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Mental Load im Lehrerberuf

Lehrer:innen kennen den Gedanken, niemals fertig mit der Arbeit zu sein und ständig etwas vergessen zu haben. Pädagogin Ann-Marie Backmann über das Phänomen Mental Load und praktische Tipps gegen den Stress im Kopf.

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Der Lehrer:innenjob ist ein Managerberuf und wir sind Einzelkämpfer:innen. Während Manager:innen eines Unternehmens jedoch Teile ihrer Arbeit delegieren können, geht das in der Schule meist nicht. Das kann bei einer langen Liste an Aufgaben zu mentaler Überlastung führen. Denn es sind nicht nur die ToDo’s, die Arbeit machen, sondern die vielen kleinen Schritte, die damit zusammen hängen. An jedem ToDo hängen weitere Aufgaben, für die wir auch zuständig sind und an die wir denken müssen.

„Mental Load ist nicht das ToDo. Sondern alle Planungs- und Koordinierungsprozesse, die vor,

während und nach einem ToDo-Punkt stattfinden.“ Patricia Cammarata, Autorin

Ein Beispiel für Mental Load

Die Aufgabe „Material für die 8b hochladen (heute!)“ zieht eine Reihe von Vorbereitungen und Fragen nach sich, z.B.: Eignet sich das Material, das ich habe, oder erstelle ich für das Distanzlernen neues Material? Oder kaufe ich welches? Wo habe ich letztens dieses gute Material online gesehen? Ulla fragen. Ist der Mathekurs auf der Online-Plattform schon für alle freigeschaltet worden? Peter mailen. Wie kommt das Material zu denen, die kein Internet oder keinen Drucker zuhause haben? Was ist die maximale Dateigröße? Wie erstelle ich ein interaktives pdf-Dokument? Drei Kinder haben einen Förderstatus: Sie brauchen anderes Material.

Die Verantwortung für die Weiterentwicklung unserer Schüler:innen gepaart mit so vielen kleinen Aufgaben im Arbeitsalltag, führt zu mentaler Belastung.

Mental Load bedeutet Stress    

Unser Kopf ist voller ToDo’s und Terminen, für die wir verantwortlich sind und für die wir Energie aufwenden müssen. Es steigt die Sorge, etwas zu vergessen, jemanden nicht zu bedenken, Fehler zu machen.

Zudem haben Lehrer:innen oft eine Familie mit Kindern – hier fallen eine Vielzahl von Pflichten und Terminen an, die einen auch während der Arbeit gedanklich beschäftigen können, z.B. daran denken, dass die Tochter morgen für die Kita neue Wechselwäsche braucht, dass die nächste Untersuchung beim Kinderarzt ansteht und ein Termin gemacht werden muss, es soll nächste Woche heiß werden: nicht vergessen, Sonnenhüte zu besorgen, bevor sie überall ausverkauft sind.

Wir gehen mit unserer ToDo-Liste zu Bett und stehen am nächsten morgen wieder mit ihr auf. Dadurch können wir in Stress geraten.

Im Stress fehlt uns wiederum Energie und das Gespür für ein empathisches, fürsorgliches, entspanntes Miteinander. Das belastet uns selbst und unser Umfeld. Die ganze Atmosphäre kann davon belastet sein.

Ein weiteres Merkmal unserer Arbeit ist, dass wir viele spontane Entscheidungen treffen müssen, insbesondere im Unterricht oder in der Interaktion mit Kolleg:innen „zwischen Tür und Angel“. Das kann den Stress erhöhen und mitunter zu Entscheidungsmüdigkeit führen, wenn wir zuhause sind.

Wie können wir mit Mental Load umgehen?

Arbeitsteilung und Teamarbeit: Wir können im Kollegium auf verschiedenen Ebenen zusammenarbeiten, um das Einzelkämpfertum hinter uns zu lassen. Ein wichtiger Punkt ist dabei die gegenseitige Entlastung beim Unterrichtsmaterial. Hier ein paar Ideen:

  • Standards festlegen: Was muss enthalten sein, was kann rein?
  • Wieso erstellen, wenn es auch etwas zu kaufen gibt? Verschiedene Portale sind voll von kreativen Materialien (z.B. der eduki oder Schulportal)
  • Es gilt der Grundsatz ‚Beziehung vor Arbeitsblatt‘. Denn die Schüler:innen lernen durch uns, nicht durch Papier.
  • Das gesamte Schuljahr im Team vorbereiten und die Arbeit zur Unterrichtsvorbereitung aufteilen: So macht jede:r ausgewählte Reihen und stellt sie allen zur Verfügung.

