Foto Lisa Viehoff

Foto aus dem Film Teachers For Life.

„Ich will mehr als nur Fachwissen vermitteln“

Lehrerin Lisa Viehoff will Schüler:innen in ihrer persönlichen Entwicklung unterstützen. Sie spricht im Interview über Lehrkräfte als Lernbegleiter, die Bedeutung der Achtsamkeit und ihre Vision einer Schule der Zukunft.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Lisa Viehoff ist Lehrerin an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ), das als „Schule im Aufbruch“ ein alternatives Unterrichtskonzept entwickelt hat. Sie ist eine der Protagonistinnen im Film Teachers For Life des AVE Instituts.

Das Gespräch führte Sarina Hassine.

Frage: Frau Lisa Viehoff, sind Sie selbst gerne zur Schule gegangen?

Lisa Viehoff: Ja, ich bin tatsächlich gerne zur Schule gegangen. In der Grundschule war ich sehr schüchtern, das ganze Soziale hat mich überfordert. Aber ab der 8. Klasse bin ich sehr gerne hingegangen. Ich hatte in den Leistungskursen ganz tolle Lehrerinnen, die viel Spaß am Beruf hatten.

Frage: Heute unterrichten Sie selbst – aber mit besonderen Methoden. Wann haben Sie entdeckt, dass sie anders unterrichten möchten als z.B. mit dem klassischen Frontalunterricht?

Viehoff: Mein Gymnasium, auf das ich gegangen bin, war ein ganz klassisches. Mit diesem Bild – so ist Schule, so ist man eine Lehrkraft – habe ich mein Studium begonnen. Aber an meiner Uni in Greifswald gab es dann eine Professorin, die uns ermöglicht hat, in Kooperation mit einer Versuchs-Schule ein sogenanntes „Lernbüro“ einzurichten.

Ein Lernbüro funktioniert so, dass die Schüler:innen selbständig lernen, und man ist „nur noch“ Lernbegleiter:in. Man ist nicht mehr die Person, die vorne steht und sagt, wie es geht, sondern die Kids arbeiten selbst. Wir unterstützen sie und besprechen  mit ihnen: Welches Level ist dein richtiges, wie kannst du dich fördern usw. Das fand ich faszinierend und ich dachte sofort: Das ist mein Weg.

Wie würde die perfekte Schule aussehen, wenn man alles erträumen darf?

Frage: Wie ging Ihr Weg dann dann weiter?

Viehoff: Ich habe an der Uni ein Tutorium für interkulturelle Pädagogik geleitet – hier geht es um Softskills wie Respekt und Toleranz, Achtsamkeit im Umgang miteinander. Man lernt auch, wie man Verbundenheit wirklich lebt. Da merkte ich, dass ich eine Schule brauche, in der ich mehr mache als nur mein Fachwissen – also Englisch und Geografie – weiterzugeben.

In dem Tutorium hatten wir die Aufgabe, die perfekte Schule zu gestalten: Wie würde diese aussehen, wenn man alles erträumen darf? Dazu habe ich mir Schulen in Deutschland herausgesucht, die Dinge anders machen, und bin immer wieder auf meine jetzige Schule dabei gestoßen, die ESBZ. Plötzlich gab es dort eine offene Stelle mit genau meiner Fächerkombination. Jetzt bin ich an der Schule und mega-glücklich da.

Frage: Welchen Einfluss hat die Achtsamkeit auf Ihr Lehrerin-Sein?

Viehoff: Ich mache viel Yoga und meditiere. Bei Vera Kaltwasser habe ich gelernt, Übungen in den in den Unterricht zu integrieren. Mir selbst hilft die Praxis sehr bei der Impulskontrolle, beispielsweise in Situation die Ruhe zu bewahren, wenn einen Schüler:innen provozieren, dass man nicht Sachen sagt, die man dann später bereut. Achtsamkeit hilft mir auch sehr, mich selbst in meiner Rolle als Lehrkraft zu reflektieren und mich zwischendurch kurz zu fragen: Will ich eigentlich so sein, ist das richtig wie ich das mache? Wenn Schüler:innen emotional werden, hilft mir die Praxis, mich einfühlen zu können, es nicht persönlich zu nehmen, sondern zu sehen, ok da hat gerade jemand ein Thema.

Im Moment merke ich auch, dass ich den Fokus meiner Arbeit nochmal verändern möchte. Im Herbst mache ich eine Weiterbildung zum Thema „Emotion und Kommunikation“. Ich möchte schauen, wie kann ich diese ganzen Kompetenzen, die für das Leben wichtig sind, eigentlich vermitteln: Wie gehe ich mit meinen Gefühlen um, wie kommuniziere ich richtig? Was ist Wut und wie gehe ich damit um? Was ist eigentlich Liebe? Das sind Softskills, die ganz vielen Kids fehlen. Das möchte ich in Schule tragen und nicht mehr nur stundenlang Rechtschreibfehler korrigieren.

Man lernt am besten, wenn Lernen mit Emotionen verknüpft ist.

Frage: Als Sie den fertigen Film TEACHERS FOR LIFE gesehen haben, gab es eine Szene im Film, die Sie besonders beeindruckt oder berührt hat?

