Quo vadis, Meditationsforschung?

Bennet Lee Bergmann war auf der Konferenz für „Achtsamkeit in der Bildung“. Er fragt, wie Achtsamkeit und Bildungsrevolution zusammen gehen können und inwieweit die Achtsamkeitsforschung und -bewegung hier neue Fragen stellen müsste. Ein Kommentar.

PORTAL FÜR ACHTSAMKEIT IN DER PÄDAGOGIK

Seit mehr als zehn Jahren beschäftige ich mich mit der wissenschaftlichen Perspektive auf Meditation; vor sechs Jahren stieg ich dann selbst als Akademiker in das Feld ein. Damals schon wurde offensichtlich, dass insbesondere die Verbindung von Achtsamkeitspraktiken und Bildung ein besonders vibrierendes Thema ist.

In meiner Zeit in diesem Feld besuchte ich einige Kongresse, Expert*innen und Akteur*innen. Seitdem habe ich der institutionalisierten Wissenschaft zwischenzeitlich den Rücken zugekehrt und war deshalb sehr neugierig, was sich in meiner Abwesenheit getan hat, als ich die Konferenz für Achtsamkeit in der Bildung in Leipzig besuchte.

Achtsamkeit wirkt – oder?

Damals hatte ich vor allem zwei Eindrücke über dieses Forschungsfeld, in dem Bildung mit Achtsamkeit verknüpft wurde: Zum einen durchzog dieses Feld eine instrumentelle, objektivistische Perspektive, die für die Meditationsforschung sehr typisch war. Dabei wurde vor allem nach der Wirksamkeit von meditativen Praktiken gesucht. Die Ergebnisse waren dabei herrlich eindeutig.

Und so konnte leicht meine zweite Beobachtung ihre Rechtfertigung finden: Denn zum anderen konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Akteure in dem Feld zum Teil von einem missionarischen Eifer gepackt wurden. Es schien eine implizit geteilte Annahme zu sein, dass Meditation gut ist und deshalb in vielen Lebensbereichen und insbesondere der Bildung zum Einsatz kommen sollte. Ich teilte und teile diese Annahme – und doch entsteht eine gewisse Spannung, wenn sich Wissenschaft mit Reformbewegungen vermischt.

Vor diesem Hintergrund besuchte ich die Konferenz und war gespannt darauf, zu erspüren, ob diese Eindrücke immer noch Bestand haben und wie sich das Feld weiterentwickelt hat. Ein einzelner Kongresstag ist nur ein kleiner Einblick, insofern müssen meine (subjektiven) Beobachtungen mit Vorsicht genossen werden.

Es blieb für mich der Eindruck, dass das Feld von dem normativen Drang durchzogen bleibt. Während sich dieser Eindruck meist nur zwischen den Zeilen erahnen lässt, trat er manchmal auch deutlicher zu Tage. Etwa im dem Plenumsvortrag von Corina Aguilar-Raab, die einen Überblick über die Forschungsergebnisse gab. Als sie über Studien sprach, die keinen durchweg positiven Effekt der untersuchten Achtsamkeitsinterventionen an Schulen finden konnten, entfloh ihr der Satz „Es gibt auch Forschungsergebnisse, die anders sind als erhofft“. (vgl. MYRIAD – Scheitern oder Chance?)

Doch für einen solchen Satz sind keine Konsequenzen zu fürchten, da sich die Anwesenden ohnehin in ihrer  Reformmeinung einig sind. Und wie sollte sich ein Mensch mit einem halbwegs humanistischen Menschen- und Bildungsideal dem nicht anschließen? Denn dass die Achtsamkeits- und Mitgefühlspraktiken in vielerlei Hinsicht gut sind, wurde ja hinlänglich bewiesen.

Achtsamkeit zwischen Reform und Revolution

Grundsätzlich stört mich der normative Geschmack der Meditationsforschung überhaupt nicht. Ich hatte nie den Eindruck, dass wissenschaftliche Standards in Gefahr waren, und Forscher*innen, die für ihren Gegenstand brennen, sind sicher nicht verkehrt. Dabei ist jedoch wichtig, dass dieses motivierende Feuer bewusst gelebt und reflektiert wird.

