Prof. Andreas de Bruin

Hochschulkurs „Achtsam promovieren“

Prof. Andreas de Bruin bietet an der Hochschule München den Kurs „Achtsam Promovieren“ an und berichtet im Interview, dass die Doktorand*innen durch die Achtsamkeit zu mehr Gelassenheit und einem starken Willen finden können.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Viele Doktorand*innen stehen unter einem enormen Druck. Daher ist es wichtig, Achtsamkeit in Hochschulen auch speziell für Promovierende anzubieten, findet Prof. Andreas de Bruin, den das Thema schon lange beschäftigt, privat und auf wissenschaftlicher Ebene.

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Interview, erschienen in der „Zeitschrift für Beratung und Studium“. Das komplette Gespräch finden Sie am Ende dieser Seite als Pdf zum Download.

Das Gespräch führte David Willmes

Seit mehr als zehn Jahren forschen und lehren Sie zu Achtsamkeit. Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Prof. Andreas de Bruin: Achtsamkeit hat mich schon immer begleitet. Ich komme aus der schönen alten Stadt Delft in den Niederlanden, sie ist unter anderem bekannt für ihre malerische Altstadt, die Grachten, die wunderschönen Interieurs der alten Herrenhäuser, die Lichtspiegelungen am Himmel, die typischen Stapelwolken, den kraftvollen Wind …

Ich habe dies alles immer sehr bewusst und intensiv wahrgenommen, weil es mich so fasziniert hat. Für den Abschluss meines Erststudiums hatte ich Gelegenheit, ein halbes Jahr in der weltberühmten Delfter Porzellanfabrik zu arbeiten. Die Hingabe und Konzentriertheit der Künstler*innen dort beim Bemalen des Porzellans mit dem typischen Blau war sehr beeindruckend und inspirierend, ebenso die Atmosphäre in den verschiedenen Arbeitsräumen.

1991 habe ich dann zum ersten Mal Meditation als Technik kennengelernt und angefangen zu meditieren. Achtsamkeit und Meditation sind seitdem für mich zu einem inneren Kompass geworden und haben mir neben der Richtung auch die Kraft gegeben, meinen bisherigen Lebensweg zu gestalten.

Achtsamkeit ist eine innere Haltung.

Was bedeutet es, achtsam zu sein?

De Bruin: Eine eher allgemeinere Deutung von Achtsamkeit, die heute viel Verbreitung findet, beinhaltet, den jetzigen Moment in seiner Gesamtheit bewusst wahrzunehmen, nur zu beobachten, nicht zu bewerten. Auch eine Neugierde gegenüber alltäglichen Aktivitäten, die bereits eine gewisse Routine erhalten haben, spielt eine Rolle.

Für Jon Kabat-Zinn, einen der bedeutendsten Achtsamkeitspioniere unserer Zeit, ist Achtsamkeit eine besondere Art der Aufmerksamkeit, welche er Gewahrsein nennt. Entscheidend ist, dass man sein Vornehmen, achtsam im Alltag zu sein, nicht zu sehr verkopft und mechanisch ausführt. Nach dem Motto: Ich muss jetzt achtsam atmen, ich muss jetzt achtsam kochen, essen, kommunizieren. Achtsamkeit ist eine innere Haltung.

Meinen Studierenden und Promovierenden erzähle ich oft das Beispiel von Bronnie Ware, einer Australierin, die im Rahmen ihrer Hospizarbeit Sterbende befragt hat, was sie rückschauend auf ihr Leben bedauern. Heraus kam, dass viele der Befragten gerne mehr Gefühle gezeigt hätten, mehr Zeit mit Familie und Freunden verbracht hätten, nicht so viel gearbeitet und mehr den Mut gehabt hätten, das Leben so zu leben, wie sie es gerne gewollt hätten.

Wir haben jetzt noch die Möglichkeit, dies anders zu machen und Momente präsenter wahrzunehmen und zu erfahren.

Die Befragten hätten gerne mehr Gefühle gezeigt: Inwieweit gehört das Sich-Öffnen für Gefühle zur Achtsamkeit?

De Bruin: Achtsamkeit beinhaltet auch, den eigenen Gefühlen offener und wertfreier zu begegnen und sich nicht dafür zu verschließen. Zudem entsteht bei einer tiefen Achtsamkeit mehr Raum für das Herz. Unter den Achtsamkeits- und Meditationstechniken gibt es sogar eine ganz eigene Kategorie, bei der Mitgefühl und Verbundenheit im Mittelpunkt stehen – das sind die sogenannten Metta-Meditationen oder Meditationen der Liebenden Güte.

Bei den meisten Doktorand*innen entsteht mehr Gelassenheit kombiniert mit einem starken Willen.

