Kinder meditieren

Plädoyer für eine achtsame Schule

Für Adrian Bröking ist die Achtsamkeitsarbeit in der Schule von höchster gesellschaftlicher Relevanz. Er hat selbst viel Erfahrung und beschreibt hier, wie eine achtsame Schulkultur aussehen könnte.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Die Neurowissenschaft hat in den vergangenen Jahren nachgewiesen, dass Achtsamkeit für den einzelnen Menschen wie auch für die gesamte Gesellschaft von größter Bedeutung sein kann: Menschen mit einer eigenen Praxis tun etwas für ihre eigene körperliche und geistige Gesundheit und zeigen mehr Empathie für ihre Mitmenschen.

Achtsamkeitsarbeit in der Schule ist von höchster gesellschaftlicher Relevanz. In unserer Zeit der Wissenschaftsgläubigkeit ist diese Erkennntnis sehr bedeutsam. Sie gibt allen Menschen, die wie ich daran arbeiten, Schule mit Achtsamkeit zu transformieren, eine wichtige Argumentationsbasis und eine sichere Grundlage für unser Handeln.

Aber wie machen wir es? Wie kann es gelingen, eine nachhaltige Achtsamkeitskultur in einer Schule zu etablieren? Nach einigen Jahren Erfahrungen damit stelle ich die folgenden Thesen als Zwischenfazit meiner Arbeit zur Diskussion.

Thesen zu Achtsamkeit in der Schule

Schule ist eine Gemeinschaft, in der Menschen (Lehrer:innen, Schüler:innen und Eltern) miteinander leben und arbeiten. Diese Gemeinschaft befindet sich in einer chronischen Krise, weil sie die Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht erfüllt. Sie steht unter permanenter Beobachtung, wird fortlaufend kritisiert und  durch Einflussnahme von außen willkürlich verändert.

Beobachtung, Kritik und Einflussnahme belasten die schulische Gemeinschaft sehr. Die Lehrkräfte, aber auch die Schülerinnen und Schüler fühlen sich überfordert und nicht wertgeschätzt. Viele reagieren auf weitere Reformvorschläge von außen zynisch oder zumindest mit einem grundsätzlichen Misstrauen.

Achtsamkeit kann man nicht erzwingen, ich kann niemanden von Achtsamkeit überzeugen. Ein Mensch muss sie erfahren, um ihre Bedeutung für sich selbst zu entdecken.

Achtsamkeit ist eine besondere Form der Wahrnehmung von Wirklichkeit, die erlernt werden kann und regelmäßig praktiziert werden muss, wenn sie nicht wieder verloren gehen soll.

Eine Achtsamkeitspraxis hat notwendigerweise zwei Komponenten: eine formale Praxis, in der ich die neue Form der Wahrnehmung wie in einer Art geistigem Fitness-Studio täglich trainiere, und eine informelle Praxis, bei der ich das Trainierte in meinen Alltag einfließen lasse und dann feststelle, wie ich mich Schritt für Schritt verändere.

Elemente einer achtsamen Schulkultur

Aufgrund dieser Überlegungen ergeben sich für mich die folgenden Elemente für eine achtsame Schulkultur:

Achtsamkeit für die Pädagog:innen

Lehrerinnen und Lehrer beeinflussen mit ihrem Handeln eine Schule nachhaltig. Insofern kommt ihnen beim Aufbau einer Achtsamkeitskultur eine besondere Bedeutung zu. Bei allen Angeboten für sie steht der Gedanke des „Sorgens für mich selbst“ im Vordergrund: „Mit Achtsamkeit kann ich etwas für mich tun, indem ich lerne, der Wirklichkeit, die ich nicht ändern kann, anders zu begegnen.“

Besonders interessierte Lehrerinnen und Lehrer werden ermuntert und finanziell dabei unterstützt, sich fortzubilden um Jugendliche anzuleiten.

Die praktizierenden Lehrerinnen und Lehrer treten in Austausch darüber, wie sie ihre tägliche Routinearbeit mit Elementen informeller Praxis transformieren und stützen sich so gegenseitig.

Alle Angebote für Lehrerinnen und Lehrer sind freiwillig.

Achtsamkeit für Schüler:innen

Lehrkräfte informieren ihre Klassen über das Programm. Eltern und Schüler:innen entscheiden gemeinsam, z.B. mit Zweidrittelmehrheit, über ihre Durchführung.

Vereinbarte Klassenprogramme sind für alle verpflichtend, aber zeitlich begrenzt. Dadurch wird gewährleistet, dass alle Schülerinnen und Schüler die Erfahrung der Achtsamkeit zunächst einmal ausprobieren. Anschließend können sie für sich entscheiden, ob das „etwas für sie ist“.

Besonders interessierte Schülerinnen und Schüler erhalten das Angebot, an einer wöchentlich stattfindenden Achtsamkeits-AG teilzunehmen.

Achtsamkeit gemeinsam praktizieren

In einer „achtsamen Schule“ haben Lehrer, Schüler und Eltern die Möglichkeit, Achtsamkeit regelmäßig formal zu praktizieren. Das könnte beispielsweise so aussehen, dass die Schule regelmäßige Angebote macht in Form von Einführungsveranstaltungen (z.B. viermal im Schuljahr), in denen die Grundlagen der formellen Praxis vermittelt werden oder (möglichst tägliche) kurze Zeitfenster für eine formelle Praxis zwischendurch, z.B. eine „achtsame Viertelstunde“ in der Mittagspause oder kurze Sitzmeditationen vor Konferenzen.

Ein Ziel der Programme besteht darin, kurze Achtsamkeitsrituale für den Unterricht einzuüben (z.B. fünf Minuten zu Stundenbeginn, drei Minuten vor einem Phasenwechsel …) .

Die Klassenprogramme sollten die Heterogenität der Klassen berücksichtigen, z.B. durch Übungsangebote für verschiedene Typen, etwa in Form von Achtsamkeit in Stille und in Bewegung.

Jeder Schritt, und sei er noch so klein, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Der erste Schritt ist der der eigenen Praxis. Wer Achtsamkeit praktiziert und die Schule zu seinem Ort der informellen Praxis macht, der verändert sich, und damit verändert er auch die Schule.

Soryu Forall, der Begründer des Jugendprogramms für Achtsamkeit „Mind the Music“, sagte mir einmal: „Gehe Schritt für Schritt und achte darauf, dass jeder Schritt, den du gehst, in sich stimmig ist und seine Daseinsberechtigung nicht erst durch den nächstfolgenden erhält.“

Adrian Bröking

Adrian Bröking ist Lehrer an einem Berliner Gymnasium. In einer Krise 2011 stieß er auf die Achtsamkeit und machte einen MBSR-Kurs. Seit 2012 integriert er Achtsamkeit in den Unterricht und macht Angebote für Schüler:innen und Kolleg:innen. Er betreibt einen eigenen Blog.

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  • Adrian Bröking: privat