Elterngespräche – so gelingen sie

Kommunikation ist die Basis von Beziehung. Doch kaum einer lernt, wie man gute Gespräche führen kann. Mona Kino hat für uns einen Leitfaden für Gespräche zwischen Eltern und Lehrer:innen erstellt.

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Wo Menschen miteinander in Kontakt treten, müssen sie – gewollt oder nicht – eine Beziehung miteinander eingehen. Die Beziehung, die zwischen Lehrkräften und Eltern besteht, hat auch Auswirkungen auf die unmittelbar Betroffenen: die Kinder und Jugendlichen. Nicht zuletzt deshalb sollten beide Seiten versuchen, sich einen offenen Dialog zu bewahren.

Neben der Beziehung zur Partner:in oder zum Partner, zu den eigenen Eltern oder Schwiegereltern gibt es nur noch eine Beziehung unter Erwachsenen, die ähnlich konfliktbelastet ist: die Eltern-Lehrkräfte-Beziehung.

Beim Durchblättern der Studieninhalte für das Lehramt findet sich jedoch sehr selten ein Modul für das Führen von Elterngesprächen. Genauso wenige dazu, wie man unter Stress Grenzen setzen kann, ohne das Gegenüber verbal herabzusetzen, oder darüber, wie man angemessen ausdrückt, wie es einem gerade geht.

Gute Kommunikation kostet nichts. Oder doch? Und wenn ja, wen oder was? Die Lehrkräfte, die Eltern, die Schulleiter oder den Staat? Eines ist sicher, eine dieser Stellen muss bereit sein, den eigenen Part an Verantwortung für die Kommunikation in der Beziehung zu übernehmen, sonst leiden die Schülerinnen und Schüler darunter.

Sie sind am Ende die Leidtragenden, wenn Eltern auf Lehrkräfte schimpfen oder Lehrkräfte auf Distanz zu den Eltern gehen. Wie viel man gewinnen kann, wenn alle versuchen würden, etwas mehr Verständnis füreinander aufzubringen, ein Traum!?

Dialog statt Monolog

Bei einer Umfrage, was sich Eltern denn von Lehrer:innen wünschen, bekomme ich diese Antworten: Transparenz, Vertrauen, Neugier, Dialog anstelle von Monolog; aber auch Ehrlichkeit, Effektivität, Verständnis, Interesse an der Sicht der Eltern und echtes Zuhören, anstatt gleich in den Verteidigungsmodus zu schalten.

Das Interessante ist: Fragt man Lehrerinnen und Lehrer, wünschen die sich etwas ganz Ähnliches. Unterm Strich fühlen sich beide Seiten also von ihrem Gegenüber meist nicht gehört oder gesehen.

Das Gespräch ähnelt daher manchmal dem Kampf zweier Feldherren, die sich von ihren Burgtürmen aus beschießen. Kommunikation ist das zwar auch, aber eher Monolog als Dialog. Für den einen mag dies nur ein kleiner Unterschied sein. In der Auswirkung auf Körper, Geist und Seele jedoch ist es ein großer Unterschied.

Monologisieren wir oder die Anderen, schalten wir auf Autopilot und fühlen uns hinterher leer und ausgebrannt. Nach einem Dialog, auch wenn er vielleicht nicht ganz leicht war, fühlen wir uns lebendig, erfüllt und entspannt.

So persönlich und subjektiv wie möglich sein

Bei einem Dialog geht es darum, vom Ich zum Du zu sprechen und dem anderen etwas aus seiner persönlichen Sicht zu einem bestimmten Sachverhalt mitzuteilen. Auch wenn Objektivität üblicherweise als eine „gute“ Charaktereigenschaft gesehen wird und Subjektivität als schlechte, ist das Ziel eines persönlichen Gespräch, die Subjektive des andern zu verstehen, oder im Umkehrschluss, so subjektiv wie möglich zu sein.

Beispiel

“Ihr Sohn ist in letzter Zeit ganz schön schnell aufgebracht, ist bei Ihnen zu Hause alles in Ordnung?” Hierbei handelt es sich um eine Interpretation bzw. Analyse des möglichen Konfliktherds. Alle Eltern wollen eine gute Beziehung zu ihren Kindern und alle Eltern zweifeln mal mehr oder weniger daran, dass sie zu Hause alles richtig machen. Da wird eine gut gemeinte Frage schnell als Kritik verstanden.

Daraus kann sich eine Abwehrhaltung entwickeln: “Sind andere Kinder nicht auch mal schnell aufgebracht?” “Was denken Sie denn von uns?” oder im schlimmsten Fall: “Was denken Sie sich eigentlich, so mit uns zu sprechen?” Manche Eltern bringen mittlerweile sogar zu solchen Gelegenheiten einen Rechtsbeistand mit. 

Besser wäre es in Form einer Ich-Aussage so zu fragen: “Ich erlebe Ihr Kind zur Zeit schnell aufgebracht und ich frage mich, woran das liegen könnte? Und da ich keine Antwort habe, benötige ich Ihre Hilfe. Wie erleben Sie es denn zu Hause?”

