Patient*innen etwas Gutes zu tun.

Weniger Burnout durch Achtsamkeit?

Das Forschungs-Team der Universität Freiburg hat in den letzten Jahren zwei vielbeachtete Projekte mit Assistenärzt*innen durchgeführt. Zum einen eine kontrollierte, randomisierte Studie, zum anderen eine Machbarkeitsstudie. Das Ziel der Forschungsprojekte: Lassen sich durch ein Training in Achtsamkeit sowohl Stress und Burnouts verringern bzw. das persönliche Wohlbefinden des/der einzelnen steigern?

„Als besonderer Gradmesser für positiv orientiertes Wohlbefinden haben wir das Konzept der Muße gewählt. Muße ist zu verstehen als Inbegriff von Selbstbestimmtheit, Freiheit und Gelassenheit. Ärzt*innen, die einen mußeähnlichen Zustand empfinden, fühlen sich entspannt, selbstbestimmt und frei von inneren und äußeren Zwängen und womöglich sogar in bestimmter Weise schöpferisch angeregt“, verdeutlicht Fendel.

Das sei bei Assistenzärzt*innen besonders schwierig, weil diese Berufsgruppe zu Beginn ihrer Karriere zwischen allen Stühlen stehe und auch im Vergleich zu anderen Berufsgruppen im Krankenhaus besonders belastet sei.

Hinzu komme, dass Assistenzärzt*innen von ihrer Persönlichkeit her oft besonders leistungsorientiert und opferbereit seien sowie die historische Tendenz der Ärzteschaft, persönliche Anzeichen von Stress eher zu ignorieren und sich über seine Grenzen hinaus zu engagieren.

Fehler im System: „Woran es in der Medizin fehlt, ist Zeit“

Gerade ein Zustand der Muße lässt sich aber gemeinhin nur erreichen, wenn ein Mensch ein gewisses Maß an Zeit verspürt. In der Medizin, das betont Dr. Fendel, gibt es dieses so hohe Gut für das persönliche Wohlbefinden wenig bis gar nicht. „Hier gibt es ein strukturelles Defizit und auch ein Allokationsproblem in der Frage, wofür Zeit da ist.

Es bleibt einfach wenig Zeit für direkten, sinnstiftenden Kontakt mit den Patient*innen.“ Die fehlende Begegnung und der fehlende Austausch sei für beide Parteien fatal, für Patient*innen, die sich nicht richtig gesehen, verstanden und wertgeschätzt fühlen und für Ärzt*innen, denen dann eine wichtige Quelle für Sinnstiftung und somit eine Stütze in ihrer Berufsidentifikation fehle.

Die Idee des Freiburger Teams für ein Achtsamkeitstraining für Assistenzärzt*innen war in Deutschland neu. Innovativ erschien außerdem die Frage, ob sich so ein Achtsamkeitstraining, neben Chancen für das eigene Wohlbefinden auch positiv auf die Mitmenschen auswirkt.

Und tatsächlich: „Die Vorgesetzten haben die Teilnehmenden am Achtsamkeitstraining als empathischer wahrgenommen und die Kolleg*innen nahmen sie als präsenter wahr. Auf Patientenebene zeigte sich kein statistisch relevanter Unterschied.“

Achtsame Micropausen und Reflexionen im Berufsalltag

Für das Training schneiderte der Psychologe mit seinem Team ein Programm, das etablierte MBSR-Übungen mit adaptierten Elementen speziell für Ärzt*innen verband. MBSR – das steht für „achtsamkeitsbasierte Stressreduktion“ – ein Akronym aus den englischen Wörtern Mindfulness-Based-Stress-Reduction.

Die klassischen Sessions von Atem-, Geh- und Sitzmeditationen wurden begleitet von einem intensiven Austausch und Reflexion zum Klinikalltag und diverse Microübungen für den Alltag.

„Zum Beispiel übten die Teilnehmenden informell Achtsamkeit bei alltäglichen Aufgaben ein, wie bei der Händedesinfektion, dem Anamnesegespräch oder dem alltäglichen Gang über den Klinikflur. Diese Achtsamkeitsübungen seien gut angekommen, da sie Raum boten für Micropausen im hektischen Klinikalltag.

Außerdem sollten die Assistenzärzt*innen äußere Signale wie das klingelnde Telefon oder den Pieper als Anker zu nutzen, um kurz in sich hinein zu spüren und sich zu fragen, “Wie geht es mir eigentlich gerade?“ oder „Was brauche ich jetzt, um mich wohler zu fühlen?“

Die Ausrichtung des Trainings auf den Ausbau von Reflexion und Selbstfürsorge sei essentiell. Hilfreich waren dabei auch persönliche Reflexionen wie: „Warum mache ich das jetzt eigentlich? Übe ich Achtsamkeit, um noch mehr Leistung zu bringen oder möchte ich mir etwas Gutes tun? Welche Art von Kontakt zu meinen Patient*innen möchte ich aufbauen? Und wie kann in meinem Beruf mehr Erfüllung und Sinnhaftigkeit fühlen?

Die Übernahme der achtsamen Selbstreflexionen in den Klinikalltag und der Austausch über die beruflichen Belastungen mit Kolleg*innen halfen enorm. „Zu erleben, dass es anderen Ärzt*innen haargenau gleich geht, das erlebten viele Teilnehmer*innen als erdend und befreiend.“

Womit sich die Teilnehmenden schwerer taten, waren die zeitintensiveren, formalen Achtsamkeitsübungen rund um meditatives Sitzen oder den Bodyscan. „Nach einem 10- bis 12-stündigen Arbeitstag noch eine dreiviertel Stunde zu meditieren, war für viele Teilnehmer*innen überfordernd.“ Ein Gefühl, das der psychologische Forscher aus eigener Erfahrung kennt.

