Eltern und Kind

Gute Bindung – besseres Unterrichtsklima

Der Schulpsychologe André Meier verbindet evolutions- und lerntheoretisches Wissen mit neuesten Erkenntnissen aus der Stress- und Bindungsforschung. Er plädiert dafür, diesen erweiterten Blick auf die Kinder unbedingt auch im Kontext Schule zu berücksichtigen.

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Bindung entwickelt sich aus der wechselseitigen Beziehung zwischen dem Kind und seinen nahen Bezugspersonen. Die Bindungstheorie betrachtet seit Mitte des 20. Jahrhunderts die Bedingungen dafür, dass ein Kind ein sicheres Bindungsverhalten entwickelt bzw. welches Erziehungsverhalten sich nachteilig auswirkt. Eine „sichere Bindung“ bedeutet, dass ein Kind von Menschen umgeben ist, die es sensibel wahrnehmen und begleiten, wenn es Unterstützung oder freien Raum benötigt. Auf diese Erfahrung kann es dann über kurz oder lang vertrauen, auch wenn die Bezugspersonen nicht anwesend sind.

Jedes Verhalten hat einen Grund

Der Psychologe André Meier hat lange als Lehrer und später auch als Leiter in der Klinikschule einer psychiatrischen Station mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Parallel dazu hat er sich fortgebildet im Bereich bindungsgeleiteter Interventionen. Das dort erworbene Wissen und die alltäglichen Herausforderungen mit den Schulkindern haben ihm dabei geholfen, eingefahrene, bis dahin nicht hinterfragte pädagogische Entscheidungen neu zu betrachten. Derzeit arbeitet gebürtige Jenaer als Schulpsychologe an Schulen in der Schweiz.

„Jedes Kind hat einen guten Grund für sein Verhalten. Anstatt nicht Erwünschtes zu bestrafen, sollte der pädagogische Blick immer darauf gerichtet sein, was hinter einem Verhalten steckt, was die Ursachen sind, und hier für Veränderung sorgen.

Denn kaum etwas passiert einfach so. Auch das aktuell schwierigste Benehmen war in der Vergangenheit einmal eine zielführende Strategie für ein Kind oder einen Jugendlichen, um mit den Bedingungen, unter denen es aufgewachsen ist, in irgendeiner Art zurecht zu kommen. Es half und hilft ihm in der Not.“

Beziehung statt Strafen

Wenn Kinder sich nicht wie erwartet verhalten, erfolgen von Eltern und Pädagog*innen klassischerweise Strafen oder zumindest werden Konsequenzen angedroht. Das ist jedoch kontraproduktiv, wie Meier weiß. „Ich bemerkte auch, dass Strafen das Lernverhalten nicht nachhaltig verändern, sondern dass sie zusätzlichen Stress verursachen bei einem jungen Menschen, der ohnehin schon ziemlich unter Druck steht.“ Der Druck entstehe durch den Gedanken „Ich schaff das ohnehin nicht.“ und „Dann gehöre ich auch nicht dazu.“

Meier setzt „Beziehung“ dagegen: Er schenkt den Schüler*innen Aufmerksamkeit und Interesse, Mitgefühl und bei aufkommendem Stress Unterstützung und Hilfe – und das zeigt Wirkung. Die Kinder und Jugendlichen fangen wieder an, sich für das Lernen zu interessieren.

Kindliche Agression und Abwehr im Kontext sehen

Alltag für Meier als Schulpsychologe: Zeigt ein Schüler beispielsweise aggressive Abwehr, wenn er zur Mitarbeit aufgefordert wird, hört man schnell den Ruf nach verhaltenstherapeutischen Maßnahmen und Vorwürfe gegenüber dem Kind.

„Häufig wird mir ein Kind mit dem Blick vorgestellt, das Problem sei beim Kind. Aber jede Entwicklung findet im Kontext von Beziehungen statt. Und jede Störung von Beziehung hat eine Auswirkung auf die Entwicklung des Kindes.“ Sowohl eine problematische Eltern-Kind-Beziehung wie auch eine schwierige Lehrkraft-Kind-Beziehung oder auch ungute Gleichaltrigen-Beziehungen innerhalb einer Klasse können solch eine Störung verursachen.