Daher muss sich das Feld – und damit auch der Kongress – einer kritischen Bemerkung und Nachfrage stellen: Führt der Fokus auf die Implementierung von Achtsamkeitspraktiken dazu, dass andere dringende Veränderungsnotwendigkeiten ignoriert werden? Betäuben wir mit dem kleinen Hoffnungsschimmer einer ‚achtsamen Bildungsreform‘ die Wutkraft, die uns zu einer Bildungsrevolution treiben sollte? Und besonders perfide: Führt Achtsamkeit dazu, dass sich die Schüler*innen einem (vor-)gestrigen System anpassen, dessen Haltbarkeit längst überschritten sein sollte?

Mit Sicherheit führt Achtsamkeit dazu, dass sich das Bildungswesen mit weniger Systemsprengern und auffälligen Querulanten herumschlagen muss. Schüler*innen, Lehrkräfte, Studierende – sie alle „funktionieren“ besser mit Achtsamkeit. Doch die Frage, die dieser Kongress überhaupt nicht adressiert hat, lautet: Sollten wir dieses veraltete Bildungssystem überhaupt mit Achtsamkeitspraktiken unterstützen und evtl. retten? Sollten wir, bevor wir Achtsamkeit als Lösung präsentieren, nicht zunächst klären, was eigentlich die Frage sein sollte?

Subversive Systemänderung – reicht uns das?

Man kann natürlich der Meinung sein, das bestehende System wird sich durch die Einführung von Achtsamkeit und anderen kleinen Stellschrauben ausreichend verändern. Um diese Meinung zu unterfüttern, wird in erster Linie auf das subversive Potential von meditativen Praktiken hingewiesen. Gerade hier ist es wichtig, Verantwortung für die eigene normative Haltung zu übernehmen und sie konsequent weiterzuführen. Dadurch kämen neue und ganz spannende Fragen in den Vordergrund:

Wie kann der Einbezug von Achtsamkeit dazu führen, dass Menschen im Bildungssystem (trotzdem) zu einem gelingenden Leben finden? Wie können Achtsamkeitspraktiken bei den systemischen Umbrüchen, die (nicht nur) dem Bildungssystem bevorstehen, unterstützen? Welche Rolle können und sollen meditative Praktiken in einer Bildungsutopie einnehmen?

Es dürfte klar sein, dass die Erforschung und Beantwortung dieser Fragen den Rahmen einer eintägigen Konferenz sprengen würde. Und doch finde ich es auch wichtig, die pädagogische Achtsamkeitsforschung nicht nur als Selbstbestätigung zu betreiben, sondern sie in einen ganzheitlichen, kritischen soziokulturellen Kontext einzubetten. Achtsamkeit kann ein äußerst mächtiges Werkzeug sein. Gerade deshalb ist es wichtig, darüber zu reflektieren, zu welchem Zweck dieses Werkzeug eingesetzt wird.

Fazit: Aufbruchstimmung im Bildungssystem

Meine Teilnahme an der Konferenz “Achtsamkeit in der Bildung” war für mich sehr inspirierend und erkenntnisreich. Nicht zuletzt auch, weil ich den aktuellen Stand des Diskurses betrachten und beurteilen konnte, und mich selbst dann dazu positionieren konnte. Dass ich in diesem (recht persönlichen) Bericht über meine Unzufriedenheit über die fehlende Perspektive schrieb, soll nicht verhehlen, dass ich gleichermaßen auch große Sympathie für den Diskurs, seine Akteure und ihre Mission empfinde.

Denn in einer Welt, die uns leicht zu Resignation und Verzweiflung bringen kann, ist es auch ein schönes Zeichen, wenn Menschen zusammenkommen, die den Wunsch der Veränderung in sich tragen. So war der Kongress gleichsam auch von viel Hoffnung, Aufbruchstimmung und einem Gefühl, dass es auch anders gehen kann, geprägt.

Bennet Lee Bergmann

 

Bennet Lee Bergmann hat nach seinem Studium der Soziologie und Philosophie, und seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Weber-Kolleg in Erfurt, in der Pflege als persönlicher Assistent gearbeitet. Neben seinem Engagement für das evolve Magazin wirkt er noch als Autor über Meditation und das dialogische Leben und als Coach für gelingende Beziehungen. Seinen kompletten Bericht von der Konferenz lesen Sie hier.

Hier kommen Sie auf die Seite des evolve Magazins.

 

Ernte und Ausblick – Konferenz Achtsamkeit in der Bildung in Leipzig

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  • Quo vadis: go2 / photocase.de