Empathie

Gelebte Empathie – ein Schulprojekt

Das Projekt „Empathie macht Schule“ fördert positive Beziehungen in Schule. Doktorand Lukas Herrmann spricht im Interview mit Mike Kauschke über die Bedeutung von kollegialer Reflexion und darüber, wie Lehrkräfte zum Systemwandel beitragen.

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Empathie macht Schule ist ein ganzheitlicher Ansatz zur Entwicklung von Beziehungskompetenz und Empathie in der Grundschule. Es richtet sich an alle, die in der  Schule tätig sind. Das Pilotprojekt unter Leitung von Helle Jensen ist im Februar 2020 in drei Schulen in Berlin gestartet und läuft über einen Zeitraum von fünf Jahren. Die Universität Heidelberg evaluiert es wissenschaftlich – in Zusammenarbeit mit der VIA University College, Dänemark. Mike Kauschke sprach mit Doktorand Lukas Herrmann, der das Projekt als Forscher begleitet.

Das Gespräch führte Mike Kauschke
 

Was ist das Anliegen des Projekts „Empathie macht Schule“?

Lukas Herrmann: Bei Empathie macht Schule arbeiten wir seit zwei Jahren an drei Berliner Grundschulen mit Pädagog*innen, Lehrer*innen und den Schulleitungen und trainieren mit ihnen ihre Potenziale zu den Themen Beziehungskompetenz, Empathie und Achtsamkeit. Das Programm basiert auf dem Ansatz von Jesper Juul und Helle Jensen, bei dem es um Gleichwürdigkeit geht, und um die Verantwortungsübernahme für den eigenen Anteil an der Beziehung, vor allem Kindern gegenüber.

Es gibt sehr viel Forschung, die zeigt, dass die Beziehung zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen entscheidend dafür ist, wie viel die Schüler*innen lernen, sowohl akademisch als auch sozial und emotional. Mit unserem Projekt wollen wir Pädagog*innen darin unterstützen, positive Beziehungen mit den Schüler*innen aufzubauen. Damit richtet sich das Programm an einen blinden Fleck in der Lehrerausbildung.

Die Arbeit an Beziehungen wird zum professionellen Selbstverständnis.

Wie ist das Projekt aufgebaut?

Herrmann: Das Projekt umfasst sechs Module à drei Tage mit sehr alltagstauglichen Übungen rund um Achtsamkeit, Empathie und Selbstgefühl. Wir arbeiten dabei auch an konkreten Beziehungen, die die Kolleg*innen mit herausfordernden Kindern oder Eltern haben. Zu Beginn liegt der Fokus darauf, nach einem Konflikt wieder bei sich selbst anzukommen. Dieser Aspekt, bei sich zu sein, wird im Lehrerberuf kaum beleuchtet. Es geht dabei um Selbsterfahrung: Was macht das mit mir? Wie komme ich bei mir an? Wie kümmere ich mich um mich?

Die Kolleg*innen lernen miteinander klärende Gespräche zu führen und „kollegiale Reflexion“ durchzuführen. So wird die Arbeit an herausfordernden Beziehungen zum professionellen Selbstverständnis und Teil der gelebten Praxis an den Schulen.

Welche Methoden aus Achtsamkeit und Gesprächspraxis wenden Sie dabei an?

Herrmann: Wir arbeiten mit dem Modell „Die fünf natürlichen Kompetenzen“. Dazu gehören Atem, Körper, Bewusstsein, das Herz spüren und Kreativität. Es sind fünf Möglichkeiten, mit denen man sich im gegenwärtigen Moment verankern kann. Man kann z.B. Körperübungen nutzen, die einen in eine hohe Energie bringen. Oder Übungen wie den Body-Scan, der uns in eine tiefe Entspannung führt. Das sind Übungen, die die Lehrer und Lehrerinnen für sich machen können, aber auch mit den Kindern.

Daneben gibt es verschiedene Gesprächsformate wie das „Reflexionsmodell“ für unterstützende Gespräche unter Kolleg*innen: Eine Fokusperson schildert einem Dialogpartner eine herausfordernde Situation. Eine dritte Person hört zu und ist der Reflexionspartner, an den sich der Dialogpartner wenden kann. Dadurch ist es möglich, die Situation aus mehreren Perspektiven zu betrachten.

Die gesteigerte Beziehungskompetenz und Präsenz der Lehrkräfte wirkt sich sofort aus.

Wie werden diese Impulse von den Lehrer*innen angenommen und wie glückt das in der Praxis? 

Herrmann: Die Teilnehmenden waren zum großen Teil dankbar oder waren erst mal oft überrascht: So, ich bin hier und es geht um mich? Es geht jetzt nicht darum, etwas zu leisten? Einige sagten, ‚normalerweise befinden wir uns ja immer in so einer Maschine. Und jetzt geht es auf einmal um das Menschliche, das ja die ganze Zeit eigentlich auch stattfindet.‘ Und durch diese Einsicht entsteht ein Feld, Berührung und Entspannung werden spürbar. Die Atmosphäre, die wir in den Modulen gemeinsam miteinander kreiert haben, war sehr wohltuend.