Die Aggression kann also auch daher rühren, dass die Eltern starken Notendruck machen, dass es Mobbing durch die Mitschüler*innen gibt oder die Lehrkraft gerade diese/diesen Schüler*in unbewusst benachteiligt.

Werden diese Faktoren mitbetrachtet, blickt man umfassender und gütiger auf das Kind: Möglicherweise ist seine Aggression eine Reaktion auf sein Umfeld. Es hat sich angepasst, handelt nicht bewusst niederträchtig und ist im Grunde nicht schuld.

An Schulen müsste viel mehr ins gesamte Beziehungssystem eines Schülers geschaut werden. Nur so wird nichts übersehen und es kann nachhaltig geholfen werden.

Die Rolle der Eltern

Betroffenen Eltern empfiehlt André Meier ebenfalls therapeutische Arbeit, beispielsweise mittels Schematherapie: Ihre eigenen Erfahrungen mit Bindung, Beziehung, Konfliktlösung und auch Lernen beeinflussen den Umgang mit ihrem Kind. Eltern können sich fragen: „Was bedeutet eigentlich Fürsorge? Wie bin ich sozial? Wie lerne ich? Was sind meine Glaubenssätze? Aber auch: Wie gestresst bin ich?

„Das bestimmt alles unbewusst meinen Erziehungsstil mit“, erklärt der Schulpsychologe und beschreibt, dass er diese Bereiche mit den Erwachsenen in ihr Bewusstsein holt. Dabei sind ihm zwei Blickrichtungen wichtig:

  1. weg von Schuldfragen: Es ist nicht so relevant was war bzw. wer was getan hat. Wichtig ist, wo das herkam, wie der aktuelle Stand ist und was zukünftig gemacht werden kann.
  2. kindzentriert schauen: kindzentriert meint hier eben nicht „Das Kind ist das Problem!“ und benötigt Diagnostik, sondern „Wir Eltern wollen für das Kind etwas verändern!“

Lernen unter Stress – geht nicht

In der Schule zu lernen kann nur gut funktionieren, wenn die Schüler*innen Stress und Anspannung gut bewältigen können. Schüler*innen, die schlechte Erfahrungen in ihren Beziehungen gemacht haben oder machen, sind gestresster.

So werden beispielsweise bei anspruchsvollen Aufgaben Stresshormone ausgeschüttet, die das Kind daran hindern sich zu konzentrieren, bedacht zu handeln oder aggressive Impulse zu kontrollieren. „Das Kind fühlt sich bedroht und muss für sich kämpfen, das heißt es agiert eher schnell statt richtig“ erklärt Meier aus evolutionstheoretischer Sicht.

Haben Eltern jedoch Schwierigkeiten in der eigenen Stressregulation oder erziehen eher autoritär und wenig empathisch, hat dies negative Auswirkungen auf den Stresspegel des Kindes – auch in der Schule. Diese Kinder fallen auf. Sie stehen unter Daueranspannung und ihr auffallendes Verhalten dient eigentlich nur dazu, wieder Kontrolle und Sicherheit in der Situation zu gewinnen.

Eltern können ihrem Kind helfen, indem sie ihrem Kind zu Hause vorleben wie sie selbst ihren Stress gut bewältigen – anstatt sich beispielsweise von der kindlicher Wut anstecken zu lassen. Das Kind lernt aus solchen Beziehungsmomenten, dass unangenehme, stresshafte Zustände veränderbar sind. Und es weiß, dass es in solchen Situationen Unterstützung bekommt.

Literaturtipps und Unterstützung für Eltern

Elternratgeber wie „Wie werden wir die Eltern, die wir sein wollen“ (Nedebock, humboldt), „Bei meinem Kind mache ich das anders“ (Bergstermann/Hofer, Beltz) oder „Nicht zu streng, nicht zu eng“ (Hummel, humboldt) setzen hier an und bringen Aspekte wie Stressmanagement, Biographiearbeit und Bindungssicherheit in die Familien. Auch Kurse speziell für Eltern oder Stressbewältigungskurse sind zu empfehlen (z.B. mindful-parenting-Kurse oder MBSR-Kurse)

Die Rolle der Lehrkräfte

Natürlich gehören auch die Lehrkräfte in das Bindungs-und Beziehungs-System eines/einer Schüler*in. Mit ihnen arbeitet André Meier zum einen prophylaktisch in Fortbildungen, zum anderen akut, wenn er ein verhaltensauffälliges Kind im schulischen Kontext betrachtet. Üblicherweise führt er mit allen Seiten Vorgespräche, auch mit dem/der Schüler*in selbst, und bemüht sich dabei besonders darum, dass das Kind sich nicht als defizitär empfindet. Dann beobachtet er im Klassenraum, führt ggf. Testungen durch und empfiehlt schließlich weitere Maßnahmen.

