Kind Hängematte

Praxisbeispiel: Kindern Grenzen setzen?

Steve Heitzer ist Pädagoge und Achtsamkeitslehrer und zeigt anhand eines Praxisbeispiels aus dem Kita-Alltag: Bevor wir eingreifen oder regulieren lohnt es sich, nicht zu schnell zu beurteilen und zu bewerten, was Kinder tun.

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Zwei Kinder schaukeln in der Hängematte, Carina (5) hat schon mehrmals gefragt, ob sie mitschaukeln darf; hat aber leider immer eine Absage bekommen. Sie sitzt auf einem Fensterbrett, dem die Hängematte mit jedem Schwung nahe kommt. Sobald sie nah genug dran ist, tritt sie mit ihrem Fuß gegen die Hängematte.

Was würden Sie tun? Klare Sache, könnte man meinen: Carina tritt andere Kinder – klare Grenzverletzung.

Üblicherweise reagieren wir als Erwachsene sofort, zumal, wenn es so eindeutig scheint. Ich habe mir in meiner pädagogischen Arbeit im Kindergarten angewöhnt, mich nicht automatisch sofort einzuklinken, auch wenn es eindeutig scheint. Das trifft natürlich nicht auf Fälle zu, wo es gefährlich ist oder zu einem Übergriff kommt.

Aber ist es das hier nicht? Wenn man die Kinder nur so nebenbei „betreut“ und das Treten sieht und noch dazu mitbekommen hat, dass Carina gerne dabei wäre, aber nicht darf, liegt diese Beurteilung auf der Hand. Aber ich habe schon oft Kinder beobachtet, die scheinbar „treten“ und habe dabei gelernt, dass wir allein schon mit diesem Begriff falsch liegen, dass er uns auf eine falsche Fährte lenkt.

Wir verstehen zu schnell!

Immer wieder wird mir klar: Wir verstehen zu schnell! Anders gesagt: Beim Denken und Reden ist Schrittgeschwindigkeit lohnenswert. Es ist eine echte Herausforderung, hier Achtsamkeit zu üben, indem wir möglichst neutral hinschauen, um wahrzunehmen, was wirklich passiert, ohne zu urteilen. Oder, um nicht Unmögliches zu verlangen: Wenn wir schon urteilen, auch dieses Urteil wahrzunehmen.

Wir sind mitten im Kern dessen, was Achtsamkeit meint: Hellwache Aufmerksamkeit für alles, was passiert, einschließlich in unserem Denken. Wenn wir uns bewusst sind, was wir Denken – hier das Treten – dann können wir wieder dem genialen Tipp folgen: „Glaub nicht alles, was du denkst!“

Wenn ich nämliche genau hinsehe, sehe ich in Carinas Gesicht auch nicht Wut oder Ärger. Und sie stößt oder kickt auch nicht böswillig gegen die Hängematte. Wie dann? Ich hole ein bisschen aus.

Unsere Bewertung: Treten oder Strampeln?

Aus meiner Arbeit mit einem körperlichen Spiel mit Kindern (Ursprüngliches Spiel), kenne ich viele Situationen, die sich völlig unterschiedlich bewerten lassen. Gerade „Treten“ ist hier ein wichtiges Thema. Im Spiel mit ihnen, v.a. im spielerischen Balgen, landen Kinder oft vor mir, mit den Beinen und Füßen zu mir gerichtet.

Der erste und buchstäblich naheliegendste Reflex ist, dass sie in meine Richtung – ja, wie nennen wir es jetzt – treten oder strampeln? Merkst du den Unterschied – allein aufgrund des Begriffes, den wir verwenden? Dahinter steckt natürlich eine Bewertung, eine Beurteilung. Je nachdem, wie wir das Tun des Kindes beurteilen, wie wir es einordnen, reagieren wir vielleicht völlig unterschiedlich.

Die Geschichte mit Carina am Fensterbrett und Enja (ebenfalls 5 Jahre alt) in der Hängematte geht weiter: „Aua, hör auf“, empört sich Enja, die in der Hängematte sitzt.

Spätestens hier aber müssten wir doch eingreifen, oder?