Leitfaden für einen guten Dialog

Vor dem Gespräch sollte folgendes überlegt werden:

  • Wer ist der/die Verantwortliche? Wer will was von wem? Derjenige, der das Gespräch führen will, hat die Verantwortung für die Gesprächsführung.
  • Was genau ist das Thema, zum Beispiel: Verbesserung der Noten, Hilfestellungen bei Schularbeiten, eigene Schwierigkeiten mit dem Kind oder mit anderen Kindern, herausfordernde Situationen, wie der Verlust eines Verwandten oder der Umgang mit einer Krankheit.
  • Weniger ist mehr: Am liebsten möchte man möglichst viel auf einmal abhaken. Nimmt man sich nur eine Sache vor, die in einer angemessenen Zeitspanne zu Ende besprochen werden kann, ist es leichter eine freundliche und offene Atmosphäre durchgängig beizubehalten.
  • Ein Zeitplan: Wieviel Zeit brauche ich dafür?
  • Ein Raum: Wo sind wir ungestört? Ein guter Ort kann auch mal ein Gang über den Schulhof sein. Denn sitzen wir uns gegenüber und sehen einander bei einem Gespräch gezwungenermaßen in die Augen, ist unser Nervensystem schnell mal in Alarmbereitschaft, und das Gegenüber wird dabei zum “Säbelzahntiger”.

Persönliche Sprache

Während des Gesprächs sollte man auf eine persönliche Sprache achten, diese beinhaltet:

  • Ich-Aussagen (und keine Du- bzw. Sie-Botschaften)
  • Keine Verallgemeinerungen wie: immer, gar nicht, nie, dauernd, ständig
  • Keine Verwendung von eigentlich. Eigentlich, soll dem anderen signalisieren, dass wir ihm wohl gesonnen sind, was dann im folgenden Satz jedoch widerlegt wird. Zum Beispiel: „Eigentlich finde ich dich nett, aber…“
  • Kein Konjunktiv (würde, könnte …), die Möglichkeitsform ist oft nicht präzise genug.
  • Stattdessen: Ich möchte/ich möchte nicht. Ich will/ich will nicht. Ich mag/ Ich mag nicht/Ich habe etwas dagegen.

Aktives Zuhören

Auch hilfreich ist ein aktives Zuhören, das sich dadurch auszeichnet, dass wir

  • die Aussage des Anderen in eigenen Worten zusammenfassen
  • die Gefühle des Anderen verbalisieren
  • nachfragen, damit das Gesagte klar verständlich wird
  • Unklares aufklären, damit alle Unklarheiten aufgelöst werden können
  • das Gesagte nochmal zusammenfassen, damit für den Sender die Möglichkeit besteht, noch etwas zu ergänzen

Und last but not least wird das Gespräch mit einem „Dankeschön“ für die wertvollen Informationen, die Mitarbeit, die Aufklärung zum Sachverhalt, das Interesse, die Neugier und die Offenheit beendet.

Gegenseitiges Interesse und Neugier

Auch wenn das jetzt vielleicht recht umfangreich und kompliziert für ein simples Gespräch erscheinen mag. Es lohnt sich! Wir sind alle einzigartig, so wie wir sind. Wir bringen alle unsere eigene Geschichte mit. Wir haben alle, auch wenn wir im gleichen Land, in der gleichen Stadt, im gleichen Dorf wohnen, ganz individuelle, persönliche, kulturelle Hintergründe, Werte und Traditionen.

Meistens denken wir, dass wir den anderen schon verstehen oder verstanden werden. Aber wenn zwei “Ichs” zusammenkommen, dann braucht das eine Menge Verhandlungszeit und persönliche Gespräche darüber, was die einzelnen “Ichs” so wollen, bis sie eine gemeinsame Linie gefunden haben.

Je öfter man die Punkte beherzigt, desto einfacher gehen sie in den Alltag ein. Und helfen dann nicht zuletzt jenen, die oft zwischen Schule und Elternhaus in einen Loyalitätkonflikt kommen: Den Kindern und Jugendlichen.Vor allem wenn man bedenkt, das Kinder bis zum Schulabschluss zwischen zehn und dreizehn Jahren verbringen.

Wir sollten also nie aufhören, uns kennenzulernen und uns für einander zu interessieren, egal wie lange wir uns kennen. Wie wir das machen, ist uns überlassen. Sehen wir den anderen als Bereicherung, mit dem, was ihn ausmacht und nicht als Provokatuer, der unsere Integrität und Autorität in Frage stellt, kann das jedenfalls der Anfang einer wunderbaren Schulzeit sein.

Die Autorin und Familientherapeutin ist ausgebildet u.a. bei Jesper Juul und ist Teil der aus Dänemark stammenden Bewegung Training Empathy. Sie wirkt als Referentin beim AVE-geförderten Berliner Modellprojekt Empathie macht Schule mit. Mona Kino schreibt über Beziehungskompetenz und ein gutes Miteinander in Schule, Familie und Gesellschaft. Mona Kinos Buch "Zeit für Empathie" ist 2020 erschienen im Beltz Verlag. Mehr über Mona Kino finden Sie auf Ihrer Seite.

 

Bildquellen dieser Seite anzeigen

  • Achtsame Kommunikation: Addictive Stock / photocase.de
  • Mona Kino: Florian Hoffmeister