Die Lehrkraft erhält ebenfalls Anregungen, wie sie hilfreicher mit dem Kind interagieren und in Beziehung treten kann. Denn diese Themen kommen in der Lehrkräfteausbildung nach Meiers Ansicht zu kurz: „Der Fokus der Ausbildung liegt stark auf dem didaktischen Bereich. Der Wirkfaktor einer bindungsspezifischen Feinfühligkeit einer guten Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung für gelingenden Unterricht ist teilweise wenig bekannt.“

Ein Beispiel für den Umgang: Signalisiert ein Kind einer Lehrkraft vielleicht auf sehr aggressive Art, dass es bei einer Aufgabe keine Hilfe möchte, reagiert die Lehrperson intuitiv wahrscheinlich mit Abkehr. Dies Verhalten ist u.U. ein Signal für eine unsichere Bindung. Durch die Reaktion der Lehrkraft würde das Kind in seinem Verhaltensmuster stecken bleiben und sich vermutlich weiterhin aggressiv und auch lernunwillig zeigen. Weißt die Lehrkraft dies, kann sie trotz der Ablehnung zugewandt bleiben, dem Kind „Beziehung schenken“ und damit möglicherweise letzten Endes seine Bindungssicherheit verbessern.

Hier wünscht sich der Schulpsychologe eine Veränderung: Meier hält es für unerlässlich, dass Bindungstheorie und auch der Blick auf das Bindungsverhalten der Lehrkräfte selbst (Biographiearbeit) und der Schüler*innen in die schulpädagogische Ausbildung aufgenommen werden.

Gute Beziehung, besseres Unterrichtsklima

„Wir müssen uns die Mechanismen bewusst machen! Eltern und Lehrkräfte sollten bei Kindern genauer hinsehen – und auch ihren Anteil an Situationen bearbeiten. Lehrer*innen, die mir sagen, Beziehungsarbeit sei nicht ihre pädagogische Aufgabe, weil das Therapeuten leisten müssten, haben leider etwas Grundlegendes nicht verstanden“, resümiert Meier.

Nur wem geholfen wird, sich zu regulieren und besser zu fühlen, der kann lernen und sich gesund entwickeln. Lehrkräfte, die es schaffen, gute Beziehungen zu ihren Schüler*innen aufzubauen, werden rasch auch selbst davon profitieren, da sich das Unterrichtsklima insgesamt verbessern wird. Es lohnt sich, hier Extraarbeit zu investieren, denn im Nachgang wird allen Beteiligten vieles leichter fallen.

Inke Hummel

 

André MeierAndré Meier arbeitet als Schulpsychologe an verschiedenen Schweizer Schulen und bietet nebenberuflich Supervisionen und Weiterbildungen für sonderpädagogische und pädagogische Teams an. Im Bereich bindungsgeleitete Interventionen hat er sich bei Prof. Julius in Rostock fortgebildet. Empfehlenswert sind auch die Publikationen von André Meier in der Zeitschrift Pädagogik vom Beltz Verlag:

Beziehungen zu Schüler*innen bewusst gestalten

Stressregulation in bewusst gestalteten Schüler-Lehrer-Beziehungen

 

 

Zur Weiterbildung für Pädagog*innen und Eltern empfehlen wir:

Beziehungen aktiv gestalten – Selbstlernkurs für Pädagog*innen

Inke Hummel ist pädagogische Beraterin bei sAchtsam Hummel und Autorin für Kinderbücher und Erziehungsratgeber. Im Verein „Bindungs(t)räume“ setzt sie sich dafür ein, dass Eltern und Pädagog*innen die Bedürfnisse von Kindern besser verstehen. Ihre neuesten Bücher: „Mein wunderbares wildes Kind“ (2021), „Nicht zu streng, nicht zu eng“ (2022, SPIEGEL-Bestseller) - beide bei humboldt erschienen.

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  • Eltern und Kind Bindung: sofatutor / unsplash
  • André Meier: privat