blonder Junge

Wer bist du? Kinder achtsam wahrnehmen

Steve Heitzers Text ist eine Einladung an Eltern, sich ihrem Kind öfter mit Staunen und Offenheit zuzuwenden. Wenn wir achtsam innehalten, können wir unser Kind in einem anderen Licht sehen.

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Der Mensch ist ein Geheimnis. So auch unser Kind.

Schon vor und noch länger nach der Geburt begegnen wir diesem geheimnisvollen Wesen eine Zeit lang voller Staunen, Offenheit, Neugier. Doch wenn uns mit der Zeit der Alltag einholt, vergessen wir das Staunen manchmal.

Wenn wir im Alltag unser Kind nicht verstehen, hören wir uns vielleicht oft sagen „Ich versteh das einfach nicht! Warum musst du immer …?“ Das bringt dann unseren Ärger über sein/ihr Verhalten zum Ausdruck und auch unser Gefühl von Überforderung und Ohnmacht.

Je näher wir uns als Menschen sind, desto genauer meinen wir zu wissen – ja sogar bestimmen zu können, wer der andere ist und wie er oder sie sich zu verhalten hat. Desto mehr geht das Geheimnis verloren. Dann ist es gut, wenn es uns manchmal wieder einholt.

Tobin Hart erzählt in seinem Buch eine berührende Geschichte vom vierjährigen Levi [1].

Seine Eltern haben größte Schwierigkeiten mit ihm und versuchen seine Kindheit manchmal nur irgendwie zu „überstehen“, weil er ihnen so zu schaffen macht.

Als sie mit ihm zu einem Psychologen gehen, umarmt er danach seine Mutter und meint: „Ich finde unsere Familie einfach toll […] Seit wir dort [beim Psychologen] waren, glaube ich, dass es dich wirklich interessiert, wer ich bin.“ Seine Mutter erzählt weiter: „Später an demselben Abend spielten wir alle miteinander im Hotelzimmer Verstecken.

Plötzlich rief Levi: ‚Aufhören! Aufhören! Kurze Pause! Mama, mach die Augen zu! Du musst sie aber wirklich zu lassen. Ich habe eine große Überraschung für dich!’ Er machte eine ganz große Sache daraus. ‚Mach sie zu! Fertig? Hast du die Augen wirklich ganz fest zu?!’ Nachdem er die Spannung so weit in die Höhe getrieben hatte, sagte er schließlich: ‚Okay, Mama, hier kommt die Überraschung! Gleich geht‘s los! In Ordnung, Mama, du kannst die Augen jetzt aufmachen!’

Er hatte diesen unglaublichen Funken in den Augen. Es war, als betrachtete ich Levi, aber gleichzeitig fühlte er sich größer und anders an, und er sah aus, als sei er von einem silbernen Licht umgeben. Mit einem strahlenden Lächeln breitete er wortlos die Arme aus, dann legte er die Hände aufs Herz und sagte: „Ich bin‘s, Mama!“

Ich war völlig überwältigt. Tränen stiegen mir in die Augen, und ich hatte das Gefühl, als würde ich ihn mit völlig anderen Augen sehen. Ich drückte ihn und sagte: ‚Danke. Es tut mir wirklich Leid, dass ich so lange gebraucht habe, um dein wahres Ich zu sehen. Ich werde mein Bestes tun, um dir bei dem zu helfen, was du tun musst.‘

Er sah mich an und legte die Hände auf mein Gesicht. Und dann sagte dieser 4-jährige Steppke: „Danke, Mama, das habe ich gebraucht.“

Das Kind wie vor einem offenen Himmel sehen

Sobald sich für einen Moment der Nebel unserer Geschichten, Sorgen und Erwartungen an unsere Kinder lüftet, können wir ein Kind, einen Menschen wie vor dem offenem Himmel sehen, „von einem silbernen Licht umgeben“. Und seine Botschaft ist: Ich bin (es).

