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Momente der Achtsamkeit

Das Kind morgens zur Kita zu bringen kann eine Herausforderung sein. Pädagoge und Vater Steve Heitzer reflektiert, wie durch das achtsame Innehalten ein Neustart und damit eine friedliche Lösung ermöglicht wurde.

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Was ist Achtsamkeit und wie geht achtsam mit Kindern? Viele verbinden damit Stille-Übungen für Kinder. Die sind gut, und natürlich brauchen die auch wir Pädagoginnen und Pädagogen. Aber: Ohne eigene Praxis der Achtsamkeit wird die Anleitung von Stille-Übungen für Kinder kaum Kraft entfalten. Ohne eigene Praxis wird Achtsamkeit sich auch nicht in unseren pädagogischen Alltag hinein entfalten.

Wie sieht eine Arbeit mit Kindern aus, die getragen ist von einem hell-wachen Bewusstsein und einer präzisen Wahrnehmung? Mir geht es um Stille-Übungen für den pädagogischen Geist – mitten im Alltag mit Kindern:

Aufwachen aus unseren ständigen Gedanken, Anhalten unseres ständigen Tuns und unserer Getriebenheit, uns ganz einlassen auf den gegenwärtigen Moment und das Kind; hellwach unsere Gedanken bemerken und unsere automatische Reaktivität anhalten. Innehalten, um zu schauen – tief zu schauen, was wirklich los ist, was möglich ist und was dann ggf. zu tun oder zu unterlassen ist. Ein Beispiel:

Martin wird von seinem Papa in den Kindergarten gebracht. Ungewöhnlich schwer fällt Martin heute der Abschied von Papa, er will ihn nicht gehen lassen. Erzieherin und Papa reden ihm gut zu, sie sind beide nicht in der Gefahr, völlig auf ihn einzureden; sie lassen ihm Zeit, aber es wird dann doch eng und der Papa muss endgültig gehen und es wird brenzlig. Martin kommt plötzlich mit einer Idee: Der Papa soll ihn „nochmal bringen“. Nochmal bringen? Wie…? Er möchte sich nochmal in Papas Auto setzen und nochmal gebracht werden.

Innehalten, durchatmen, nachspüren – staunen.

Was löst das aus, wenn Sie der Papa sind? Oder die Mama oder die Erzieherin? Was würden Sie als Kindergartenleiterin tun, die diese Situation im Hintergrund mitbekommt? Eingreifen? Das Heft in die Hand nehmen, für Klarheit sorgen?

Natürlich drängt jetzt die Zeit und natürlich können wir uns jetzt nicht auf unser Kissen setzen und uns in Stille und Innehalten üben. Jetzt zeigt sich, ob der Raum der Stille in uns (schon) groß genug ist, um all unsere Gedanken und Impulse, unsere Gefühle und unser Zucken, Reagieren-Wollen, womöglich unser „kurzen- Prozess-machen-Wollen“ anzuhalten.

Einen Moment innezuhalten, uns nochmal ganz einzulassen und vielleicht einer Intuition zu folgen. Das tut der Papa.

Er nimmt Martin tatsächlich mit zurück ins Auto, das vor dem Hoftor geparkt steht, schnallt ihn nochmal an, startet seinen Wagen und fährt durch das Tor noch ein Stück näher an den Kindergarten heran. Sie steigen aus, begrüßen fröhlich die Erzieherin. Die Erzieherin begrüßt Martin, der zieht sich Schuhe und Jacke aus, spaziert hinein und verabschiedet sich wie nebenbei von seinem Vater.

Innehalten, durchatmen, nachspüren – staunen. Was ist da passiert? Wir könnten jetzt 1000 Überlegungen anstellen und die Geschichte eingehend reflektieren. Meine Hochachtung für den Vater und die Pädagogin.

Zehnmal scheitern und sich freuen, wenn es einmal gelingt.

Für mich probierte es Martin mit einem Geniestreich namens Re-Start. Er drückte die Reset-Taste. Beim Computer klappt das manchmal, wenn gar nichts mehr geht. Manchmal nicht. Ein Hoch auf alle, die (berechtigte) Einwände und Handlungsimpulse loslassen konnten, um sich auf die Situation, so wie sie war, einzulassen, und achtsam einem Vierjährigen zu folgen.

Das ist kein Rezept für scheinbar ähnliche Situationen. Aber es ist ein beeindruckender Moment der Achtsamkeit mit Kindern. Gehen Sie auf die Suche nach Ihren Momenten! Der Alltag mit Kindern kann unglaublich spannend sein, erst recht in brenzligen Situationen. Zehnmal scheitern und sich freuen, wenn es einmal gelingt. Dort geht es weiter.

Steve Heitzer

Und wenn es kein Happy End gegeben hätte? Antworten und ein ausführliches Gespräch über „Martin und seinen Papa“ im Podcast von „Mit Kindern wachsen“ Folge 33 „Der vierjährige Therapeut“

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Steve Heitzer

Steve Heitzer ist Vater, Theologe, Achtsamkeitslehrer und Autor. Er lebt in Innsbruck und gibt seit 20 Jahren Kurse, Fortbildungen und hält Vorträge zur verschiedenen pädagogischen Themen, berät Eltern im Coaching und arbeitet zum Thema Achtsamkeit und Spiritualität. Hier kommen Sie zu seiner Seite.

Sein Buch "Kinder sind nichts für Feiglinge. Ein Übungsweg der Achtsamkeit" erschien 2016 im  Arbor Verlag. Mehr Infos zum Buch finden Sie hier.

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  • Kind am Radständer: view7 / photocase.de
  • Steve Heitzer: Sebastian Schieder