Studie: Achtsamkeit als Therapie bei ADHS?

„Die Forschungsergebnisse belegen beträchtliche positive Therapieeffekte bei von ADHS betroffenen Jugendlichen“, erklärt Prof. Dr. Friedrich Linderkamp von der Universität Wuppertal. Im Interview spricht er darüber, wie Achtsamkeit den jungen Menschen helfen kann.

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Professor Friedrich Linderkamp ist Klinischer Psychologe und Psychotherapeut und hat an der Bergischen Universität Wuppertal den Lehrstuhl für Rehabilitationswissenschaften mit dem Schwerpunkt Psychologie inne. Er leitet zudem das dortige Entwicklungswissenschaftliche Ambulatorium für das Kindes- und Jugendalter.

Das Gespräch führte Maria Köpf

Herr Prof. Dr. Linderkamp, was untersuchen Sie derzeit?

Prof. Friedrich Linderkamp: Wir behandeln in unserem Ambulatorium Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen, insbesondere solche mit ADHS. Seit 1993 arbeiten wir in diesem Feld und probieren aktuell verstärkt neue Therapieprogramme aus, die besser helfen könnten.

Erzählen Sie uns doch etwas über ihr Pilotprojekt.

Linderkamp: Aus Erfahrung und aus wissenschaftlicher Perspektive weiß ich, dass kognitiv-verhaltenstherapeutische Trainings bei Kindern mit ADHS oft nur mittelstark wirken. Als ich 2019 begann, mich mit MBSR-basierter Therapie für diese Zielgruppe zu beschäftigen, stieß ich auf eine erstaunlich gute Studienlage (MBSR meint das Programm „Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion“ nach Jon Kabat Zinn).

Anschließend wollte ich die Wirkung bei Jugendlichen erproben. Meiner Doktorandin Paula Strack und mir war wichtig, dass das Programm entwicklungsangemessen ist. In Gruppen von drei bis vier Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren erzielten wir im Pilotprojekt gute Ergebnisse.

Diese Zielgruppe kann nicht die ganze Zeit auf einer Matte oder einem Stuhl sitzen.

Kam etwas besonders gut bei den Jugendlichen an?

Linderkamp: Gerade diese Zielgruppe hat mit sozialem Lernen eher Probleme. In Schulklassen gelten sie schnell als komisch oder anstrengend. Neben dem Austausch mit anderen Jugendlichen gefiel ihnen die Abwechslungsfreude bei den Achtsamkeitsübungen. Neben normalen Meditationen auf dem Stuhl kamen besonders Yogaübungen, Gehmeditationen im Freien und gruppenbezogene Übungen gut an. Diese Zielgruppe kann nicht die ganze Zeit auf einer Matte oder einem Stuhl sitzen. Wir ließen die Jugendlichen deshalb auch mal die Socken ausziehen und draußen das Kopfsteinpflaster erspüren.

Im kleinen Gruppensetting entstand durchaus eine Dynamik wie in einer Selbsthilfegruppe. Die Jugendlichen stellten fest „Ich bin nicht alleine mit dem, was ich habe“. Sie merkten, dass starke Unkonzentriertheit auch andere betrifft. Das wirkte extrem entlastend auf sie.

Welche Vorteile bietet Achtsamkeit bei ADHS?

Linderkamp: Bei einer ADHS gibt es Störungen in den Kardinalbereichen „sich nicht auf einen Punkt konzentrieren können“ und „sich nicht lange konzentrieren können“ und „sehr sprunghaft in den Gedanken sein“. Dadurch sind Betroffene sehr impulsiv, fahrig, vergesslich und zuweilen auch unruhig und aggressiv.

Das ist exakt das, was Achtsamkeit ausmacht: Man wird man angeleitet, sich zu fokussieren und zu regulieren sowie im Hier und Jetzt zu sein. Man lernt, sich und andere nicht sofort zu bewerten und verurteilen. Und immer weiter zu üben und am Ball zu bleiben.

Bei einem Schüler mit einer „ADHS plus generalisierter Lernschwäche“ zeigte sich, dass er schon in ersten Ansätzen begann, sich körperlich und emotional besser zu regulieren. Er übernahm die Achtsamkeitsübungen in seinen Alltag. Ich würde sagen, dass er geduldiger und nachsichtiger mit sich selbst wurde und dass er weniger mit sich haderte.

Viele Teenager mit ADHS glauben, man würde sie nur mögen, wenn sie eine Pille einnehmen.

Sich selbst zu akzeptieren und nach vorne zu schauen war der Schlüssel. Von dieser Haltung haben die Jugendlichen sehr profitiert. Es sind ja stark verunsicherte Teenager dabei. Viele glauben, man würde sie nur mögen, wenn sie eine Pille einnehmen, damit sie endlich normal sind.

