Cover Kinder achtsam begleiten

Fachliteratur: Bindung und Beziehung für Kinder in der Krippe

Corinna Simpson hat einen ganzheitlichen Praxisratgeber für Erzieher*innen geschrieben. Es geht darum, kleine Kinder in ihrer Integrität, sozialen Kompetenz und Empathie zu stärken. Der theoretische Teil ist wissenschaftlich fundiert und die Übungen sind leicht anzuwenden. Eine Empfehlung von Mona Kino.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Corinna Simpsons Praxisratgeber ist die Lektüre, die ich mir für die Erzieher*innen meiner Kinder gewünscht hätte. Denn obwohl ich dachte, dass die Strafkultur meiner Kindheit in keiner Kita mehr angewendet wird, wurde ich damals öfters eines anderen belehrt. Meine Kinder sind zwar heute 17 und 19 und trotzdem macht mich die Erinnerung an dieses Erlebnis heute immer noch perplex:

Ich kam meine Tochter gegen 16 Uhr abholen. Strahlend kam mir eine Erzieherin entgegnen und berichtete fröhlich, wie brav sie seit dem Mittagessen mit ihrer Freundin am Tisch sitzt und auf mich wartet. Ich fragte, weshalb sie denn am Tisch sitzen würden. „Na, weil sie mit ihrer Freundin zusammen vom Kita Gelände gelaufen ist.“

Ich entgegnete damals konsterniert, die bessere Variante wäre ja wohl gewesen, uns Eltern von dem Vorfall zu informieren, anstatt die Kinder vier Stunden lang sitzen zu lassen. Dem wurde mit Unverständnis begegnet. Und ich als schwierige Mutter abgetan.

Mal ganz abgesehen davon, dass die Verantwortung dafür, dass Kinder im Alter von vier Jahren überhaupt das Gelände unbemerkt verlassen können, ja wohl eher bei den Erwachsenen liegt, kann man vielleicht einwenden, dass das ja nun schon fünfzehn Jahre her ist. Und ja, das stimmt.

Und doch habe ich gerade letzte Woche eine ganz ähnliche Geschichte in meiner Praxis als Familientherapeutin von einer jungen Familie gehört.

Entwicklung der Beziehungskompetenz der Erwachsenen

Corinna Simpson arbeitet seit vielen Jahren in der Familien- und Erwachsenenbildung. Unter anderem ist sie Montessori-Pädagogin und sie hat bei Jesper Juul, dem bekannten dänischen Familientherpeuten gelernt. All diese Ansätze spürt man in jedem Satz, Corinna Simpson atmet sie förmlich auf das Papier.

Ihr Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung der Beziehungskompetenz der Erwachsenen. Die U3-Kinder liegen ihr besonders am Herzen, denn in keiner Zeit ist es so bedeutsam in der Entwicklung von Kindern, dass ihnen mit mit Achtsamkeit, Wertschätzung und Aufmerksamkeit begegnet wird.

Corinna Simpsons Ratgeber legt in ihren sieben Kapiteln den Finger auf genau die Stellen, um die es in der Begleitung von Kindern unter drei Jahren geht. Aber im Grunde genommen auch darüber hinaus. In aller erster Linie geht es darum, dass Kinder eine sichere Beziehung brauchen. Dafür erörtert sie in ihrem Buch für die Pädagog*innen die wichtigsten Punkte, die es dazu zu wissen gilt.

  • Wie Kinder ihre Umgebung in sich aufnehmen
  • Wie Bindung, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und in der Eingewöhungszeit die Beziehung gelingend – auch mit den Eltern zusammen- aufgebaut wird
  • Wie sich die verschiedenen Fähigkeiten entwicklen (Bewegung, Sinne, Sprache, Schlaf und Pflege)
  • Was Konflikte, Gefühle, Kooperation für die Entwicklung der sozialen Kompetenzen bedeuten
  • Die Bedeutung der Selbstfürsorge der Pädagog*innen
  • Gelingende Zusammenarbeit mit den Eltern
  • Und wie man den Krippenraum zum bestmöglichen Entwicklungsraum gestalten kann

Die Perspektive des Kindes

Corinna Simpson lädt die Leser*innen immer wieder ein die Perspektive des Kindes einzunehmen. Wie beispielsweise gleich im ersten Kapitel: „Wie kleine Kinder ihre Umgebung in sich aufnehmen“. Dort lädt sie die Leser*innen dazu ein, sich einmal auf den Boden zu legen und sich den Raum aus Sicht des Kindes anzusehen.