Außerdem wirkt sich die gesteigerte Beziehungskompetenz und Präsenz der Lehrkräfte sofort aus. Wohl auch als Burn-out-Prophylaxe, was wegen Corona und den damit zusammenhängenden Belastungen noch wichtiger geworden ist. Ich glaube tatsächlich, dass wir durch dieses Programm ein paar Burnout-Fälle verhindern konnten.

Sie arbeiten auch mit „sozialen Feldern“, wie erleben Sie diesen Aspekt in diesem Projekt?

Herrmann: Die Beziehungskompetenz ist eine Feldkompetenz, d.h. Lehrer*innen haben und erwerben hier sowohl die theoretischen Kenntnisse als auch praktische Expertise. Es gibt zum Beispiel Lehrer*innen, die wissen, wie sie im Klassenraum ein energetisierendes oder ein soziales Feld herstellen können. Sie nutzen ihre innere Haltung, um dafür zu sorgen, dass die Kinder wirklich anwesend und bereit sind für das Lernen.

Eine Lehrerin macht zum Beispiel einen Herzens-Kreis, bei dem jeder sagen darf, wie er oder sie gerade da ist. Sie sagt auch wie sie da ist, weil sie ja dazu gehört. Durch so eine Eröffnungsrunde kann jede:r einen kleinen Teil von „seinem Päckchen“ ablegen. Und am Ende merkt sie, dass die Klasse mit mehr Wachheit da ist. Sie navigiert die  Schüler*innen die ganze Zeit in einem sozialen Feld und diese Fähigkeit, das Soziale, wächst durch das, was sie bei Empathie macht Schule lernt.

Wodurch wächst diese Fähigkeit?

Herrmann: Zum einen durch die achtsame Wahrnehmung des Feldes, zum anderen durch das Verstehen darüber, warum sich Kinder so verhalten, wie sie es tun. Wenn wir vom sozialen Feld sprechen, meinen wir ein System, das sich ständig gegenseitig beeinflusst und in dem sich Muster der Interaktion verfestigen können. Das Feld wirkt dann wiederum darauf, dass sich bestimmte Formen des Umgangs miteinander einspielen und dann auch ansteckend wirken auf andere.

Wenn eine Lehrkraft ins Burnout rutscht, dann sind auch die Kinder betroffen.

Es gibt Forschungen, die zeigen, dass zum Beispiel Burnout „durch das Feld wandert“. Wenn ein Lehrer oder eine Lehrerin ins Burnout rutscht, dann sind auch die Kinder betroffen. Man findet bei ihnen beispielsweise einen höheren Spiegel des Stresshormons Cortisol. Unsere Gefühle sind ansteckend und finden nicht nur im Individuum, sondern finden zwischen Menschen in Gruppen und Systemen statt. Qualitäten wie Präsenz und Zentriertheit wirken sich also auf das gesamte Feld aus.

Wenn der Lehrer oder die Lehrerin mit mehr Sensibilität und Wachheit für die kleinen Signale, die durchs Feld wandern, anwesend ist, dann kann das soziale Feld zu einem sogenannten „generativen sozialen Feld“ werden. Dann gibt es eine sich verstärkende Wechselwirkung von positiven Qualitäten wie Klarheit, Mitgefühl, Freude, Neugier, Präsenz und Selbstregulation im Klassenraum.

Wie sehen Sie Ihr Projekt im Spannungsfeld zwischen der individuellen Veränderung der Lehrerinnen und Lehrer und der Frage, wie solch eine neue Haltung auch das System Schule verändern kann?

Herrmann: Eine Schulleitung sagte mir: „Alles, was im Bildungssystem in Deutschland vorgegeben wird, steht dem entgegen, was wir mit Empathie macht Schule kreieren wollen.“ Die Pädagog*innen erleben, wie es sein könnte. Dadurch entsteht eine enorme Spannung. Das Projekt läuft jetzt seit zweieinhalb Jahren und die Arbeit an der strukturellen Dimension wird jetzt zunehmend mit hineinkommen.

Jetzt geht die zweite Kohorte an jeder Schule durch das Training, wodurch die erlernten Fähigkeiten in den Schulen mehr Gewicht bekommen. Für die weitreichende Implementierung des Projekts ist eine Institutionalisierung erforderlich. Das stößt natürlich schnell an Grenzen. Aber wenn die Lehrer*innen die neuen Ansätze im Unterricht anwenden, tragen sie zu einem Systemwandel bei.

Eine Schulleiterin hat gesagt, „‘Empathie macht Schule‘ ist ein notwendiges Erdbeben – für mich und für das ganze Schulsystem.“

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Lukas HerrmannLukas Herrmann ist Psychologe, Aktionsforscher, ausgebildeter Familientherapeut und derzeit Doktorand an der Universität Heidelberg. Er hat mehrjährige Erfahrung als Prozessbegleiter und als Forscher zu den Themen Mitgefühl und Achtsamkeit am Max-Planck-Institut. Co-Autor von “Know Thy Selves: Learning to Understand Oneself Increases the Ability to Understand Others“ (Journal of Cognitive Enhancement 1:2, 2017: 197-209). Er lebt mit seinem Sohn in Berlin.

Hier kommen Sie auf die Website des Projektes Empathie macht Schule.

Das Projekt wird vom AVE Institut gefördert.

 

 

Projekt: Empathie macht Schule

Blog Empathie macht Schule

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  • Illustration: Nadia Bormotova / Gettyimages
  • Lukas Herrmann: privat