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Selbstfürsorge im Kita-Alltag

Im Kita-Alltag ist es nicht immer einfach, sich selbst und seine Bedürfnisse wahrzunehmen, eigene Grenzen anzuerkennen und gleichzeitig freundlich auf die Kinder zuzugehen. Trainerin Barbara Leitner beschreibt, wie Selbstfürsorge die Situation entspannt.

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Daniela (Name geändert) begleitet als Erzieherin in einer Krippengruppe gemeinsam mit einer Kollegin acht Mädchen und Jungen zwischen ein und drei Jahren. Sie genießt das sensible Zusammenspiel mit den Jüngsten. Neulich jedoch verweigerte sich ein Zweijähriger. Als sie mit den Kindern rausgehen wollte, blieb er in der Bauecke sitzen und schien sie nicht zu hören.

Die Abwehr des Jungen brachte die erfahrene Fachkraft durcheinander. „Mein Herz schlug schneller und mir schoss das Blut in die Adern“, erinnert sie sich. Sie war im Stress. Entsprechend meldete sich bei ihr ein unbewusstes Muster: Sie wollte sich durchsetzen, den Widerstand des Kindes übergehen und es auf den Arm nehmen.

Sie kennt ihr eigenes Talent, mit lieblicher Stimme auf die Kinder einzureden und ihnen zu sagen, wie viel Spaß sie gleich bei der Sache haben werden, die sie will. „An dem Tag allerdings kam meine Kollegin zu mir und fragte mich freundlich, ob ich bereit sei, mit den anderen Kindern raus zu gehen“, berichtet Daniela.

Die Kollegin wollte an ihrer Stelle mit Paul reden. Die 40-Jährige bekam eine Auszeit geschenkt. Die Achtsamkeit der Kollegin für diese Situation ermöglichte Daniela innezuhalten und die Situation zu reflektieren. Das ist in der Regel die Voraussetzung, um nicht alte Muster zu wiederholen.

Achtsam werden für die inneren Impulse

Seit einiger Zeit thematisiert das Team Fragen der Mitbestimmung von Kindern entsprechend der Kinderrechtskonvention. Die pädagogischen Fachkräfte erkannten, dass sie als Erwachsene Macht abgeben müssen. Dazu gehört auch zu bemerken, wann sie machtvoll handeln und ihre Verantwortung missbrauchen und die Anliegen der Kinder übergehen.

Meist stehen Gewohnheiten dahinter. Nur wenige aus dem Team wurden in ihrer eigenen Kindheit nach ihrer Meinung gefragt. Ohne darüber nachzudenken, würden sie weitergeben, was sie selbst erfahren hatten. Deshalb entschied sich das Team zu üben, achtsamer für die eigenen Impulse zu sein. Eine große Herausforderung in einem beziehungsreichen Beruf.

Leichter erkennen häufig die anderen, wenn Kolleg:innen angespannt oder erschöpft sind, lauter im Ton werden oder unangemessen handeln. Im Team erklärte sich aus diesem Grund jede:r einverstanden, auf freundliche Weise angesprochen zu werden: ‚Brauchst du eine Pause? Willst du mal rausgehen? Ich kann mit den Kindern sein.‘

Genau an so einem Punkt befand sich Daniela. Die Hilfe der Kollegin gab ihr die Chance zu stoppen. Für einen Moment musste sie nicht weiter im Außen agieren. Vielmehr bekam sie die Gelegenheit wahrzunehmen, wie es ihr gerade geht und ihre innere Not zu spüren.

Noch immer ist es für viele pädagogische Fachkräfte fremd, sich dem eigenen Befinden achtsam zuzuwenden. Sie sehen ihre Aufgabe in der fürsorglichen Zuwendung zu den Kindern und nehmen sich selbst dabei nicht so wichtig.

Im Flugzeug heißt es: ‚Setzen sie sich selbst eine Atemmaske auf, ehe sie anderen helfen!‘ Diese Hinwendung zu sich selbst ist die Basis für alle Beziehungen. Wir können mit anderen Menschen nicht verständnisvoller sein, als wir es mit uns selbst sind.

Innere Balance für gute Beziehungen

Kinder in ihrer Offenheit und Unbedingtheit der ersten Lebensjahre begehren insbesondere die Unterstützung der pädagogischen Fachkräfte. Nur so können sie sich selbst, die anderen und die Welt verstehen. Dabei hängt das Maß der Resonanz, das die Fachkräfte den Kindern bieten können, davon ab, wie innerlich balanciert und ausgeglichen sie sind.

Sie selbst brauchen also einen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen, um die der Kinder aufnehmen und spiegeln zu können. Dazu gehört auch, wahrzunehmen, wann und warum sie aus der Balance fallen und getriggert sind. Erst dann werden sie sich selbst regulieren können und die eigene Mitte finden.

