Wird alles wieder gut? – Kinder, Krieg und Achtsamkeit

Leben ist Freude und Leid, hell und dunkel, Leben bleibt unverfügbar, ein Geheimnis, das uns auch manchmal sehr zu schaffen macht. Steve Heitzer ermutigt uns den Schmerz nicht zu vermeiden, sondern zu integrieren.

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Nach der Pandemie nun der Krieg. Wir müssen und sollten mit unseren Kindern nicht alle Nachrichten teilen, und auch nicht all unsere Gefühle und Gedanken. Aber es ist wichtig, mit ihnen ehrlich zu sein. Wir haben nicht für alles Antworten. Was wir nicht wissen, was wir nicht verstehen, können wir lernen anzunehmen. Wie geben wir unseren Kindern Halt und Orientierung? Indem wir selbst danach fragen, was uns Halt und Orientierung gibt. Uns öffnen für die Fragen, die Leben und Welt an uns stellen, und unsere Zugänge pflegen zu der Erfahrung, verbunden und geborgen zu sein.

Wir haben zwar im Alltag mit Kindern sehr wohl auch mit Frustration, Schmerz, kleineren oder größeren Dramen zu tun, aber wir vermeiden eine tiefere Auseinandersetzung mit den Themen Schmerz und Leid. Viele Erwachsene tun sich schwer mit Gefühlen – mit den eigenen und damit auch mit den Gefühlen ihrer Kinder. Schmerz wird oft „vermieden“, indem wir Kinder schnell mal ablenken, indem wir uns irgendwie „drüberschwindeln“. Dabei könnten wir daran wachsen. Wir selbst und unsere Kinder. (1)

Leben stößt an Grenzen und geht darüber hinaus

Gerade jetzt lässt uns die Großwetterlage des Krieges kaum eine Wahl. Natürlich können wir auch jetzt diese wichtigen Fragen des Lebens weiter ausblenden, aber es lohnt sich, uns einzulassen auf dieses große Lernfeld – für uns selbst und unsere Kinder: Leben stößt an Grenzen.

Leben ist ständige Veränderung. Leben ist Freude und Leid, hell und dunkel, Leben bleibt unverfügbar, ein Geheimnis, das uns auch manchmal sehr zu schaffen macht. Leben stößt an Grenzen. Und geht darüber hinaus. Menschen haben in Religion und spirituellen Traditionen immer Verbindung und Anhaltspunkte für ein Leben gesucht und gefunden, das jenseits unserer jeweiligen  Lebensumstände Heil, Zuflucht und Halt gewährt. Unsere irdische Existenz aber bewegt sich immer in Umständen, die wir nie ganz kontrollieren können, und manchmal gar nicht.

Wir haben unser Leben nicht in unserer Hand, unter Kontrolle, auch wenn wir vieles tun können, damit unser Leben gelingt und Freude bereitet. Es ist eine Tatsache, dass früher oder später Unheil und Leid durch unser Fenster schauen, oder mit voller Wucht in unser Leben hereinbrechen.

Als meine Tochter mit fünf Jahren ihre beste Freundin verlor, die innerhalb weniger Tage an einer tückischen Krankheit starb, musste sie mit uns allen fassungslos hinnehmen, dass wir auch hier in Österreich nicht in einer heilen Welt leben. Da stehen wir vor den dunklen Geheimnissen des Lebens, und dürfen weinen und traurig sein und verzweifelt mit ihr und den Eltern ihrer Freundin und mit all den ungläubigen und schockierten Freunden im Kindergarten, aber wir können nichts tun.

Und wir müssen uns damit anfreunden, nichts zu wissen und nichts zu verstehen. Damals wurde mir auch klar, wie bitter es sein kann, wenn manche daran festhalten, man hätte etwas verhindern können, wenn man nur „positiver gedacht“ hätte. Oberflächliche Formen von Spiritualität blenden manchmal die Zerbrechlichkeit des Lebens aus und können sogar zum Bumerang werden. Das Leben fordert uns heraus, über das Denken ganz hinauszugehen, und alles Machbare hinter uns zu lassen.

Achtsam mit der dunklen Seite des Lebens

Aktuell stehen Flucht und der gewaltsame Tod von Erwachsenen und auch Kindern in der Ukraine  auf der Tagesordnung eines weiteren grausamen Krieges. Diese Kriege haben Ursachen und Verursacher, die benannt und verantwortlich gemacht werden müssen. Aber die dunkle Seite des Lebens geht weit über die Frage hinaus, wer sich schuldig macht. Sie fordert von uns eine Auseinandersetzung mit Fragen, die unser Leben grundsätzlich beeinflussen, und damit auch unsere Kinder und ihr Leben.

