Foto Helle Jensen Teachers for life

Die Beziehung ist wichtig für das Lernen

Die Psychologin und Familientherapeutin Helle Jensen setzt im Umgang mit Schülern auf Empathie und Beziehung, statt Autorität und Hierarchie. Sie ermutigt im Interview, sich selbst zu spüren und Kinder gut zu begleiten.

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Das Interview führte Birgit Stratmann

Frage: Sie stehen gemeinsam mit Ihrem Kollegen Jesper Juul für einen Paradigmenwechsel in der Erziehung: weg vom hierarchisch geprägten, aber auch vom antiautoritären Erziehungsstil. Wie sieht eine zeitgemäße, fruchtbare Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern aus?

Helle Jensen: Die Entwicklungspsychologie sagt uns: Kinder kommen mit sozialen Fähigkeiten auf die Welt. Früher dachte man, dass die Kinder wie kleine Wilde wären. Mit Bestrafen und Disziplin wollte man ihren egozentrischen und narzisstischen Tendenzen entgegenwirken.

Heute wissen wir, dass das nicht stimmt. Wir können von Anfang an eine respektvolle Beziehung aufbauen und die Kinder unterstützen. Gleichzeitig übernehmen wir Verantwortung. Kinder brauchen Richtlinien und müssen unsere Grenzen spüren, aber wir bleiben offen für den Dialog.

Frage: Für Sie steht also die Beziehung im Mittelpunkt, und sie wollen die Beziehungskompetenz stärken. Was genau ist das?

Jensen: Beziehungskompetenz definieren wir als die Fähigkeit, das Kind „zu sehen“ und das eigene Verhalten darauf abzustimmen, ohne zugleich die Führung abzugeben. Das heißt, wir sind mit uns selbst in Beziehung und begegnen den Kindern mit Empathie. Wenn ein Kind auffällig ist, geht es eigentlich darum, dass das Kind um seine Integrität kämpft.

Frage: Wer in Beziehung sein will, muss sich selbst gut kennen. Wie geht das in einer Gesellschaft, in der Menschen stark nach außen gerichtet sind?

Jensen: Das ist genau das Problem! Als Jesper Juul und ich angefangen haben, zur Beziehungskompetenz zu arbeiten, gingen wir vor allem über den Dialog. Wenn du das, was in dir ist, im Gespräch ausdrücken kannst, bekommst du mehr Klarheit.

Ich selbst habe dann angefangen zu meditieren, auch Meditation ist eine gute Möglichkeit, in Beziehung zu sein. Hier geht es vor allem darum, dass wir Kontakt zu unserer Atmung, zu Körper und Herz aufnehmen. Das haben wir in der Schule ausprobiert: mit Lehrkräften und mit Kindern.

Frage: Welche Erfahrungen haben Sie in Schulen damit gemacht?

Nach ersten Versuchen mit wenigen Teilnehmer:innen haben wir ein Entwicklungsprojekt in der Lehrerausbildung in Dänemark gestartet. Über vier Jahre lang haben wir zwei Klassen in der Lehrerausbildung mit unserem Ansatz der Beziehungskompetenz vertraut gemacht.

Die Ergebnisse waren ermutigend. Manche Student:innen, die jetzt fertig sind, sagten, sie wüssten nicht, wie sie den Lehrerberuf ohne diese innere Kompetenzen ausüben könnten. Die Entwicklungspsychologie zeigt uns: Entwicklung geht über Beziehung. Auch für die Vermittlung fachlicher Kompetenzen, sei es Mathe oder Dänisch-Unterricht, brauchen wir eine gute Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülern.

Empathie ist das, was in unserer Gesellschaft am meisten fehlt

Frage: Sie werben für eine andere Art von Schule – was schwebt Ihnen vor?

Jensen: Die Regelschulen in Dänemark und Deutschland sind recht unterschiedlich. In Skandinavien sind wir schon etwas weiter. In Deutschland, wo ich viel gearbeitet habe, brauchen wir den Schritt vom Gehorsam zur Verantwortung.

Hierzulande sind die hierarchischen Beziehungen immer noch vorherrschend: wie man Kinder sieht und mit ihnen umgeht. Zwar wollen viele deutsche Lehrerinnen und Lehrer keinen Gehorsam, aber es ist nicht leicht, aus dem autoritären System auszubrechen. Das alte System brachte unnötige Verletzungen auf Seiten von Kindern und Erwachsenen. Der Respekt fehlte.

Ich habe viel mit Lehrern gearbeitet, die unter Druck sind. Die Frage ist: Wie finden sie Sicherheit in sich selbst, so dass sie mit persönlicher Autorität vor die Klasse treten. Das ist ein himmelweiter Unterschied zu einer Autorität, die aus einer Rolle kommt. Nur aus persönlicher Autorität und Integrität kann Respekt seitens der Kinder entstehen. So kommt mehr Menschlichkeit in die Klasse und das Klima ist weniger von Angst geprägt.