Viehoff: Ja, ich bin ja sehr naturverbunden. Ich fand diese Szene toll mit der Schulklasse vor den Bergen, dahinter das Tal, der Schwenk der Kamera auf die Kinder. Ich fand das so magisch. Zum einen ist das einfach schön. Und zum anderen dachte ich, wie cool ist es, dass das Schule ist! Das auch das Schule sein kann. Am liebsten hätte ich das auch sofort mit meiner Klasse unternommen!

Frage: Wem würden Sie den Film gerne zeigen?

Viehoff: Ich würde den Film gerne mit Student:innen schauen. Der Film berührt das, was mir damals durch den Kurs mit dem Lernbüro ermöglicht wurde. Er zeigt, ihr müsst gar nicht den klassischen Weg „Einstieg – Erarbeitung – Sicherung – Transfer“ gehen. Man kann es auch anders machen und dabei trotzdem so viel lernen, weil man eh am besten lernen kann, wenn Lernen mit Emotionen verknüpft ist.

Frage: Der Film transportiert, dass Lernen besonders gut funktioniert, wenn die Beziehung stimmt. Wie erleben Sie das in der Praxis?

Viehoff: Das kann ich 100 Prozent unterschreiben, und die Beziehung ist auch mir sehr wichtig. Wir haben hier an der Schule das Tutor:innen-System. Wenn man als Lehrkraft in einer Klasse ist, hat man die Hälfte der Klasse als „Tutis“. Man trifft sich einmal die Woche und setzt sich mit jedem Kind 15 Minuten zusammen und spricht einfach miteinander. Über schulische Themen, aber auch über alles andere, wo es ihnen gut geht und wo nicht, was sie interessiert und beschäftigt. Ich versuche auch, etwas von mir zu erzählen. Und ich nehme die Kinder und ihre Probleme ernst.

Ich merke sehr stark, dass der Unterricht in Klassen, in denen ich Tutis habe,  viel besser klappt. Es fällt mir viel leichter, es fällt auch den Kindern viel leichter. Wir sind miteinander verbunden, weil wir ein bisschen was voneinander wissen, weil wir uns in gewisser Weise vertrauen und irgendwie auf Augenhöhe sind. Der Umgang miteinander ist ein ganz anderer.

In Klassen, in denen ich nur einmal die Woche unterrichte, fällt es mir viel schwerer, diese Beziehungsebene zu erreichen und der Unterricht verläuft dadurch auch viel zäher. Das finde ich so faszinierend.

Man muss schauen, was brauchen die Kids gerade, und das ist nicht immer, welche Hauptstädte gehören zu welchen Ländern.

Frage: Welchen Tipp würden Sie Kolleg:innen oder auch Berufsanfänger:innen geben wollen?

Viehoff: Ich glaube, es ist gut, den eigenen Unterricht nicht zu wichtig zu nehmen. Es ist gefährlich, sowas zu sagen. Viele Lehrkräfte würden jetzt aufschreien. Aber wie oft hatte ich Schulstunden perfekt vorbereitet und dann ist etwas ganz anderes dazwischen gekommen. Ein Vorfall in der Pause oder die Kids haben ein Thema mitgebracht.

Und da dann einfach zu sagen: Ich gebe den Raum dafür, da reden wir jetzt drüber, das war dann immer sehr gut. Und manchmal bekommt man das Unterrichtspensum auch in den letzten 25 Minuten hin, weil alles geklärt ist und man in gutem Kontakt ist. Wenn das nicht der Fall ist,  klappt der Unterricht in den Folgestunden harmonischer, denn wir haben etwas für die Beziehung getan. Man muss schauen, was brauchen die Kids gerade, und das ist nicht immer, welche Hauptstädte gehören zu welchen Ländern.

Wir Lehrkräfte sind auch dazu da, Kompetenzen zu vermitteln, das vergisst man so schnell. Die Berliner Rahmenlehrpläne sind jetzt kompetenzoriertiert. Das heißt, es stehen nur noch die Kompetenzen drin, die man vermitteln soll, und dann Beispiele, an welchen Inhalten kann man das machen. Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Kinder alles an inhaltlichem Wissen auch im Internet finden können. Es geht nicht nur um Fachwissen, sondern auch um ganz viel anderes.

Frage: Sie sind vor wenigen Monaten Mutter geworden. Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Kindes?

Viehoff: Ich habe einen großen Wunsch. Viele Menschen kommen zur Achtsamkeit, weil wir gesellschaftlich an einen Punkt gekommen sind und nicht mehr weiter wissen. Die Achtsamkeit hilft uns, uns zurück zu besinnen auf Dinge, die eigentlich mal in uns waren: Die eigenen Gefühle wahrzunehmen, wertschätzend mit sich selbst umzugehen, völlig im Moment zu sein – Dinge, die uns so fehlen in unserem hektischen Alltag.

Und dafür ist die Achtsamkeit der Schlüssel. Ich sehe gerade bei meinem kleinen Sohn, dass der das kann. Und ich frage mich manchmal, wer lernt hier eigentlich von wem? Offensichtich konnte ich das alles auch einmal und habe es vergessen oder verlernt. Jetzt muss man sich mühsam wieder da heran arbeiten.

Ich würde mir wünschen, dass ich und alle Menschen, die ihn in seinem Leben begleiten werden, ihn darin unterstützen, dass das erhalten bleibt. Dass er die Verbundenheit, die er jetzt gerade so lebt, auch in sein Leben trägt. Und ich bin super motiviert, ihn dabei zu unterstützen.

Hier finden Sie mehr Infos zum Film TEACHERS FOR LIFE.

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