Ich halte mich immer noch zurück. Ich bleibe bei meiner Wahrnehmung, ich spüre in Carinas Stoßen nicht wirklich Aggression. Enjas Empörung ist auch nicht ganz einzuschätzen und ich warte nochmal ab. Das „Spiel“ (?) geht weiter, Carina tritt immer wieder mit dem Fuß in die Hängematte, wobei sie jedes Mal frägt „Tut das weh?“

Enja empört sich jedes Mal wieder mit einem „Aua!“. Carina aber tritt jedes Mal weniger fest in die Hängematte, jedes Mal begleitet von ihrer Frage „Tut das weh?“, bis sie schließlich die Hängematte nur noch berührt und Enja immer noch mit „Aua!“ antwortet. Carina meint: „Komisch, das tut immer noch weh, obwohl ich sie nur berühre!“

Im Hintergrund, aber für die Kinder klar präsent sein

Ich bin froh, dass ich nicht eingeschritten bin, denn die Kinder konnten die Situation selbst regeln. Ich war zwar im Hintergrund, aber für die Kinder klar präsent. Enja hätte mich auch jederzeit zur Hilfe holen können, wenn sie wollte. Aber niemand brauchte mich. Auch das war ein wichtiges Indiz für mich, nicht einzugreifen. Oft genug bitten mich die Kinder ja auch um Unterstützung in so einem Fall.

Und wenn Enja Sie angesprochen und sich über Carina beschwert hätte? Was hätten Sie getan als Pädagog*in, als Mutter bzw. Vater?

Wieder ist es das Beschreiben, das hier für mich am adäquatesten ist. Ich hätte zu Enja sagen können: „Ich hör dich Aua sagen. Und wenn ich Carina zuschaue, kommt mir vor, dass sie eigentlich nicht fest gegen die Hängematte kickt, sondern eigentlich recht sanft. Und mit jedem Mal sanfter.“

Vermutlich würde sie dann sagen: „Aber es nervt! Es stört, wir wollen jetzt in Ruhe schaukeln!“ „Aha, es tut also nicht wirklich weh, du magst es nur nicht. Dann wäre es gut, wenn du das Carina so sagst!“

Kontaktaufnahme anstatt Grenzentesten

Was ist passiert? Worum ging es Carina? Was habe ich daraus gelernt?

Was Carina hier tat, war wie ein Forschungsprojekt. Sie war irritiert davon, dass Enja (mit der sie im Übrigen auch befreundet ist) zum Ausdruck brachte, es würde weh tun, wenn sie in die Hängematte trat. Carina machte eine Art Untersuchung zum Thema Kontakt, Enja machte eine Art Spiel daraus. Für beide war es vielleicht nicht ganz ernst.

Aber eines scheint für mich klar: Was für unseren Erwachsenenblick so eindeutig als „Grenzentesten“ aufgefasst werden konnte, würde ich viel eher als Kontaktaufnahme interpretieren. Carina suchte also keine Grenzen, sie suchte den Kontakt zu Enja, sie wollte ja gerne dabei sein.

Und noch ein Erkenntnisgewinn: Was wäre passiert, wenn Carina das Gleiche getan hätte, ohne allerdings immer wieder „tut das weh“ zu fragen? Stellen wir uns vor, sie wäre noch 1-2 Jahre jünger, dann hätte das genau so passieren können. Sie hätte immer wieder ohne Worte ihren Fuß in die Hängematte gedrückt, um herauszufinden, ab wann es weh tut.

Carina hätte das gleiche Experiment ohne Worte verfolgt, und für mich wäre es noch viel schwieriger gewesen, das zu sehen. Ich wäre noch mehr in der Gefahr gewesen sie „abzustellen“, weil sie die anderen stört oder gar „böse ist zu den anderen“. Ich hätte noch genauer hinschauen müssen, um wirklich zu erfassen, dass sie jedes Mal noch sanfter mit dem Fuß in die Hängematte tritt.

Es lohnt sich, nicht zu schnell einzugreifen, wenn nicht wirklich Gefahr in Verzug ist. Und es lohnt sich, nicht „zu schnell zu verstehen“, indem wir beurteilen und bewerten, was Kinder tun, was wir tun sollten und damit vielleicht nur un-hinterfragten Glaubenssätzen folgen. „Hellwach und mit lebendigem Interesse“ – das ist der Übungsweg der Achtsamkeit.

Steve Heitzer

 

Lesen Sie hier auch den theoretischen Basic-Artikel von Steve Heitzer zum Thema Grenzen:

Testen Kinder Grenzen?

Steve Heitzer ist Montessoripädagoge, mit (Fortbildungen bei Rebecca Wild, Jesper Juul u.a.) Theologe, Achtsamkeitslehrer . Er lebt in Innsbruck und arbeitet seit 20 Jahren mit Kindern. Er gibt Kurse, Fortbildungen und hält Vorträge zur verschiedenen pädagogischen Themen, berät Eltern im Coaching und arbeitet zum Thema Achtsamkeit und Spiritualität. Hier kommen Sie zu seiner Seite.

Sein Buch "Kinder sind nichts für Feiglinge. Ein Übungsweg der Achtsamkeit" erschien 2016 im  Arbor Verlag. Mehr Infos zum Buch finden Sie hier.

Bildquellen dieser Seite anzeigen

  • Kind in der Hängematte: Yvonne Haag / photocase.de
  • Steve Heitzer: Sebastian Schieder