Außerdem übernehmen in der Schule oft dieselben Kolleg:innen unsichtbare Aufgaben, die einen alltäglichen Ablauf sicherstellen. Hier gilt es, diese Aufgaben sichtbar zu machen, zu verteilen und eine Form der Wertschätzung zu finden. Das kann z.B. ein finanzieller Ausgleich oder eine Aufmerksamkeit bei der Lehrer:innenkonferenz sein.

Ein Hilfsmittel, um den „Mental Load“ zu testen finden Sie hier ‚Mental Load @Work‘. Diesen können Sie leicht auf die Schule übertragen und im Team oder Kollegium nutzen.

Verantwortung abgeben: Ich bin ein Fan von offenen Settings, die den Schüler:innen Selbstständigkeit ermöglichen. Bei jeder Planung von Unterricht können wir uns fragen: Was können sie schon alleine? Wo werden wir eigentlich kaum noch lenkend gebraucht? Welche neuen Wege können wir im Team oder in der Fachschaft gehen, um Selbstständigkeit weiter zu fördern?

Schluss mit Perfektionismus: Liegt die Hauptverantwortung für einen Bereich bei uns, steigen mit der Zeit unsere eigenen Ansprüche. Wir gewinnen immer mehr Routine darin und wollen noch schneller sein, noch genauer, noch besser.

Und wenn die Wertschätzung von außen fehlt, entwickeln wir unser eigenes Belohnungssystem. Wir denken: Wenn wir es nur gut genug machen, fällt es doch noch irgendjemandem auf! Oder wenn wir es nur schnell genug machen, sind wir selbst endlich zufrieden.

Hier hilft mir immer folgender Gedanke: Es sagt nichts über mich als Mensch aus, wie sorgfältig mein Schulmaterial erstellt ist oder wenn Teile des Lehrplans am Ende des (Corona-)Schuljahres nicht bearbeitet sind. Meine Person von der Arbeit zu trennen, ermöglicht es mir, trotz Stress entspannt bei der Arbeit zu bleiben.

Eine andere Form des Perfektionismus ist übrigens, dass wir uns im schulischen Kontext häufig keine negativen Gefühle wie Wut, Traurigkeit oder Scham erlauben. Diese Gefühle sind jedoch wichtig und wir sollten ihnen Raum geben.

Wir dürfen uns also davon verabschieden, perfekte Pädagog:innen zu sein. Mein Anspruch an mich selbst ist, authentisch zu sein. Nur so kann ich eine Beziehung zu meinen Schüler:innen und Kolleg:innen aufbauen. So grüble ich nachts weniger über mein Verhalten.

Selbstfürsorge: Abschließend möchte ich noch eine Inspiration von der Lehrerin und Podcasterin Martina Schmidt empfehlen. Ihr geht es um die Selbstfürsorge: Wie wäre es, wenn wir unsere Arbeit so vorbereiten und umsetzen, dass sie nicht nur gut und richtig für die Schüler:innen ist, sondern auch stimmig für uns selbst – in dem Sinne, dass wir klar, ruhig und in unserer Kraft sein können? Brauche ich z.B. an einem langen Schultag Zeit zum Durchatmen, kann eine Stillarbeitsphase im Unterricht genau das Richtige sein. Auch eine gemeinsame körperliche Bewegungsübung kann gut tun und den Kopf frei machen. Letztlich gilt: Gute Lehrer:innen sind gesunde Lehrer:innen!

Ann-Marie Backmann

Ann-Marie Backmann
Ann-Marie Backmann

Ann-Marie Backmann ist Lehrerin, Referentin, Bloggerin, Schulcoach – und Mutter von drei Kindern. Sie unterstützt Lehrer:innen und Eltern dabei, mehr Wertschätzung und Vertrauen in ihre Beziehungen zu bringen. Weitere Artikel und Angebote für Lehrercoaching finden Sie auf ihrer Seite Beziehungsweise Schule.

Bildquellen dieser Seite anzeigen

  • too much: go2 / photocase.de
  • Ann-Marie Backmann: privat