Mir ging es mit meinem ersten Kind so ähnlich wie den Eltern von Levi. Nicht weil Jonas so schwierig war, sondern weil meine eigene Bedürftigkeit und Überforderung oft groß waren, und weil ich mir schwer tat, die Schutzmauern um mein Herz zu durchbrechen.

Eines Tages aber sah ich ihn in einer Alltagssituation plötzlich in einem anderen Licht. Daraus entstand ein Text und später ein Lied:

Du, Jonas, ich sehe dein Gesicht noch vor mir, hell erleuchtet.

Du bist gewachsen, merkte ich. Wer bist du?

Du hast gar nicht gemerkt, dass ich dich eine ganze Weile angesehen habe, während du voller Aufmerksamkeit und Vergnügen deiner Cousine zugehört hast, als sie diese lustige Geschichte erzählte, die uns alle zum Lachen brachte.

So hab ich dich noch nie gesehen. Ich schau dich so selten an.

Das tut mir leid und schmerzt mich. Ich seh dich so selten losgelöst von meinen Dingen, meinen Erwartungen, meinen Anforderungen, meinen Bedürfnissen, meinen Vorstellungen wie die Dinge zu sein haben. Wie du zu sein hast.

Ich seh dich so selten wie du bist, vielmehr seh ich dich wie ich bin.

Du hast recht, wenn du dich dagegen zur wehr setzt. Du bist nicht verkehrt.

Ich bin leider noch viel zu gefangen. Es ist meine Aufgabe mich davon zu lösen, nicht deine, meinen Gefangenheiten zu entsprechen. Ich will loslassen um dich nicht zu verlieren. Dich anzuschauen, ist ein guter Anfang. 

Du bist schön. [2]

Einfach sein

In der Natur fällt es uns oft leichter, einfach zu sehen, was ist. Uns an der Schönheit zu freuen und eine Umgebung zu genießen, die auch von uns nichts will.

Der Baum ist.

Die Erde ist.

Ich bin.

Natürlich haben wir Eltern viele Fragen. Wir brauchen füreinander aber maximal vorläufige Antworten. Mit ihnen können wir vielleicht leichter durchs Leben gehen. Doch die Frage darf wach bleiben, und das Geheimnis eines tieferen „Ich-bin“.

Da ist noch so viel Spielraum in uns allen. „Ich bin“ lässt uns und unser Kind frei. Wir müssen nicht gut, nicht böse sein, nicht brav, nicht ungezogen, nicht beeindruckend, nicht unbedeutsam, nicht klug, nicht dumm, nicht besser, nicht schlechter als…

Es ist, wie es ist. Ich bin, der ich bin. Geheimnisvoll und geliebt, bedingungslos. Vom Leben gewollt. Der Welt geschenkt.

Steve Heitzer

 

[1] Tobin Hart, Die spirituelle Welt des Kindes, Hugendubel Verlag Kreuzlingen/München 2007, S.180f.
[2] Auszug aus: Steve Heitzer, Kinder sind nichts für Feiglinge. Ein Übungsweg der Achtsamkeit, Arbor-Verlag 2016, S.70f.

Foto Steve Heitzer
Steve Heitzer

Steve Heitzer ist Vater, Theologe, Achtsamkeitslehrer und Autor. Er lebt in Innsbruck und arbeitet seit 20 Jahren mit Kindern. Er gibt Kurse, Fortbildungen und hält Vorträge zur verschiedenen pädagogischen Themen, berät Eltern im Coaching und arbeitet zum Thema Achtsamkeit und Spiritualität. Hier kommen Sie zu seiner Seite.

Sein Buch "Kinder sind nichts für Feiglinge. Ein Übungsweg der Achtsamkeit" erschien 2016 im  Arbor Verlag. Mehr Infos zum Buch finden Sie hier.

Bildquellen dieser Seite anzeigen

  • Junge am Holzpfosten: TMA99 / photocase.de
  • Steve Heitzer: Sebastian Schieder