Selbstfürsorge, Sinnempfinden und Erfüllung

Eine weitere Adaption aus dem MBSR-Programm betraf die Art der Kommunikation mit den Patient*innen: „Die Gespräche übten wir im Rollenspiel unter den Teilnehmenden. Zunächst wurde ohne Vorgabe ein klassisches Anamnesegespräch durchgeführt. Dann, nach einer Schulung in achtsamer Gesprächsführung, das gleiche Anamnesegespräch in achtsamer Form.“

Die Erfahrung der Assistenzärzt*innen machte deutlich: Manchmal reicht schon ein klein wenig längeres Ausreden-Lassen der Patient*innen, trotz allen Zeitdrucks, sodass sich Patient*innen mehr gesehen und Ärzt*innen hilfreich fühlen.

Insgesamt ging es während des gesamten Trainings häufig um diese kurzen, aber wirkungsvollen Momente. Ob das als Burnout-Prophylaxe reicht, wenn die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen auf enge Taktung und Durchökonomisierung drängen, bleibt fraglich.

Achtsame Stressreduktion auf individueller Ebene kann auch nie als alleiniges „Allheilmittel“ gegen ungesunde Arbeitsstrukturen und fragwürdige Gesundheitspolitik sein, das ist Dr. Fendel wichtig zu betonen.

Muße bei Assistenzärzt*innen: Keine Utopie

„Muße im stressgeplagten Arbeitsalltag von Assistenzärzt*innen zu erleben, ist bei deren Zielvorgaben keine leichte Angelegenheit und wenig intuitiv. Dennoch ist genau das einigen Teilnehmenden nach dem Achtsamkeitstraining gelungen. Auch haben sie gelernt, rücksichtsvoller und mitfühlenden mit sich zu sein und sich besser um sich zu kümmern.“

Der Mußezustand sei im Gegensatz zu einem Achtsamkeitszustand genuin positiv. Hier ist zu differenzieren: indem man die Teilnehmer*innen in Achtsamkeit lehrt und sie dabei sich immer wieder fragen lässt, „Warum machst du das eigentlich? Worum geht es dir wirklich?“ schult man nicht nur Konzentration, Wahrnehmung, Haltung und Akzeptanz – diese Reflexion würde sich schließlich nicht von anderen Achtsamkeitsprogrammen unterscheiden – sondern gibt Raum für Selbstfürsorge und sensibilisiert ein eher für Systemdefizite.

„Manche Teilnehmer*innen haben sich während des Trainings ermutigt gefühlt, gar in Berufsverbände einzutreten, um politisch oder strukturell etwas an den Rahmenbedingung zu verändern.“

Achtsamkeit gut gegen Leistungsdruck – auch in Schulen

Eine Übung in Achtsamkeit eigne sich nicht nur für Ärzt*innen, so Fendel. Sie sei prinzipiell für viele Gruppen geeignet, die nach einem persönlichen Umgang mit Zeit- und Leistungsdruck suchen.

Weniger geeignet sei das Training aber für Menschen in akuten Belastungszuständen wie Psychosen, schweren Depressionen, Panikstörungen oder akuten Traumatisierungen. „Auch bei Schmerzerkrankungen kann es durch die Konzentration auf Körperempfindungen partiell sogar zu einer Verschlechterung kommen.

Das Freiburger Muße-Projekt stieß medial auf großes Interesse. Nicht nur Zeitungen und Zeitschriften berichteten über die Studie, auch der SWR brachte zwei Fernsehbeiträge.

Wünschenswert wäre, dadurch auch einen Systemwandel anzuregen: „Aus achtsamen Assistenzärzt*innen werden irgendwann einmal achtsame Chefärzt*innen und Vorbilder einer neuen Medizinkultur. Es krankt in der Medizin einfach an fehlender Zeit für eine heilsame und sinnstiftende Begegnung zwischen Patient*innen und Ärzt*innen.“

 

Johannes FendelDr. Johannes Fendel arbeitet am Universitätsklinikum Freiburg, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Sektion Systemische Gesundheitsforschung. Mehr über seine Arbeit und die besprochenen Studien finden Sie hier bzw. hier im Folgenden.

 

 

Aeschbach, V.M., Fendel, J.C., Göritz, A.S. et al. The Effects of a Tailored Mindfulness-Based Program on the Positive Mental Health of Resident Physicians—a Randomized Controlled Trial. Mindfulness (2022). https://doi.org/10.1007/s12671-022-01876-w

Fendel, J. C., Aeschbach, V. M., Schmidt, S., & Göritz, A. S. (2021). The impact of a tailored mindfulness-based program for resident physicians on distress and the quality of care: A randomised controlled trial. Journal of Internal Medicine, 290(6), 1233–1248. https://doi.org/10.1111/joim.13374

Aeschbach, V. M., Fendel, J. C., Schmidt, S., & Göritz, A. S. (2021). A tailored mindfulness-based program for resident physicians: A qualitative study. Complementary Therapies in Clinical Practice, 43, 101333. https://doi.org/10.1016/j.ctcp.2021.101333

Maria Köpf ist Journalistin, Dozentin und Mutter in ihrer Wahlheimat Österreich. Derzeit legt sie ihren Schwerpunkt auf Gesundheit, Psyche und Sprache. Ihre erste große Liebe aber war die Literatur. Am liebsten entspannt sie mit einer Tasse Zistustee und ersinnt mit einem guten Hörbuch ferne Welten. Mehr Informationen über sie hier.

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