Dabei lohnt es sich, die Selbstwahrnehmung auf einige hilfreiche Aspekte zu richten. Da sind zum einen die Gedanken. Daniela beispielsweise schossen Urteile in den Kopf: Paul bezeichnete sie als dickköpfig, sich selbst sah sie als unfähig. Zum anderen die Gefühle: Daniela spürte Ärger in sich aufsteigen, hinter dem sich eine Hilflosigkeit verbarg.

Die deutlichsten Signale allerdings sendete ihr Körper. Sie spürte Anspannung, Enge, Unruhe. Diese Empfindungen werden oft als nicht angenehm empfunden und gerade deshalb schnell ignoriert. Dabei tragen sie eine wichtige Botschaft in sich. Sie verraten, dass einige unserer Bedürfnisse nicht (oder nicht ausreichend) erfüllt oder beachtet sind. Es ist dringend notwendig, uns selbst Mitgefühl zu spenden.

Nach einigen Arbeitsstunden in der Kita hatte Daniela Kraft verloren, brauchte Entspannung und Gelassenheit. Der direkteste Weg zu einer solchen Verbindung zu sich selbst ist es, zu stoppen, sich nach innen zu wenden und auf den eigenen Atem zu achten: Einige Minuten still zu sein und wahrzunehmen, wie der Atem ein- und wieder ausfließt, bringt uns in der Regel unmittelbar mit uns selbst in Kontakt und lässt uns offen sein, für das, was ist.

Muss eigentlich alles wie am Schnürchen laufen?

Das Innehalten schafft Raum für Selbstreflexion. So bemerken Erzieher:innen, wie sie sich im Kita-Alltag mit Erwartungen unter Druck setzen, alles müsse wie am Schnürchen laufen. Mitunter neigen sie dazu, nicht auf die Kinder zu hören und ihnen ihren Willen aufzuzwingen. Erst wenn Ruhe einkehren darf, kann man den Schmerz der Anspannung spüren. Wenn man nicht innehält, kann es geschehen, dass man den Schmerz unreflektiert weitergibt, in der Hoffnung ihn loszuwerden. Welch fataler Kreislauf.

Manchmal liegen noch andere Gefühle hinter dem Schmerz, zum Beispiel Traurigkeit. Daniela sah sich in einer Meditation als Sechsjährige, neben sich die Mutter, die nicht die Zeit fand, sich zu ihr im Spiel zu setzen, sondern loswollte. Ihr wurde bewusst, woher sie den inneren Antreiber hat und wonach er verlangt: anzuerkennen, dass er da ist und zu spüren: ‚Gerade bin ich angespannt, erschöpft oder ungeduldig.‘ Wenn sie diesem Empfinden innerlich Raum gibt, kann es sich wandeln.

„Ich muss gar nicht perfekt sein“, lachte sie über sich selbst. Ihr sei das Wichtigste, mit den Kindern einen guten Tag zu verbringen. „Wenn ich mir vor stressigen Übergängen einige Minuten für mich selbst gönne, kann ich mit den Kindern auch spielerischer in den Kontakt gehen und werde viel flexibler in meinen Verhalten“, so ihre Einsicht.

Sie könnte sich beispielsweise zu einem Kind wie Paul setzen und einen Moment mitspielen. Sie könnte sich mit den Kolleg:innen absprechen, wer draußen und wer drinnen bei den Kindern bleibt. Sie könnte auch darauf bestehen: Heute möchte ich, Paul, dass du mit uns rauskommst.

Verbunden mit ihrem Körper, ihren Gefühlen und Bedürfnissen und achtsam für sich wird sie eher ihre eigene Grenze wahrnehmen und sich darum kümmern können. Dann kann sie auch freundlicher auf die Kinder zugehen und in ihrem Handeln wirksamer sein.

Barbara Leitner

Buchtipp: Barbara Leitner: Gewaltfreie Kommunikation in der Kita: Wertschätzende Beziehungen gestalten – zu Eltern, Kindern, im Team und zu sich selbst, Jungfermann 2020.  Mehr Infos finden Sie hier.

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Barbara Leitner

Barbara Leitner ist Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation und arbeitet als Prozessbegleiterin, Trainerin und Coach in Berlin. Sie ist vor allem in Kitas (und Schulen tätig) und unterstützt die Teams darin, sich selbst und Kinder besser zu verstehen. Ihr Wunsch ist es, ein Zusammenleben auf Augenhöhe zu gestalten. Sie arbeitet für verschiedene Fachzeitschriften, koordiniert seit 2014 die Seite Kita-Fachtexte und ist Autorin des Buches "Gewaltfreie Kommunikation in der Kita". Mehr Informationen über Barbara Leitner finden Sie hier.

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  • Frau auf dem Sessel: A Girl with a Camera / photocase.de
  • Barbara Leitner: privat