Seit dem Sommersemester 2021 bieten Sie an der Hochschule München den Kurs „Achtsam Promovieren“ an. Warum ist es wichtig, ein Angebot speziell für Doktorand*innen zu schaffen?

De Bruin: Promovieren setzt einiges voraus: Aufmerksamkeit und Konzentration, Unterscheidungs- und Durchhaltevermögen, Umgang mit Stress und Versagensängsten, eine stabile Psychohygiene, Disziplin, Selbstwirksamkeit sowie Kreativität.

Studien haben gezeigt, dass Achtsamkeits- und Meditationspraktiken auf alle diese Merkmale eine positive Auswirkung haben. Wichtig ist jedoch, dass die vermittelnden Ansätze nicht nur deshalb ausgeführt werden, um bestimmte Effekte zu erzielen.

Es geht auch darum, mehr zu sich selbst zu finden und eine klare Sicht auf das zu erlangen, was man im Leben bewirken möchte. Bei den meisten Doktorand*innen entsteht mehr Gelassenheit kombiniert mit einem starken Willen, die Promotion zu einem erfolgreichen Ende zu führen.

Die Studienlage zur psychischen Gesundheit von Promovierenden ist besorgniserregend. Inwieweit kann Achtsamkeit zur Verbesserung der Situation beitragen?

De Bruin: Richard Davidson, ein Experte auf dem Gebiet der Emotionsforschung und zudem einer der führenden Achtsamkeits- und Meditationsforscher, geht davon aus, dass Menschen glücklicher sein könnten, wenn sie mehr Kontrolle über ihren Geist erlangen würden.

Davidson sieht vier Grundvoraussetzungen für einen gesunden Geist, und zwar das grundlegende Erkennen des Gewahrseins (awareness), die Verbindung zu uns selbst und anderen (connection), d.h. über Emotionen wie Mitgefühl, Güte, Dankbarkeit zu verfügen und dadurch mit der Umwelt in Beziehung treten zu können, drittens Einsicht in das eigene Selbst (insight) und viertens die Bestimmung im Leben (purpose) zu erkennen und das Verhalten daran auszurichten.

Zudem nennt Davidson vier wichtige Bausteine für das Wohlbefinden: Resilienz/Widerstandskraft (resilience), positive Lebenseinstellung (outlook), Aufmerksamkeit (attention) und Großzügigkeit (generosity).

Davidson sieht die Erforschung der Wirkmechanismen von Achtsamkeit und Meditation als einen wichtigen Schritt zu einem besseren Verständnis davon, wie wir einen gesunden Geist kultivieren und ein zufriedenes und erfülltes Leben führen können.

Ändert sich das Verhalten, so ändern sich auch Hirnstrukturen.

Sie nennen Experten und sprechen über die Forschung. Gibt es für die Wirksamkeit von Achtsamkeit und Meditation wissenschaftliche Belege?

De Bruin: Ja, in der Neurowissenschaft ist diesbezüglich sogar ein ganz neues Forschungsfeld entstanden, die kontemplative Neurowissenschaft. Ein wichtiger Bestandteil dieser Richtung ist die Neuroplastizität, die besagt, dass unser Gehirn das ganze Leben lang lernfähig ist und in Interaktion mit den äußeren Einflüssen sich wandelt und neu strukturiert.

Die Neurowissenschaftlerin Sara Lazar betont, dass Verhaltensformen mit Hirntätigkeiten zusammenhängen und dadurch wiederum auch mit Hirnstrukturen. Ändert sich das Verhalten, so ändern sich auch Hirnstrukturen.

Die bedeutendsten Befunde auf dem Gebiet der Achtsamkeits- und Meditationsforschung betreffen derzeit die selektive und exekutive Aufmerksamkeit, die Konzentration, die Emotionsregulierung, Mitgefühl und Altruismus, Körpergewahrsein, Konditionierungsabbau und sogar Zellalterung.

Neurowissenschaftliche Forschungen haben beispielsweise ergeben, dass manche Hirnregionen gerade dann eine höhere Aktivität ausweisen, wenn Testpersonen keine Aufgabe ausführen und sie sich in einer Ruhephase befinden. Diese im Ruhezustand aktiven Hirnregionen werden zusammen als Default-Mode-Netzwerk (Ruhezustandsnetzwerk) bezeichnet. Ein aktives Default-Mode-Netzwerk weist unter anderem auf das sogenannte Mindwandering, das Abschweifen der Gedanken, hin.

Da beim Mindwandering die ganze Psyche beteiligt ist, werden neben Gedanken auch Gefühle aktiviert. Im Falle von belastenden Gedanken und Gefühlen hat dies eine negative Auswirkung auf unsere Psychohygiene. Ein solch aktives Default-Mode-Netzwerk führt grundsätzlich dazu, dass man nicht wirklich auf den Moment fokussiert ist.