Das, was wir gerade besprechen, entkräftet das pathologische Label, das man diesen Kindern zuweilen aufdrückt. Oft wird vorschnell unterschieden in „gesunde Kinder“ und „Kinder mit ADHS“ oder einer anderen psychischen Störung. Hier vergessen wir, dass gerade auch Aufmerksamkeitsstörungen ein Stück weit normal sind. Gerade Kinder und Pubertierende dürfen auch das Recht haben, verpeilt, unkonzentriert und hibbelig zu sein.

Daraus lassen sich bestimmt Empfehlungen für die Gesellschaft ableiten.

Linderkamp: Wir versuchten im Psychoedukationsteil und bei den Gruppenreflektionen auch zu erfragen, was die Kinder empfinden. Und oft kam heraus, dass sich der Stempel „ADHS“ für sie gar nicht so gut anfühlt. Hier setzen wir an. Wir sprechen hier über Respekt vor Diversität, das ist für uns eine zentrale Botschaft. Es gibt ja auch Studien, die gezeigt haben, dass ADHS-betroffene Kinder signifikant kreativer waren als andere. Wir wollen den Kindern vermitteln, dass sie nicht nur ein Kind mit ADHS sind. Sondern viele unterschiedliche Stärken und Schwächen haben.

Wann halten Sie Ritalin zur Therapie einer ADHS bei Kindern für angezeigt?

Linderkamp: Beim Thema Medikation greift die Diskussion, ob man das Medikament befürwortet oder ablehnt, viel zu kurz. Es gibt natürlich zugespitzte Krisensituationen, da wäre es ethisch schlichtweg nicht zu verantworten, dem System „Kind-Eltern“ eine solche Medikation vorzuenthalten. Dieses Medikament soll ja extreme Symptomspitzen nehmen, dafür ist es zugelassen. Aber keinesfalls kann es die Symptomatik heilen. Auch als Dauermedikation ist Ritalin nicht vorgesehen.

Der Hauptanlass für die Medikation ist ja vor allem die Hyperaktivität. Diese gibt sich vielfach bereits im Jugendalter. Das Hyperaktive und Impulsive spielt eine große Rolle bei den Grundschulkindern. Im Jugendalter verlagern sich die Probleme dann eher zu Beziehungsproblemen, Organisationsschwierigkeiten und ähnlichem.

Bei dem, was wir „Metakognition“ nennen, bekommen die Jugendlichen besonders Probleme. Hier geht es darum, sich quasi gedanklich neben sich zu stellen, sich anzuweisen oder über sich zu reflektieren, über Dinge, über Probleme… das wird mit zunehmendem Alter auch schulisch immer wichtiger. Deswegen sind Achtsamkeit und Selbstreflexion so hilfreich für sie.

Es ist wichtig, die Kompetenzen im Umgang mit ADHS zu stärken.

Können die Übungen helfen, langfristig weniger Medikamente nehmen zu müssen?

Linderkamp: Da würde ich eher dafür plädieren, dass man sich die Wirksamkeit differenziell genau anschaut. Ich persönlich finde die Aussagen beispielsweise eines Gerald Hüther in seinem Projekt mit der Illustrierten Stern extrem populistisch, der überspitzt gesagt ausdrückt „Treibt die Kinder die Alm rauf und runter, dann brauchen sie kein Ritalin mehr!“ Das finde ich geradezu fahrlässig. Man kann das Medikament für eine kurze Phase nehmen. Allerdings wissen wir, dass die Therapieeffekte aufhören, sobald man Ritalin absetzt.

Gerade darum ist es so wichtig, Kompetenzen im Umgang mit ADHS zu stärken. Hier geht es ums Üben, Sprechen und Reflektieren mit den Kindern. Nur so können wir sie aktiv in ihrer Entwicklung fördern. Eine Pille kann das nicht leisten. Von daher ist der Stellenwert der Medikation derzeit total überhöht, aber dennoch ist es gut, diese Option zu haben.

Liegt Ihnen noch ein Punkt am Herzen?

Linderkamp: Ich hoffe auf mehr Akzeptanz achtsamkeitsbasierter Therapien. Leider gab es bislang im Bereich jenseits der hergebrachten Therapien die blümerantesten Therapievorschläge, von „Zucker macht hyperaktiv“ bis „einfach mehr Sport treiben gegen ADHS“. Ich bin optimistisch, dass sich der Ruf von Achtsamkeitsübungen in der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie allein auf Grundlage bestehender empirischer Wirksamkeitsnachweise jetzt bessern wird.

Wir danken Ihnen herzlich für das Interview!

 

Linderkamp, F. & Lüdeke, S. (2019). Zur Wirksamkeit achtsamkeitsbasierter Therapie bei ADHS im Kindes- und Jugendalter – eine empirische Metaanalyse. Kindheit und Entwicklung, 28(2), 85-95.

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  • Prof. Friedrich Linderkamp: Institut für Bildungsforschung, School of Education