In Deutschland denken die Lehrer oft: Wenn ich locker bin und mehr Menschlichkeit zeige, komme ich mit dem Stoff nicht durch. Wir wollen ihnen neue Werkzeuge vermitteln, so dass sie die alten Muster von Gehorsam und Autorität langsam ablegen können.

Frage: Was wären diese neuen Werkzeuge?

Jensen: Vor allem Dialog und Beziehung. Letztlich geht es um Empathie – das ist ja das, was in unserer Gesellschaft am meisten fehlt. Aber diese können wir nur entwickeln, wenn wir bei uns selbst anfangen. Sind wir uns selbst vertraut, dann begegnen wir auch anderen mitfühlend.

Ich möchte gern Lehrkräften Methoden anbieten, die ihnen helfen, sich selbst zu spüren und die Kinder angemessen zu begleiten. Dann kann eine Atmosphäre entstehen, in der sich die Kinder angenommen fühlen und Ruhe einkehrt.

Es geht in kleinen Schritten mit kleinen Übungen, etwa Achtsamkeitspausen im Mathe-Unterricht. In den Schulen heute gibt es viele Probleme, und das Lehrpersonal ist ratlos, wie damit umzugehen ist. Sie suchen händeringend nach Unterstützung.

Mein Ziel ist, dass innere Kompetenzen in der Regelschule etabliert werden.

Frage: In Ihrem Buch „Hellwach und ganz bei sich – Empathie und Achtsamkeit in der Schule“ stellen Sie zahlreiche Übungen vor. Können Sie Beispiele nennen?

Jensen: Eine gute Sache ist zum Beispiel der Aufmerksamkeitszirkel. Die Schülerinnen und Schüler werden angehalten innezuhalten und zu prüfen, wie hoch oder niedrig ihre Aufmerksamkeit ist.

Weiter gibt es die Aufzugübung, eine Atemübung: Man stellt sich vor, dass es eine kleine Kugel im Körper gibt, die zwischen Kopf und Bauch hin- und herrollt. Wenn du einatmest, rollt sie herunter, wenn du ausatmest, bewegt sie sich wieder nach oben.

Manchmal sind auch Methoden gut, die die Kinder mehr in Bewegung bringen, etwa dass sie auf ihren Stuhl steigen und wieder zurück. Gut ist auch, kurze Phasen von Bewegung und Stille abzuwechseln.

Frage: Wie reagieren die Lehrer auf derlei Übungen?

Jensen: Diejenigen, die in unsere Kurse kommen, sind offen. Aber es gibt auch Skepsis und Vorbehalte. Daher ist es wichtig, alles freiwillig anzubieten und keinen Druck zu erzeugen. Es gab einen Lehrer, der explizit sagte, dass er so etwas nicht machen will. Und wir haben ihn darin bestärkt, seinem Bedürfnis zu folgen.

Menschen sind verschieden, nicht für jeden sind Meditation und Achtsamkeit das Richtige. Es gibt für Menschen gute Gründe, nicht nach innen zu schauen.

Frage: Was sehen Sie als Ihre wichtigste Aufgabe in den nächsten Jahren an?

Jensen: Ich möchte mich in der Lehrerausbildung engagieren, also mit angehenden Lehrkräften, aber auch mit Lehrenden, die im Beruf stehen, arbeiten. Mein Ziel ist, dass innere Kompetenzen wie Empathie, Achtsamkeit, Beziehung in der Regelschule implementiert werden – überall dort, wo ich arbeite, also in Dänemark, Deutschland, Schweiz und Österreich. Es soll Alltag in den Schulen werden.

Das Interview erschien zuerst und in voller Länge im Online-Magazin Ethik heute.

 

Foto Helle JensenHelle Jensen ist Psychologin und Familientherapeutin. Zusammen mit Jesper Juul hat sie ein Konzept zur Stärkung von Beziehungskompetenz für Lehrkräfte und Erzieher:innen entwickelt. Sie ist Vorsitzende und Mitgegründerin der „Dänischen Gesellschaft zur Förderung der Weisheit bei Kindern“. Verantwortlich für das von der Europäischen Union geförderte Programm Hand in Hand, das soziale, emotionale und interkulturelle Komptenzen in der Lehrerausbildung vermittelt. Autorin mehrerer Bücher.

 

Bücher von Helle Jensen

Hellwach und ganz bei sich. Achtsamkeit und Empathie in der Schule. Beltz Verlag 2017

Schule braucht Beziehung. Gelungene Lehrer-Eltern-Gespräche. Beltz Verlag 2016

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  • Szenenbild: Teachers for life
  • Helle Jensen: Rui Camilo