Forschungen belegen, dass bei Meditierenden die Aktivität des Default-Mode-Netzwerks verändert ist. Forscher*innen schließen daraus, dass Menschen, die Achtsamkeit und Meditation praktizieren, generell weniger durch Gedanken abgelenkt werden. Indem man nur beobachtet und nicht bewertet, lernt man, aufkommende Gedanken leichter loszulassen und nicht darin zu verharren. […]

Wer bin ich nun, diese äußere Person oder der innere Beobachter?

Man spürt Ihre Begeisterung auch für die Forschung. Blicken wir nun in die Praxis: Welche achtsamkeitsbasierten Übungen lernen Promovierende in dem Kurs?

De Bruin: Bevor ich die Übungsschwerpunkte nenne, würde ich gerne noch differenzieren, auf welcher Ebene wir uns jeweils bewegen. Stellen wir uns vor, dass wir uns im Spiegel betrachten. Diese Person – also ich selbst –, die ich im Spiegel sehe, hat ein gewisses Aussehen, ein Haarschnitt, eine spezifische Mimik, Kleidung etc.

Ebenso hat diese Person ein bestimmtes Verhalten. Und wie wir aussehen und uns verhalten, wird vor allem beeinflusst durch Konditionierungen, die wir uns im Laufe der Zeit angeeignet haben. Gleichzeitig bin ich auch derjenige, der diese Person und ihre Konditionierungen beobachten kann. Die Person im Spiegel kann sich immer wieder verändern, aber dieser innere Beobachter ist unabhängig von der äußeren Form. Wer bin ich nun, diese äußere Person oder der innere Beobachter?

Die Übungen, die wir durchführen, helfen, die Verbindung zwischen beiden Ebenen zu stärken. Um mehr im Augenblick präsent zu sein, lernen wir Alltagshandlungen wie etwa Kochen und Essen, Kommunizieren, Putzen und Gehen achtsamer auszuführen. Es sind die sogenannten informellen Achtsamkeitsübungen.

Wenn es darum geht, mehr Einsicht in unser Denken, Fühlen und körperliche Empfindungen und deren Wechselwirkung zu erlangen, sprechen wir von Achtsamkeits- und Einsichtsmeditation. Hier lernen wir beispielsweise die bereits genannte Körperübung, den Bodyscan, oder wir praktizieren eine Atemmeditation, bei der wir den Atem als Ankerpunkt nehmen und von dort aus unsere aufkommenden Gedanken und Gefühle lediglich betrachten, ohne sich weiter damit auseinanderzusetzen.

Dann gibt es die Meditationsformen der inneren Versenkung, die mit einem Meditationsobjekt, etwa einem Mantra, einem Bild, dem Punkt zwischen den Augenbrauen oder dem Atem, arbeiten. Ziel ist es, sich nur darauf zu konzentrieren, alles andere auszublenden, damit der menschliche Geist, die Psyche, immer ruhiger wird und das Denkvermögen sich statt nach außen nach innen richten kann und still wird.

Diese Formen der inneren Versenkung sind ein wichtiger Bestandteil der Achtsamkeits- und Meditationsangebote; sie verstärken die Verbindung zum eigenen inneren Kern und damit auch zur eigenen tieferen Intuition und Kreativität. Nicht zuletzt gibt es noch eine weitere Kategorie, die wir berücksichtigen: die Metta-Meditationen oder Meditationen der Liebenden Güte. Hier steht die Förderung von Empathie, Mitgefühl und Altruismus im Vordergrund.

[…] Lesen Sie hier das ganze Interview.

Das Interview erschien im März 2022 in der Zeitschrift für Beratung und Studium (ZBS), Ausgabe 2/2022, Bielefeld: UVW UniversitätsVerlagWebler, S. 14-17.

 

Andreas de Bruin, Porträt

Prof. Dr. Andreas de Bruin lehrt an der Hochschule München und im Rahmen von Bildungskooperationen zusätzlich an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und der Technischen Universität München (TUM). Seine Hauptfelder in Forschung und Lehre sind Achtsamkeit und Meditation und deren Auswirkungen auf physischer, emotionaler, kognitiver und sozialer Ebene. Er unterrichtet zudem bewusstes Wahrnehmen in der Malerei und in der klassischen Musik; weitere Fächer sind Hochbegabung sowie Kreativität im Allgemeinen.

Bereits 2010 startete er die Initiative „Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext – Das Münchner Modell“. Mehr dazu hier.

 

Lesen Sie hier weitere Beiträge zur Arbeit von Andreas de Bruin:

Achtsamkeit in die sozialen Berufe integrieren

Die Brücke nach innen

 

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  • Andreas de Bruin mit Klangschale: Johanna Weber
  • Andreas de Bruin: Johanna Weber