Die Fallbeispiele übersetzt Simpson wie eine Dolmetscherin von der Welt der Kinder in die Welt der Erwachsenen. Dazu beschreibt sie z.B. ein Praxisbeispiel:

Die vierzehn Monate alte Emma beschreibt, der nach einem aufwühlenden Morgen alles zu viel ist: Als es darum geht, dass die Kita Gruppe raus geht, legt sich Emma auf den Boden und als ein Junge etwas zu laut an ihr vorbei läuft, zuckt das Mädchen zusammen.

Anstatt, dass die Bezugserzieherin das Mädchen jetzt davon überzeugt, dass es draußen doch ganz schön ist, oder den Jungen zurecht weist, ob er nicht sehen kann, dass Emma da auf dm Boden liegt, spiegelt diese ihr mit ihren Worten, was sie beobachtet hat und sagt: „Das ist alles zu viel gewesen für dich heute Morgen. Jetzt möchtest du gerne Ruhe.“

Mehr braucht es oft nicht, als das zu spiegeln, was man erlebt hat, anstatt es zu interpretieren. Denn Emma ist erleichtert und setzt sich zu der Erzieherin auf den Schoß.

Dieses und alle anderen Praxisbeispiele sind für mich so motivierend, dass ich am liebsten selbst noch eine Ausbildung als Erzieherin machen möchte. Der magische Satz dafür war: Wenn Sie merken, dass Sie zu oft „Nein“ sagen in der Kommunikation mit den Kindern, gestalten Sie „Ja-Räume“.

Das einzige, was es mir schwer macht, dem feinfühlenden Schreibstil zu folgen und der durchweg wertschätzenden Haltung Corinna Simpsons allen Pädagog*innen gegenüber, ist das Layout. Für mich liest sich der Ratgeber wie eine Zeitung. Und das Lesen der zwei Spalten wird für meinen Geschmack zusätzlich durch zu viele Kästen unterbrochen, sodass ich manchmal den Faden verliere und doppelt lesen muss.

Fazit: fachlich fundierter, kindorienterter Ratgeber

Ich hoffe aber dennoch, dass sich ihr Wunsch im Vorwort einlöst, dass der Ratgeber als Nachschlagewerk Einzug in alle Kitas erhält. Denn er enthält neben den Praxistipps viel wissenschaftlich fundiertes Wissen und im Anhang auch noch Übungen zur Selbstfürsorge und Stessbewältigung für Erzieher*innen, eine Checkliste für Formen der Zusammenarbeit und für Materialien für die Raumgestaltung, einen Leitfaden für Elterngespräche, Reflexionsbögen für „zwischen Tür- und Angelgespräche“ mit Eltern.

Wünschenswert – und auch zeitgemäß – wäre es, wenn Erzieher*innen bereits in der Ausbildung zu diesen Themen sensibilisiert würden. Denn in keiner Phase des Lebens lernen Menschen so viel und so schnell. Dafür braucht es genau dieses fachlich fundierte, kindorienterte Wissen, mit der Entwicklungssräume geschaffen werden, in denen Kinder nicht einfach so mal eben weglaufen können und dafür dann auch noch bestraft werden.

Und Hand aufs Herz, welche Erzieher*in möchte nicht wissen, wie man Kinder anspricht, deren Sprachzentrum noch in der Entwicklung ist, wie man sie liebevoll motiviert altersgerecht Verantwortung für sich zu übernehmen und darüberhinaus auch noch zu erfahren, was man sich selbst in stressigen Situationen ganz einfach Gutes tun kann.

Corinna Simpson: Kinder in der Krippe achtsam begleiten. Frühe Förderung und Betreuung von Krippenkindern, Klett-Kita, 2021 

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