Wie verhalten wir uns zu Angriff und Vergeltung, Gewalt und Verteidigung? Ist Kampf notwendig? Was macht Hass mit den Menschen? Gibt es Gut und Böse in uns allen? Bin ich bereit, das Leben anzunehmen, wie es ist, hell und dunkel? Bin ich bereit, neben Widerstand und Kampf auch die Kunst der Hingabe zu lernen?

Wir können auch mit unseren Kindern überlegen, was wir tun und wie wir helfen können. Gleichzeitig müssen wir immer wieder einsehen, dass wir mit unserem Tun an Grenzen stoßen. Können wir dem Leben sein Geheimnis lassen? Und können wir uns selbst „ent-lassen in dieses Geheimnis“? (2)

Im Umgang mit Leid und Unheil in der Welt verbirgt sich eine ganze „Spiritualität“. Die großen religiösen und spirituellen Traditionen der Menschen aller Zeiten mussten sich mit dieser Frage auseinandersetzen. Ein ungemein kraftvolles und zutiefst bewegendes Beispiel ist das Zeugnis der jungen holländischen Jüdin Etty Hillesum. Schmerz und Leid gehören zum Leben hier auf Erden. „Entscheidend ist letzten Endes, wie man das Leiden, das in diesem Leben eine wesentliche Rolle spielt, trägt und erträgt und innerlich verarbeitet und dass man einen Teil seiner Seele unverletzt über alles hinwegrettet.“ (3)

Wird alles wieder gut?

Wir hätten gerne schnell wieder alles gut. Schon im Alltag wollen wir Störungen beseitigen, um schnell wieder unsere eigentlichen To do‘s abzuarbeiten. Konflikte wollen wir schnell lösen, damit die Kinder wieder fein spielen können, und wir wieder unserer Arbeit nachgehen können. Solch große „Störungen“ und Konflikte wie der Krieg lassen sich nicht „schnell weg-machen“. Wird alles wieder gut? Nein, in der Ukraine jedenfalls nicht; und was die Auswirkungen für uns alle betrifft auch nicht. Und schon gar nicht schnell.

„Das Leben ist wundervoll und schrecklich zugleich. Achtsamkeit und Meditation bedeuten, „mit beiden Aspekten des Lebens in Berührung zu sein“, schrieb der vietnamesische Meditationslehrer Thich Nhat Hanh. Um diese Spannung auszuhalten, brauche wir sozusagen „dahinter“ eine Verbindung tief nach innen und weit nach außen. Eine Orientierung jenseits von Gut und Böse. Verbundenheit, die tragfähiger ist als das, woran wir im Alltag unser Leben festmachen.

Es gibt Bilderbücher, die unser bedrohtes Leben einfangen, und gleichzeitig Trost geben. In seinem Buch „Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd“ zeichnet Charlie Mackesy wunderbare Bilder und bringt mit wenigen Worten beide Aspekte des Lebens zum Ausdruck, hell und dunkel. Die vier Freunde erfahren auch Bedrohung, Zerbrechlichkeit und Angst. Und doch schimmert hinter allem Geborgenheit und echter Trost.

„Wenn die dunklen Wolken kommen, geh weiter. Wenn euch die großen Dinge zu entgleiten scheinen, konzentriert euch auf das, was ihr liebt und was vor eurer Nase ist“, sagte das Pferd. Wir wissen nicht, was morgen ist […]. Wir müssen nur wissen, dass wir einander lieben.“

Steve Heitzer

 

1)    In meinem Buch „Kinder sind nichts für Feiglinge. Ein Übungsweg der Achtsamkeit“ beschreibe ich im Hauptteil neun Übungen, wie wir Achtsamkeit mitten im Alltag mit Kindern praktizieren können. Neben aufwachen, nicht tun, nicht urteilen usw. nenne ich eine dieser Übungen leiden.  Arbor-Verlag 2016, S.101-114.

2)    Fulbert Steffensky, Schwarzbrot-Spiritualität, Stuttgart, Radius-Verlag 2006, S.37.

3)    Etty Hillesum: Das denkende Herz der Baracke. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943. Freiburg, Herder-Verlag 2022, S. 198.

Steve Heitzer ist Montessoripädagoge und besuchte Fortbildungen bei Rebecca Wild, Jesper Juul u.a. Er ist Theologe, Achtsamkeitslehrer und arbeitet seit 20 Jahren mit Kindern. Steve lebt in Innsbruck und gibt Kurse, Fortbildungen und hält Vorträge zur verschiedenen pädagogischen Themen, berät Eltern im Coaching und arbeitet zum Thema Achtsamkeit und Spiritualität. Hier kommen Sie zu seiner Seite.

Sein Buch "Kinder sind nichts für Feiglinge. Ein Übungsweg der Achtsamkeit" erschien 2016 im  Arbor Verlag. Mehr Infos zum Buch finden Sie hier.

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  • Abstrakter Hintergrund: Tatyana Aksenova / photocase.de
  • Steve Heitzer: Sebastian Schieder