Kind und Gehirn

Was macht ein achtsames Gehirn?

Wenn wir Achtsamkeit üben oder meditieren, sind manche Gehirnregionen besonders aktiv, andere weniger. Neurowissenschaftler*innen wollen wissen: Was genau passiert dabei in unserem Gehirn? Dr. Stefanie Uhrig fasst zusammen, was wir bisher wissen.

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Sieht es in den Köpfen von Meditierenden anders aus als bei Menschen ohne Meditationserfahrung? Verändert sich durch Achtsamkeit dauerhaft etwas im Denkorgan?

Erkenntnisse aus dem Scanner

Die funktionelle Bildgebung (fMRT) ermöglicht so einiges. Wir können in Echtzeit sehen, wie aktiv oder ruhig die Gehirnregionen sind, während Menschen bestimmte Aufgaben erledigen oder die Gedanken schweifen lassen. Die Fähigkeit, praktisch beim Denken zuzuschauen, eröffnet für die Meditationsforschung viele Möglichkeiten.

Naheliegend ist der Vergleich von erfahrenen Meditierenden mit Laien. Tatsächlich fallen dabei Unterschiede auf: Beispielsweise im „Default-Mode-Network“ (DMN), einem Netzwerk von Nervenzellen, das besonders aktiv ist, wenn wir an nichts Bestimmtes denken oder über uns selbst reflektieren.

Das DMN scheint bei Menschen mit Meditationserfahrung weniger zu arbeiten. Möglicherweise lassen sie ihren Gedanken eben nicht mehr so viel freien Lauf. Allerdings, schränkt die Psychologin, Wissenschaftlerin und MBSR-Trainerin Britta Hölzel ein, wisse man nie so genau, ob der Effekt wirklich durch die Meditation kommt: „Entscheiden sich vielleicht gerade diejenigen Menschen für eine Meditationspraxis, deren Gehirn bereits vorher bestimmte Eigenschaften hatte?“

Vorher-nachher liefert Hinweise

Spannend ist es, direkter zu schauen, was sich durch Meditation verändert. Das geht etwa, indem Forschende das Gehirn der Teilnehmer*innen vor und nach einem Meditationskurs untersuchen. Wie in einer Studie, in der Teilnehmende sieben Wochen lang eine fokussierte Aufmerksamkeitsmeditation üben sollten.

Das österreichische Forschungsteam fand dabei heraus, dass sich im Anschluss an das Training in bestimmten Gehirnregionen wie der Inselrinde mehr Nervenzellkörper (graue Substanz) gebildet hatten. Die Inselrinde ist beispielsweise an der Verarbeitung von Emotionen und Sinneseindrücken beteiligt. Andere Regionen verzeichneten einen Rückgang der grauen Substanz.

Welche Gehirnregionen allerdings in welchem Umfang verändert werden, hängt nicht nur vom Zeitpunkt der Untersuchung und der genauen Fragestellung ab. Auch die Art der Meditation hat einen Einfluss auf die Veränderungen. So liegt der Fokus bei der Achtsamkeitsmeditation (z. B. Konzentration auf Atem, Geräusche, Körper) eher auf der zielgerichteten Aufmerksamkeit: Hierfür ist beispielsweise die vordere Hirnrinde wichtig. Bei der sogenannten „Loving Kindness Meditation“ (Liebende-Güte-Meditation) geht es stärker um Emotionen, die etwa im Inselkortex und in der Amygdala, dem sogenannten Mandelkern, verarbeitet werden.

Die drei Achtsamkeitsnetzwerke

Bei der Achtsamkeit scheint es drei Netzwerke (also Kommunikationsnetze zwischen verschiedenen Gehirnregionen) zu geben, die besonders wichtig sind:

  1. Eines, das für die bewussten Entscheidungen und die Aufmerksamkeitsregulation zuständig ist, bestehend aus verschiedenen Bereichen der Hirnrinde wie den präfrontalen und den parietalen Kortex.
  2. Eines, das dafür sorgt, dass uns manche Dinge schneller auffallen als andere. Unter anderem sind dort die Amygdala und der Inselkortex beteiligt, außerdem Regionen im Mittelhirn.
  3. Und das Default-Mode Network, das beim unbewussten Gedankenschweifen aktiv wird.

Eine Region, die ebenfalls eine Rolle spielt, ist der Hippocampus. Er koordiniert die Speicherung von Erinnerungen (speichert sie allerdings nicht selbst) und war nach acht Wochen MBSR-Training (Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, oder auf englisch Mindfulness-based Stress Reduction) aktiver als vorher.

Letztendlich zeigen Studien recht deutlich, dass Achtsamkeitspraktiken das Gehirn verändern. Was das genau bedeutet, bleibt allerdings Spekulation. Sorgt es dafür, dass wir unsere Aufmerksamkeit nach dem Training besser lenken können? Verhalten wir uns anders, weil sich die Struktur oder die Aktivität bestimmter Gehirnregionen verändert haben? Und wie lange hält das an? Auf diese Fragen gibt es bisher keine Antworten. Nur, weil der Hirnscanner etwas zeigt, sagt das wenig über die Auswirkungen auf unser tägliches Leben, betont Britta Hölzel.

ReSource Projekt Große Studie für eine differenziertere Betrachtung

Bisher gibt es zudem recht wenige Untersuchungen, die umfangreich und mit einer methodisch schlüssigen Durchführung das meditierende Gehirn beobachten.
Eine solche Studie, von der in der Meditationsforschung oft die Rede ist, wurde 2019 von den Neurowissenschaftlerinnen und Psychologinnen Tania Singer und Veronika Engert veröffentlicht.

Darin beschreiben sie das „ReSource Projekt“, ein 9-monatiges Programm mit verschiedenen Schwerpunkten. Mit insgesamt über 300 Teilnehmenden ist es eine sehr große Meditationsstudie, deren Ziel es vor allem war, die unterschiedlichen Aspekte der Meditationsvarianten zu beleuchten.

Aufgebaut war die Studie aus drei Modulen: einem Gegenwärtigkeitstraining, einem Emotions- (bzw. Affekt-) Training und einem Perspektivwechsel-Training. Die Testgruppen durchliefen diese Module für je drei Monate in variierenden Reihenfolgen, dazu kamen verschiedene Kontrollgruppen.

Singer und Engert verglichen, was in den Gehirnen – aber auch im Verhalten und Empfinden – der Testpersonen vor und nach jedem Modul geschehen war. Die einzelnen Ergebnisse waren allerdings gar nicht der Knackpunkt. Vielmehr ging es den Forscherinnen darum, die Komplexität des Themas zu verdeutlichen und klarzustellen, dass wir weder in der Forschung noch im Alltag einheitlich von „Achtsamkeit“ oder „Meditation“ sprechen können. Stattdessen sollten wir immer genau hinsehen, welche Aspekte bei welcher Art von Praxis wichtig sind.

Diese Studie ist ebenfalls nicht perfekt (was ist das schon), wie die Autorinnen selbst beschreiben – manche Schwierigkeiten werden sich auch in zukünftigen Untersuchungen nicht vermeiden lassen. So müssen sich die Forschenden darauf verlassen können, dass die Teilnehmenden sich an die vorgegebenen Übungen halten, die ja zu einem großen Teil in den normalen Alltag integriert werden sollen.

Wie geht es nun weiter in der Forschung?

Als sehr wichtig erachten Singer und Engert, dass zukünftige Studien noch genauer auf die Unterschiede der jeweiligen Achtsamkeits- und Meditationspraktiken blicken und auch einzelne Komponenten gezielt untersuchen.

Zudem plädieren sie dafür, das Individuum mehr zu beachten: Manche Praktiken könnten für bestimmte Menschen von Vorteil, für andere sogar schädlich sein. Wer etwa frühe traumatische Erlebnisse durchlebt hat oder unter Depressionen leidet, könnte negative Erfahrungen bei Meditationen mit einem Fokus auf Emotionen machen.

Dazu kommt eine weitere Frage, mit der sich die Forschung laut Singer und Engert beschäftigen sollte: Wie lange dauert es, bis das Achtsamkeits- oder Meditationstraining das Gehirn anhaltend verändert? Antworten auf diese und andere Fragen könnten dazu beitragen, solche Programme als Interventionen bei Erkrankungen zu etablieren.

Darüber hinaus sollten wir nicht vergessen, dass es um sehr persönliche Erfahrungen geht. Wer mit gutem Gefühl Achtsamkeit praktiziert, kann das getrost weiter tun, ohne die Wissenschaft dahinter vollständig zu verstehen.

Stefanie Uhrig

Quellen:

Garrison, K.A. et al. (2015). Meditation leads to reduced default mode network activity beyond an active task. Cogn Affect Behav Neurosci. 15(3):712-720. Doi: 10.3758/s13415-015-0358-3https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4529365/

Lenhart, L. et al. (2020). Cortical reorganization processes in meditation naive participants induced by 7 weeks focused attention meditation. Behav Brain Res. 395:112828. Doi: 10.1016/j.bbr.2020.112828https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0166432820305271

Weder, B.J. (2022). Mindfulness in the focus of the neurosciences – The contribution of neuroimaging to the understanding of mindfulness. Front Behav Neurosci. 16:928522. Doi: 10.3389/fnbeh.2022.928522https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC9622333/

Singer, T. & Engert, V. (2019). It matters what you practice: Differential training effects on subjective experience, behavior, brain and body in the ReSource Project. Curr Opin Psychol. 28:151-158. Doi: 10.1016/j.copsyc.2018.12.005https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2352250X18301416

Lutz, A. et al. (2015). Investigating the phenomenological matrix of mindfulness-related practices from a neurocognitive perspective. Am Psychol. 70(7):632-658. Doi: 10.1037/a0039585https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4608430/

Wielgosz, J. et al. (2019). Mindfulness meditation and psychopathology. Annu Rev Clin Psychol. 15:285-316. Doi: 10.1146/annurev-clinpsy-021815-093423https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6597263/

Gotink, R.A. et al. (2016). 8-week mindfulness based stress reduction induces brain changes similar to traditional long-term meditation practice – A systematic review. Brain Cogn. 108:32-41. Doi: 10.1016/j.bandc.2016.07.001https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0278262616301312

Achtsamkeit – Möglichkeiten und Grenzen der Forschung

Achtsamkeit und die Entwicklung des kindlichen Gehirns

Stefanie Uhrig ist freie Wissenschaftsjournalistin und promovierte Neurowissenschaftlerin. Sie schreibt Texte über Psychologie, Neurowissenschaften und Medizin für online- und Printmedien. Ehrenamtlich engagiert sie sich bei Kiwanis, einer Charity-Organisation für Kinder. Zu ihrer Website.

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  • Kind und Gehirn: unsplash
  • Stefanie Uhrig: privat